13.01.2003 · Jenseits modischer Unschärfen: Albert-László Barabásis Plan einer neuen Netzwerk-Wissenschaft
Es ist dem rasanten Siegeszug des "world wide web" zu danken, daß Begriffe wie Netz, Netzwerk oder Vernetzung heute längst nicht mehr nur zum Fachvokabular von Informatik und Kybernetik gehören, sondern in jüngster Zeit auch in den Kultur- und Sozialwissenschaften als Beschreibungsmodelle populär geworden sind. In eine Metapher umgemünzt, markieren Netzwerke hier gerade jene strukturelle Offenheit und Komplexität, um welche die poststrukturale Debatte mit Vorliebe kreist und die man dort sonst allenfalls mit dem eher sperrigen Begriff des Rhizoms in ein Bild zu fassen versuchte.
Vor einigen Jahren hatte der Konstanzer Physiker Jürgen Audretsch aber gerade solche Begriffsanleihen zwischen den einzelnen Disziplinen im Blick, als er in dieser Zeitung (F.A.Z. vom 15. März 1994) kritisch nach Gründen für die allgemeine Verbreitung von Wörtern wie Synergie, Quantensprung, Chaos oder eben auch Vernetzung fragte. Der von ihm damals geäußerte Vorbehalt, daß mit der Metaphorisierung von komplexen Fachbegriffen eher einem "concept dropping" als einer wirklichen Klärung von fachlichen Problemen Vorschub geleistet wird, sollte unverändert ernst genommen werden.
Um so begrüßenswerter ist es daher, daß der aus Ungarn stammende, seit Jahren an amerikanischen Universitäten lehrende Physiker Albert-László Barabási nun einen äußerst lesenswerten Bericht über die Ergebnisse seiner Netzwerk-Forschung vorgelegt hat, der erkennbar an ein breites Publikum adressiert ist: Zum einen ist dies bedingt durch den stets leserfreundlichen Stil, der sich allerdings leider all zu häufig im Erzählen eher nebensächlicher Anekdoten verliert. Zum anderen aber, und das ist freilich bedeutender, unternimmt Barabási den überzeugenden Versuch, die Erkenntnisse seiner physikalischen Arbeit für eine sehr viel weiter reichende Forschung aufzuschließen und somit die Grundlage zu schaffen für eine sich gerade erst konstituierende interdisziplinäre "Netzwerk-Wissenschaft", wie dies der Untertitel des Buches programmatisch annonciert.
Am Anfang jeder Netzwerk-Theorie stehen zwei Fragen. Zunächst ganz generell: Was sind Netzwerke überhaupt? Die Antwort hierauf fällt leicht: Netzwerke werden beschrieben als Systeme aus Knoten ("nodes"), die sich durch Verbindungen ("links") zu komplexen Strukturen vereinen. Man kann hier genausogut an das dingliche Netz von Stromleitungen zwischen verschiedenen Kraftwerken denken oder aber auch an ein virtuelles Netz, mit welchem etwa der Infektionsweg ansteckender Krankheiten beschrieben wird. Die zweite Frage nach dem spezifischen Aufbau, also nach der Struktur von Netzwerken ist ungleich schwerer zu beantworten.
Traditionellerweise folgte man hier der These der beiden ungarischen Mathematiker Erdös und Rényi, wonach Netzwerke zufällig und ungeordnet entstehen und daher die Verteilungswahrscheinlichkeit der Links zwischen den Knoten im gesamten System gleich groß ist. Dieser "random"-These widerspricht Barabási nun aber für die von ihm untersuchten natürliche Netze grundsätzlich: Verhielte es sich so, wie Erdös und Rényi behaupten, dann müßten alle Knoten eines bestimmten Netzes über eine jeweils berechenbare Zahl an Links mit allen anderen Knoten verbunden sein. Bekannt geworden ist diese Überlegung in den sechziger Jahren als "small world"-Phänomen: Alle Amerikaner seien über eine Kette von nur fünf oder sechs Bekanntschaften miteinander zusammengeschlossen.
Doch Barabásis genauer Blick auf solche Netze erweist, daß dieser Zufälligkeit im Aufbau des Netzes enge Grenzen gesetzt sind: So stehen im Internet zum Beispiel einer immensen Vielzahl nur schwach frequentierter Websites einige wenige gegenüber, die sprichwörtlich jedermann kennt und nutzt. Eine solche klare Hierarchie führt zur Ausbildung von einigen wenigen Zentren ("hubs"), um die herum sich die gesamte Struktur des Netzes organisiert. Das heißt: Je entwickelter ein Netzwerk ist, um so deutlicher läßt sich zwischen Zentrum und Peripherie unterscheiden. Der Faktor Zeit spielt hier eine wichtige Rolle: Je früher ein Knoten im System des Netzes bereits angelegt wurde, um so größer sind seine Chancen, sich selbst zu einem solchen machtvollen Zentrum auszubilden, denn neu hinzukommende Links siedeln sich nach dem Prinzip "rich get richer" vorzugsweise an bereits existierende Zentren an.
Der schöne Mythos vom demokratischen und durch grenzenlose Freiheit bestimmten Internet sollte angesichts dieser Neigung der Netze zur allmählichen und schleichenden Monopolbildung wohl noch einmal neu befragt werden. Unübersehbar sind Netze damit zugleich auch ein effizientes Instrument zur Verteilung von Einfluß und Macht.
Barabási zeigt im übrigen aber einleuchtend am Beispiel der Suchmaschine Google, daß man auch als "new kid on the block" in einem längst etablierten und in seinen Strukturen schon stark ausgeprägten Netz immer dann eine Chance hat, sich zu behaupten, wenn man auffallend attraktiver ist, als alle anderen es sind. Nur so konnte sich Google als spät gestartete und zunächst völlig unbekannte Website innerhalb kürzester Zeit gegenüber allen anderen Konkurrenten zu einem der populärsten und meistgenutzten "hubs" des Internets überhaupt mausern. Es ist Barabási sehr zu danken, mit seiner ebenso inspirierten wie gründlichen Analyse einem heute allgegenwärtigen und eben dadurch beinahe schon ins Beliebige ausgeweiteten Begriff endlich wieder eine präzise umrissene Bedeutung gegeben zu haben. Denn damit ist nun nicht allein jene wünschenswerte begriffliche Klärung eingelöst, die Jürgen Audretsch mit guten Gründen reklamiert hatte, sondern von hier aus könnte tatsächlich eine interdisziplinäre Netzwerk-Forschung ihren Ausgang nehmen, die sowohl die Natur- als auch die Kultur- und Sozialwissenschaften in sich vereint.
STEFFEN SIEGEL
Albert-László Barabási: "Linked". The New Science of Networks. Perseus Publishing. Cambridge/Massachusetts 2002. 280 S., geb., 26,- US-Dollar.