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: Frei von allen Nebentönen

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Wer nach Auschwitz über die Geschichte der deutschen Juden oder der jüdischen Deutschen schreibt, tut das meistens mit einem bitteren Ton, manchmal auch anklagend oder sehnsüchtig auf eine Zeit zurückblickend, in der noch von einer deutsch-jüdischen Symbiose gesprochen werden konnte. Doch Elons "Porträt der ...

          Wer nach Auschwitz über die Geschichte der deutschen Juden oder der jüdischen Deutschen schreibt, tut das meistens mit einem bitteren Ton, manchmal auch anklagend oder sehnsüchtig auf eine Zeit zurückblickend, in der noch von einer deutsch-jüdischen Symbiose gesprochen werden konnte. Doch Elons "Porträt der jüdisch-deutschen Epoche" zwischen 1743 und 1933, an den Rändern markiert durch die Namen Moses Mendelssohn und Adolf Hitler, scheint frei von allen Nebentönen. Der 1926 geborene Jerusalemer Journalist Elon erzählt einfach, wie es war, er berichtet von den Höhen und Tiefen dieser Geschichte, wobei er hinzufügt: "Vor 1932 weitaus mehr Höhen."

          Wer nämlich die Tragödie des Endes verstehen wolle, müsse zuerst die Triumphe der Geschichte erkennen. Denn trotz des Berliner Antisemitismusstreits, trotz der Zurückweisungen und Demütigungen der Juden, waren die knapp zweihundert Jahre der "jüdisch-deutschen Epoche" eine Blütezeit der deutschen Kultur, der sich die Juden zugehörig gefühlt haben. Amos Elon berichtet, wenn auch unter einem spezifischen Blickwinkel, von der deutschen Kulturgeschichte. Zu dieser hätten sich sicher auch die orthodoxen Juden gezählt, etwa Samson Raphael Hirsch und Isaak Breuer. Doch über diese schweigt der Autor, obwohl auch sie sich als deutsche Juden und nicht als Juden in Deutschland (wie es heute in den Formulierungen des "Zentralrats der Juden in Deutschland" heißt) gefühlt haben. Seine Liebe scheint mehr dem Judentum der Vernunft zu gehören. Malt der Autor vielleicht eher ein Porträt der deutsch-jüdischen Epoche als das einer jüdisch-deutschen?

          Amos Elon ist stolz auf die deutsch-jüdische Epoche, und dieser Stolz macht vielleicht die Schwäche dieses Berichts aus. Wenn Elon von "dem jüdischen Beitrag" zur Wissenschaft und Kultur jener Zeit spricht, dann häufen sich Reihungen wie diese: "Einstein, Freud, Mahler, Zweig, Werfel, Husserl, Hofmannsthal, Ehrlich, Willstätter, Mauthner", oder: "Walter Benjamin, Karl Marx, Heinrich Heine" oder: "Felix Mendelssohn Bartholdy, Heine, Eduard Gans, Paul Heyse, Adolf von Baeyer". Die wenigsten der hier Genannten waren bewußte Juden, einige das, was man Judenhasser nennt, einige zum Christentum Konvertierte, einige einfach nur deutsche Gelehrte. Um die Größe des deutschen Judentums ins rechte Licht zu rücken, macht Elon das, was man "einen gelben Stern verpassen" nennt, er löst das Judentum vom Deutschtum. Hierin folgt Elon ausdrücklich "der Sartreschen Definition, wonach derjenige Jude ist, der von anderen als Jude angesehen wird - unabhängig von seiner religiösen oder ethnischen Orientierung". Doch als Martin Heidegger seinen Lehrer Edmund Husserl als Juden behandelte, war das eine Demütigung, und Mendelssohn Bartholdys Bach-Interpretation heute als die eines Juden zu bezeichnen wäre geradezu grotesk, es klänge in Deutschland fast rassistisch.

          Daß heute in Deutschland Husserl "nur" als Philosoph und Mendelssohn Bartholdy "nur" als Komponist gesehen werden, ist sicher gut. Doch auch der Jerusalemer Blick auf jene andere Zeit hat seine Berechtigung. Er macht deutlich, wie es einmal war. Klingt der Bericht Elons heute schon wie Märchen aus goldener Zeit, aus jener anderen Zeit, die für immer verloren ist? Auch schmerzliche Erinnerungen sind nötig.

          FRIEDRICH NIEWÖHNER

          Amos Elon: "Zu einer anderen Zeit". Porträt der jüdisch-deutschen Epoche (1743 - 1933). Aus dem Amerikanischen von Matthias Fienbork. Carl Hanser Verlag, München, Wien 2003. 423 S., geb., 24,90 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.04.2003, Nr. 86 / Seite 42

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