04.03.2011 · Ein lebenskluges Buch über die Poesie des Sammelns: Fredrik Sjöbergs faszinierender Essay rankt sich um das Leben von Gustaf Eisen, einem vergessenen Universalgenie, mit dem er die Welt entdeckt.
Von Michael AdrianDas Leben eines allenfalls in Spezialistenkreisen noch bekannten Naturwissenschaftlers scheint kaum ein Thema zu sein, für das ein breiteres Publikum sich interessieren müsste. Anders liegt der Fall, wenn sich der schwedische Biologe, Schriftsteller, Journalist und Literaturkritiker Fredrik Sjöberg der Sache annimmt, wie zumindest die Leser seines wundervollen, 2008 auf deutsch erschienenen Buches „Die Fliegenfalle“ wissen. Dort hatte der Autor dem vergessenen Stockholmer Insektenforscher René Malaise nachgespürt und die Spurenlese auf den Fersen dieses naturkundlichen Abenteurers mit seiner eigenen Biografie als Fliegensammler und Inselbewohner durchmischt - sowie mit einer Fülle von Reflexionen darüber, was das denn alles bedeutet: zu sammeln, sich eine Insel als Lebensort zu wählen, sich forschend vom Hundertsten ins Tausendste und wieder zurück treiben zu lassen.
Nun ist es ein gewisser Gustaf Eisen, der von 1847 bis 1940 lebte, ein Baum von einem Wissenschaftler gleichsam, um den sich Sjöbergs neuer biographisch-autobiographischer Essay rankt, und man muss sagen, Werk und Wirken dieses Mannes böten an sich schon Stoff für eine üppige Lebensschilderung. Nach frühen botanischen Studien in seiner schwedischen Heimat wandert der junge Forscher nach Kalifornien aus, wo er bald federführend für die Akademie der Wissenschaften tätig wird - unter anderem als Archäologe, Ethnologe und Biologe.
Von Abbrüchen und Neuanfängen
Der „Gott der Regenwurmforschung“, dessen Systematik auch Darwin beeindruckt (mit dem er Briefe wechselt), belässt es freilich nicht beim Studium wirbelloser Tiere - oder etwa der Untersuchung der Anopheles-Mücke, die schließlich zur Identifizierung des Malariaerregers führt. Darüber hinaus betätigt er sich als Pionier der Wein-, Rosinen-, Gartenbau- und Feigenindustrie (seine Bücher „The Fig“ und „The Raisin Industry“ gelten noch heute als Standardwerke), führt die Avocado in Kalifornien ein, reist mit Friedrich Ratzel, dem Begründer der Kulturgeografie, fünfmal durch die Sierra Nevada und setzt die Gründung des Sequoia-Nationalparks durch. Ganz zu schweigen von seinen Innovationen in der Mikroskoptechnik, seinen Erfolgen als Porträtfotograf und dem Aufbau der größten Sammlung antiker Mayatextilien.
Fasziniert folgt der Leser dem Rhythmus von Abbrüchen und Neuanfängen, den Sjöberg aus dieser Fülle ganz unterschiedlicher Leistungen herausliest. Beim Erdbeben und großen Brand von San Francisco im April 1906 fallen fast Eisens gesamte Sammlungen, Archive und Korrespondenzen den Flammen zum Opfer. Was macht so einer dann, mit fast sechzig Jahren? Er fängt noch einmal von vorne an. Eisen widmet sich nun dem Studium von Glasperlen, um zehn Jahre später auch auf diesem Gebiet als Koryphäe dazustehen. Er ersinnt Datierungsmethoden für das in allen Kulturschichten anzutreffende Schmuckstück, verfasst ein umfangreiches Werk zum Thema - und er malt seine Glasperlen.
Taxonomischer Ehrgeiz
Vierzigtausend Miniatur-Aquarelle fertigt Eisen an, „geordnet nach einem großartigen System, ein ganzes Universum in Miniatur“, das der Autor ein halbes Jahrhundert später vergessen in einem Stockholmer Archiv aufspürt. Doch damit nicht genug. In einem Antiquitätenladen glaubt Eisen, auf den Heiligen Gral gestoßen zu sein. Heute steht der reich verzierte Silberkelch, den er dort entdeckte, aber falsch datierte, im Metropolitan Museum of Art in Manhattan. Über das prachtvolle Buch, das er zu seinem vermeintlichen Sensationsfund herausbrachte, sagt Sjöberg: „Es ist das größte, schwerste und kostbarste Buch in meinem Besitz. Schraubt man ihm Beine an, hat man einen Tisch.“
Auch eine dreibändige Sammlung mit Porträts von George Washington zählt zu den Veröffentlichungen des Forschers. Längst hat sich sein vergleichender und taxonomischer Ehrgeiz von der Natur- auf die Kunst- und Kulturgeschichte verlagert. Darin gleicht er der Entwicklung von Sjöbergs eigenen Interessen. Von ihm ist in dem so launig-pointiert wie nachdenklich geschriebenen Buch nicht weniger die Rede als von seinem unerschöpflich produktiven Landsmann. Wie Gustaf Eisen beginnt Sjöberg schon in jungen Jahren mit dem Botanisieren; und so verknüpft er das Sinnieren über dessen Werdegang mit der Frage nach den Motiven des eigenen Lebenswegs: Am Anfang von Eisens Karriere stünden „mit Sicherheit hunderte Exkursionen mit einer Botanisiertrommel und in kurzen Hosen; ein Konzentrat, an dem man fast erstickt, das sich jedoch mit fünf Teilen Fantasie und eigenen Erinnerungen gut verdünnen lässt“.
Ein wildes nächtliches Blinken
Die Geschichte seiner Schwebfliegensammlung, die im Jahr 2009 sogar auf der Biennale in Venedig ausgestellt wurde, hat Sjöberg in „Die Fliegenfalle“ erzählt. Jetzt geht er den Antrieben des Sammelns und Forschens anhand von Erinnerungen nach, die um das suggestive Bild einer „Naturgeschichte der Sommernacht“ kreisen. Hinreißend etwa die Schilderung, wie er als Knabe versucht, an die Glühlampe einer Straßenlaterne heranzukommen, um mit ihrer Hilfe Schmetterlinge anzulocken. Zwar misslingen seine heimlichen nächtlichen Bemühungen, doch münden sie in eine Erforschung des Beleuchtungssystems seiner Heimatstadt, mit dem der Junge alsbald originelle Dinge anzustellen weiß. Als Krönung seiner Beschäftigung mit den Straßenlampen Västerviks gelingt es ihm, die ganze Stadt in ein wildes nächtliches Blinken zu versetzen.
Dieser Junge, „der irgendwohin unterwegs war“, wird zwar „wiederkehrende Käferphasen“ durchlaufen und folgerichtig Biologie studieren. Als er sich aber ernsthaft akademisch spezialisieren müsste, vermag er sich nicht für eine nachvollziehbare Karriere zu entscheiden. Ganz im Unterschied zu seinen Freunden, die Jahre später „gelegentlich als abgezehrte Professoren in fußläufiger Entfernung vom Gestrigen“ auftauchen, in akademischen Revieren, „so dichtgedrängt wie in einer Papageientaucherkolonie“.
Pippi Langstrumpfs Bedeutung
Vielleicht weil Sjöberg seine Naturbegeisterung nicht einhegen kann, beginnt er zu schreiben, zu übersetzen und Geschichten von Naturforschung als Passion zu erzählen. In der „Fliegenfalle“ hatte das Inseldasein - die „Suche nach einem Sinn im Dasein mit Hilfe von etwas klar Abgegrenztem“ - das Motiv gebildet, an das sich die Betrachtungen des Autors anlagern konnten. Im „Rosinenkönig“ leisten dies die scheinbar abrupten Hakenschläge von Gustaf Eisens Interessen, die Kehrtwendungen, die jemand machen muss, dessen Neugier auf die Welt keine disziplinären Grenzen kennt. Der Satz, dass alles mit allem zusammenhängt, so leichthin gesagt, scheint jedenfalls einen höchst wendigen Kopf zu erfordern, wenn er denn wirklich den roten Faden eines Lebensweges bilden soll. Der Abweg ist das Ziel, könnte das Motto dieser zauberhaft ausgreifenden Prosa lauten, die dank Paul Berfs Übersetzung auch im Deutschen ein Lesevergnügen ist.
So ist in diesem Buch, das wahrlich ein Genre für sich bildet, von vielen Dingen die Rede: von August Strindberg, in dessen Prosa sein Studienkollege und langjähriger Mäzen Gustaf Eisen Spuren hinterließ, von der Einsamkeit rein männlicher naturkundlicher Fächer (“irgendetwas an der Kombination von Insekten und Sammeln wirkt auf Frauen extrem abschreckend“), von der Bedeutung „Pippi Langstrumpfs“ für den schwedischen Baumschutz, aber auch von Sjöbergs Skepsis gegenüber einem Naturschutzgedanken, der sich einzig an der Bewahrung des Ist-Zustands orientiert. Im Kaleidoskop seiner Neugierde arrangiert sich dabei die Fülle der Welt zu immer neuen verblüffenden Arrangements.
Er kannte hundert Eichhörnchen persönlich
Unter der Hand beschreibt Sjöberg einen großen Bogen, der von der Erkundung einzelner Arten - als den „Vokabeln“ der Natur - zur Sehnsucht nach der größeren Erzählung reicht, letztlich nach so etwas wie der Poesie des Lebens. Es ist diese Fluchtlinie, die den Zauber seines Buches ausmacht. Bei aller Ironie und Selbstironie für die entrückten „Knopfologen“, wie Strindberg die Sammler nannte, hat der Autor einen tiefen Sinn für die Faszinationskraft und Tragweite kleinster Befunde, aber auch für die weiten Wege, die sie Menschen gehen lassen, hin zu größeren Zusammenhängen.
Gustaf Eisen jedenfalls, dieser aus der Zeit gefallene Renaissancemensch, scheint am Ende seine Lebensinsel gefunden zu haben. Die letzten zwanzig Jahre seines Lebens verbringt er in New York. Während er tagsüber lernt, Keilschriften zu lesen, um ein Buch über babylonische und mesopotamische Zylindersiegel vorzubereiten, geht er jeden Morgen drei Stunden im Central Park spazieren, Eichhörnchen und Vögel fütternd. „Er kannte über hundert Eichhörnchen als Individuen, mit Namen und allem. Man darf annehmen, dass die Freundschaft erwidert wurde. Er muss eine der wirklich prägnanten Gestalten des Parks gewesen sein, wahrscheinlich hoch respektiert. Und so erzählt man sich, dass die Parkverwaltung jedes Jahr eine Limousine mieten ließ, die Eisen durch den Park fuhr, überallhin, damit er die Bäume auswählen konnte, an denen neue Nistkästen angebracht werden sollten.“ Auch das Leben der Tiere und die Passionen der Menschen hängen manchmal eng zusammen in diesem wunderbaren Buch.