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: Gaulchens Tierpark

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Unbestritten als bedeutendster deutscher Tierbildhauer der Moderne in die Kunstgeschichte eingegangen ist der Berliner August Gaul (1869 bis 1921) als Schöpfer von Plastiken, die zwischen naturtreuer Wiedergabe und souveräner Stilisierung den Prototyp ausgewählter Gattungen verkörperten. Von Sammlern unvermindert ...

          Unbestritten als bedeutendster deutscher Tierbildhauer der Moderne in die Kunstgeschichte eingegangen ist der Berliner August Gaul (1869 bis 1921) als Schöpfer von Plastiken, die zwischen naturtreuer Wiedergabe und souveräner Stilisierung den Prototyp ausgewählter Gattungen verkörperten. Von Sammlern unvermindert begehrt, gehört Gauls Menagerie zu den Konstanten des zeitgenössischen Kunstmarktes. Nach einer ersten großen Retrospektive, die das Berliner Georg-Kolbe-Museum 1999 zusammentrug, ist die Nachfrage noch einmal deutlich gestiegen, ungeachtet der Tatsache, dass verantwortungslos getätigte Nachgüsse zu Unsicherheiten bei der Bewertung einer Vielzahl der unterschiedlichsten Ausformungen geführt haben.

          Josephine Gablers Werkverzeichnis der Skulpturen zeichnet sich durch den Versuch aus, die Spreu der unlimitierten Reproduktionen vom Weizen der gesicherten Originale zu trennen, wobei das Hauptaugenmerk der Autorin Einzelheiten des streckenweise sorglosen Umganges mit August Gauls Nachlass gilt. Gegenüber einem ersten OEuvrekatalog, mit dem der Dresdner Angelo Walther 1961 die Doktorwürde erlangte, haben die seinerzeit erfassten 250 Objekte bei Gabler einen Zuwachs von weiteren fünfzig Katalognummern erfahren. Akribisch ermittelt wurden einstige und aktuelle Besitzverhältnisse, Ausstellungsbeteiligungen und Offerten der großen Auktionshäuser. Da sich die Erben des Künstlers Anfragen nach Anzahl und Motiven von Neugüssen entzogen, fällt es schwer, das Dunkel ihrer inflationären Verbreitung zu lichten.

          August Gaul durchläuft eine mehrjährige Ausbildung zum Bildhauer. Als Gehilfe des neobarocken Reinhold Begas darf er zwei der vier Löwen am Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal vor dem Berliner Stadtschloss modellieren. Nachdem Gaul eine Dauerfreikarte für den Berliner Zoo gewonnen hatte, wurde er einer der emsigsten Stammgäste des Geheges und ging dort meist schon in aller Frühe dem Studium exotischer Tiere nach.

          Von einem Studienaufenthalt in Italien zurückgekehrt, wird Gaul mit zwei eng aneinandergeschmiegten "Römischen Ziegen" einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Seinen jungen Ruhm befestigt die Einladung, die zotteligen Paarhufer 1900 auf der Pariser Weltausstellung zu präsentieren. Als Gründungsmitglied der Berliner Secession lernt er den einflussreichen Galeristen Paul Cassirer kennen, der ihn unter Vertrag nimmt und für prominente Kundschaft sorgt. Als Käufer und Auftraggeber verbürgt sind unter anderen der Maler Max Liebermann, der Kohlemagnat Eduard Arnhold, der Zeitungsmogul Rudolf Mosse, der Reeder Albert Ballin und der Chemiker Franz Oppenheim. Unter den Museumsdirektoren war es Alfred Lichtwark, der bereits 1906 nicht weniger als neun Tierplastiken für die Hamburger Kunsthalle erwarb, darunter die großäugigen "Zwei Käuzchen", den "Vogel Strauß", einen Adler und einen Fischotter. Bezeichnenderweise richtete Gaul, stets die prägnanteste Erscheinungsform des Tieres im Blick, sein Hauptinteresse auf (noch) nicht domizilierte Kreaturen, auf Löwen, Bären, Elefanten und Affen, Widder und Wisente, Seelöwen und Pinguine, Fischotter und Wasservögel. Bis auf die Figur eines Hermes am Hauptportal des Hamburger Klöpperhauses, eine unbekleidete "Circe" und einen "Eselsreiter", für den Gauls Sohn Modell stand, ermangelt dem Werk die Menschendarstellung. In der Berliner City haben sich zwei Brunnen mit Enten und Schwänen erhalten, in Hamburg ein Wasserbecken mit Pinguinen. Pferden und Hunden vermochte Gaul wenig abzugewinnen, hingegen erfreute er die Schauspielerin Tilla Durieux mit einer sprungbereiten Katze und deren Ehemann Paul Cassirer mit einer zur Kühlerfigur umgeformten Variante des kapriziösen Geschöpfes.

          Von Anfang an ließ der im Ziselieren erfahrene Künstler seine Metallplastiken, um selbst letzte Hand anlegen zu können, in Hermann Noacks renommierter Bildgießerei herstellen. In weiser Beschränkung auf eine begrenzte Stückzahl wurden die Güsse Paul Cassirers Klientel als Kostbarkeiten angeboten. Gemeinsam mit Ernst Barlach und Max Esser erstellte der Galerist gleich nach Gauls Ableben im Alter von nur einundfünfzig Jahren eine Liste exemplarischer Arbeiten, deren Qualität eine begrenzte Auflage nahelegte.

          Der gewinnorientierte Ehemann von Gauls Tochter Charlotte, Curt Reinheldt, missachtete die Verfügung des illustren Gremiums und begann bereits in den frühen zwanziger Jahren Modelle, die vom Nachguss ausgeschlossen werden sollten, in Bronze zu realisieren. Abnehmern galt der Gießerstempel "H. Noack Berlin Friedenau" als Garantie, an die Authentizität der unlimitierten Güsse zu glauben.

          In dem gern als Bonvivant und Zyniker geschilderten Impressionistenhändler Paul Cassirer besaß der introvertierte August Gaul nicht nur einen lebenslangen Förderer, sondern darüber hinaus einen verständnisvollen Freund. Kein anderer als "Paulchen" war es denn auch, der seinem "Gaulchen" in dessen Todesstunde am 18. Oktober 1921 Beistand leistete und später versuchte, den Kern des Werkes in seiner stringenten Urform zu erhalten.

          CAMILLA BLECHEN.

          Josephine Gabler: "August Gaul". Das Werkverzeichnis der Skulpturen. Jaron-Verlag, Berlin 2007. 288 S., 445 Abb., geb., 34,90 [Euro].

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