Anfang 1820 - im Zuge der Romantikbegeisterung - wurde den Intellektuellen in Frankreich bewußt, daß die Revolution einen Teil der nationalen Vergangenheit fast getilgt hatte. Kunstwerke, Bücher, Kathedralen und Denkmäler waren systematisch zerstört worden. Was an Gebäuden oder Denkmälern übrigblieb, wurde zweckentfremdet. Man nutzte die Bausteine gotischer Kathedralen, um Häuser zu bauen, mutwillig ließ man Loire-Schlösser zu Viehställen verkommen. Die zunächst privaten, später staatlichen Bemühungen, einen Teil des nationalen Erbes zu retten, führten zu sporadischen, meist improvisierten Restaurierungsversuchen.
Im Jahr 1830 suchte das Kabinett des Königs Louis-Philippe einen Weg, die eigene neue Macht zu legitimieren. Der Glanz des Mittelalters sollte auch durch die Wiederherstellung der mittelalterlichen Denkmäler auf ihn fallen. Im Oktober 1830 wurde deshalb die Stelle eines "Inspecteur des Monuments Historiques" geschaffen. Der heftige Aufschrei von Victor Hugo in der "Revue des Deux Mondes" 1832 ("La guerre aux démolisseurs!") machte auch der Öffentlichkeit klar, wie es um die Vergangenheit der "grande nation" stand.
Dem ersten Inspektor folgte 1834 der durch seine historischen Romane berühmt gewordene Schriftsteller Prosper Mérimée: Unsentimental, pragmatisch und entschlossen, zu retten, was zu retten ist, reist Mérimée durch ganz Frankreich, um wenigstens ein Inventar der bedrohten Denkmäler zu erstellen: "Alles läuft auf 250 Jahre Arbeit und neun Hundert Zeichenbände hinaus", bemerkt er ironisch. Bald wird klar, daß unsachgemäße Rettungsversuche eine genauso große Gefahr darstellen wie das Laisser-faire. Eine "Commission" soll dafür sorgen, daß mit genauen Zeichnungen alle ästhetisch wichtigen Gegenstände - Statuen, Gemälde, Denkmäler - erfaßt werden. Es gilt, "Quellen für eine vollständige Geschichte der Kunst Frankreichs" zu erschließen. Keine zwei Jahre später gelingt es Mérimée, eine Liste mit knapp eintausendeinhundert Denkmälern herzustellen.
Mérimée unternimmt unzählige Reisen in die französische Provinz, die den zum Teil katastrophalen Zustand vieler Denkmäler offenbaren. Die Kommission geht so weit, daß sie einige der von Mérimée besichtigten Ruinen kauft, um sie unter der Aufsicht von Architekten (der Beitrag des Architekten Eugène Viollet-le-Duc, der Mérimée assistiert, gehört zu den wichtigsten und erfolgreichsten in der französischen Architekturgeschichte) zu restaurieren und sich etwa gegen den Vandalismus der Armee, die immer noch in einigen Denkmälern "haust", etwa in Schloß Blois, zu wehren. Die fortschreitende Industrialisierung, vor allem die neuen Eisenbahnlinien, macht nur selten vor den "alten Steinen" halt - nach heftigen Protesten etwa vor dem Kloster in Moissac.
Am 26. Juni 1851 beauftragt der französische Innenminister Léon Faucher fünf Fotografen mit der Mission, 175 ausgewählte Denkmäler in ganz Frankreich zu fotografieren und diese Aufnahmen der "Commission des Monuments Historiques" zur Verfügung zu stellen, die sie dann an auserwählte Architekten weiterleitet: Diese sollen, so gut es geht, den Originalzustand wiederherstellen und mit Hilfe der Fotografie möglichst detailgetreu bei der Restaurierung vorgehen. Ende Juni und Anfang Juli 1851 erläutert die fotografische Zeitschrift "La Lumière" die Mission der fünf Fotografen: Edouard Baldus soll den Süden erkunden, Gustave Le Gray und Mestral den Südwesten, Henri Le Secq den Norden und Nordosten, Hippolyte Bayard die Regionen nördlich und nordwestlich von Paris. Mestral und Le Gray gehen zusammen auf Reise, die übrigen allein.
Nur zwei Monate zuvor hatte Gustave Le Gray mit einer bahnbrechenden Erfindung die bis dato unüberwindbaren Probleme der Reisefotografie gelöst: Mit dem Auftrag von Bienenwachs auf Negativpapier war es fortan nicht mehr notwendig, unmittelbar vor der Aufnahme das speziell für die Negativtechnik entwickelte Papier mit chemischen Substanzen zu imprägnieren. Es war auch nicht mehr notwendig, das Negativ sofort nach der Belichtung zu entwickeln. Le Grays Verfahren ermöglichte es, das Negativ bis zu vierzehn Tage lang aufzubewahren und mit der Entwicklung bis in die Abendstunden zu warten. So ließen sich die strapaziösen Kutschenreisen mit der bis zu drei Zentner wiegenden fotografischen Apparatur besser organisieren. Durch den Wachsbezug gelang es Le Gray ebenfalls, auf der ganzen Oberfläche eine gleichmäßige Beschichtung zu erreichen. Störende weiße Flächen auf den Albuminabzügen, mit denen die Fotografen bis zu diesem Tag zu kämpfen hatten, waren passé.
Im Herbst kehren die Fotografen zurück. Während die "Commission" aus der reichen Ausbeute nur 258 Fotografien und Negative auswählt und unterschiedliche Preise an die Fotografen bezahlt, scheint sie geflissentlich zu übersehen, daß einige auf der Liste stehende Denkmäler gar nicht fotografiert wurden. Die Fotografen haben über den Winter Zeit, die Abzüge zu machen und der Kommission zur Auswahl vorzulegen - sie werden fürstlich entlohnt. Baldus wendet beim antiken Theater in Nîmes zum ersten Mal das Panoramaprinzip an - aus mehreren genau angepaßten Einzelaufnahmen stellt er ein Panorama zusammen -, so daß deren Preis der höchste sein wird: hundert Franken für den Abzug und 360 Franken für das Negativ, während der Wochenlohn eines Arbeiters zwischen drei und fünf Franken liegt. Es gibt keinen Hinweis darauf, daß die Kommission in dieser Zeit etwa moniert hätte, daß Bayard gar keine Fotografie geliefert hat - weder unmittelbar nach dem Ende der Mission noch später.
In ihrem Buch "La mission héliographique. Cinq photographes parcourent la France en 1851" hat Anne de Mondenard, Kuratorin für Fotografie an der Médiathèque de l'Architecture et du Patrimoine in Paris, nach zehnjähriger Recherche den genauen Verlauf der Mission im Sommer 1851 rekonstruiert. Außerdem hat sie genau bestimmt, welche Fotografien die "Commission des Monuments Historiques" für ihre Zwecke wählte und welche sie verwarf. Als nach 1880 Fotografien und Negative getrennt wurden (und von den letzteren "Neuabzüge" angefertigt wurden), war die Verwirrung komplett, als es darum ging, die "Vintage-Prints" aus den Händen der Fotografen von späteren Abzügen zu trennen. Selbstverständlich haben die Fotografen selbst auch mehrere verschiedene Ansichten desselben Denkmals angefertigt und verkauft - da sie von der Kommission um Mérimée nicht unter "Kopierschutz" gestellt waren.
Die Fotografien aus der "Mission" sind im Buch minutiös reproduziert: So begreift man schnell, welche ästhetischen und architektonischen Gesichtspunkte die Kommission verfolgte: Es ging mehr um den Gesamteindruck als um die Details. Auch die "Erhabenheit" spielte eine große Rolle. Dadurch war dem Architekten eine relative Freiheit bei der Restaurierung gewährt. Gleichzeitig beachtete man herausragende Details gotischer Kirchen (etwa bei der Kathedrale in Straßburg, deren Skulpturen Le Secq mit Hilfe des Seitenlichts eindrucksvoll eine räumliche Dimension verlieh) oder die Tiefendimension (wie etwa in der beeindruckenden Raumcollage von Baldus im Klostergang von Moissac).
Einige Fotografien sind mit der Zeit (ursprünglich glänzten diese Fotografien durch tiefe Schwärzen und genauso prononcierten Kontrast zum Weiß des Albuminpapiers) vergilbt - die Abhandlung von Anne de Mondenard gibt den jetzigen Zustand wieder. Andere Abzüge - etwa von Baldus - haben bis heute ihre ursprüngliche Qualität (fast) behalten. Mondenards Hypothese jedoch, daß Bayard - eben weil er mit Le Gray und Baldus in der Qualität nicht mithalten konnte - keine Abzüge ablieferte, läßt sich weder dementieren noch bestätigen.
Es gibt keine Reisenotizen, obwohl und gerade weil die Reisen beschwerlich waren. Es gibt (bis auf eine kurze Ankündigung in der fotografischen Zeitschrift "La Lumière") keine Berichterstattung über dieses einzigartige Unternehmen. Es herrscht sogar Ungewißheit über die Lebensdaten und den Namen eines der teilnehmenden Fotografen - Mestral, von dem selbst sein Vorname unbekannt geblieben ist. Und es ist bis heute nicht geklärt, warum die erste systematische fotografische Erfassung architektonischer Denkmäler Frankreichs nie veröffentlicht wurde. Die sogenannte "Mission héliographique", wie sie seit den siebziger Jahren genannt wird, war das aufregendste (durch die tägliche "Revolution" im Bereich der fotografischen Verfahren), das weitreichendste (die fünf teilnehmenden Fotografen etablierten nur während eines Sommers ästhetische Standards der Architekturfotografie) und das umfassendste fotografische Unternehmen, das je unternommen wurde. Wie konnte es dazu kommen, daß ein solches Projekt fast anderthalb Jahrhunderte lang in Vergessenheit geriet?
Letztendlich scheint es, daß es eher eine politische Entscheidung (und nicht etwa eine mögliche Mißgunst innerhalb der "Commission") war, die dazu führte, daß - trotz mehrmaliger Mahnungen des Fotografiekritikers Francis Wey 1853 und 1854 - keine der Fotografien der "Mission héliographique" veröffentlicht wurde, denn dadurch wäre die Regierung Napoléons ins Zwielicht geraten: Zu viele Denkmäler befanden sich in einem noch schlimmeren Zustand als zwanzig Jahre zuvor, wenn man etwa den Zeichnungen der 1820 erschienenen "Voyages pittoresques et romantiques dans l'ancienne France" des Schriftstellers Charles Nodier und einer ganzen Reihe hervorragender französischer Zeichner glauben darf. Und dies wollte "Napoléon le Petit" - wie er später von Hugo verspottet wurde - nach einem gelungenen "Putsch" im Dezember 1852 nicht auf sich und seinen Ministern sitzen lassen.
Anne de Mondenard: "La mission héliographique". Cinq photographes parcourent la France en 1851. Éditions du patrimoine, Paris 2002. 319 S., inkl. eines "Catalogue raisonné", geb., 69,- [Euro].