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Friedrich Weltzien: „Fleck - Das Bild der Selbsttätigkeit“ Zuerst der Fleck, dann die Idee und zuletzt ein Bild

Geahnte Formen: Friedrich Weltzien stellt Justinus Kerners berühmte Klecksographien in ihren Kontext.

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Es geht um Freiheit. So beginnt Friedrich Weltziens Studie, die sich einem auf den ersten Blick unscheinbaren Gegenstand widmet, dem Fleck. Dieser entwickelt jedoch gegen den Anschein des Marginalen, Unbedeutenden und Störenden im neunzehnten Jahrhundert ein erstaunliches Potential. Er wird zum Inbild von Selbsttätigkeit und Autonomie, also von zwei Kategorien, die konstitutiv sind für das Selbstverständnis der Moderne. Der Fleck entsteht von allein und bezeugt eine Aktivität des Materiellen, die ohne Einwirkung der menschlichen Hand und des menschlichen Willens unbestimmte, aber dennoch sprechende Gestalten hervorzubringen vermag. Denn im Fleck werden verborgene Wirkmächte sichtbar, seien es Naturgesetze oder aber auch Geister, die ohne ihn verborgen blieben. Doch nur durch eine spezifisch menschliche Fähigkeit wird das Entziffern von Kräften und Zeichen im Fleck möglich: durch das freie Spiel der Einbildungskraft.

Dass Flecken die wundersamsten Phantasieanregenden Gestalten bergen, wissen schon Kinder, die sich die Langeweile im Krankenbett mit der Suche nach Figuren und Zeichen in unsauberen Stellen an der Zimmerdecke vertreiben. Im neunzehnten Jahrhundert wird das Herstellen und Deuten von Klecksen zu einem wissenschaftlich begründeten und genutzten Verfahren, das Aufschluss geben soll über die Tätigkeit des menschlichen Vorstellungsvermögens einerseits und die Gesetze des Bildens und Sichtbarwerdens in einem weiten Sinne andererseits. Weltzien interessiert sich aber gerade nicht für die rezeptionsästhetische Dimension im Umgang mit dem Fleck, also für die Frage nach der Wirkung von selbsttätig entstandenen Bildern auf die Einbildungskraft. Die Studie thematisiert vielmehr die Vorstellungen von Bildlichkeit und Sichtbarkeit, die diesen Praktiken zugrunde liegen, aber auch, ja vor allem die Herstellungsverfahren selbst und deren Theoretisierung.

Das Entziffern von Klecksen war ein Gesellschaftsspiel

Dreh- und Angelpunkt ist dabei die Klecksographie des Arztes und Dichters Justinus Kerner, der sich 1819 in einem schwäbischen Städtchen niedergelassen hatte. Ausgezeichnet für seine Forschungen zu bakteriellen Lebensmittelvergiftungen und sein Engagement in der Choleraprophylaxe, stand einiges auf dem Spiel, als Kerner darüber nachdachte, ein kleines Buch mit Klecksographien zu veröffentlichen. Sein Interesse für das Sichtbarwerden immaterieller, dem Auge verborgener Phänomene hatte schon in seinem zweibändigen Hauptwerk "Die Seherin von Prevost. Eröffnungen über das innere Leben des Menschen und über das Hereinragen einer Geisterwelt in unsere" - einer Schrift, die von Mesmers Magnetismustheorien genährt war - Spott in der Fachwelt ausgelöst. Dies mag der Grund gewesen sein, dass das druckfertige Album mit den Klecksographien dann doch erst nach dem Tod Kerners durch seinen Sohn publiziert wurde.

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