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: Frauen in Geisteskammern

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Der Name Schücking hat immer noch Klang. Den meisten fällt der westfälische Dichter und Musenfreund, der Gefährte von Annette von Droste-Hülshoff ein, dessen eigene Romane und Schriften allerdings weithin vergessen sind. In Kiel gibt es ein Walther-Schücking-Institut für Internationales Recht, das ...

          Der Name Schücking hat immer noch Klang. Den meisten fällt der westfälische Dichter und Musenfreund, der Gefährte von Annette von Droste-Hülshoff ein, dessen eigene Romane und Schriften allerdings weithin vergessen sind. In Kiel gibt es ein Walther-Schücking-Institut für Internationales Recht, das an den ersten deutschen Richter am Internationalen Gerichtshof in Den Haag erinnert, einen Enkel des Dichters. Sein Bruder Lothar Engelbert war Bürgermeister in Husum und machte sich einen Namen im Kampf gegen Verpreußung und Verjunkerung im Jahr 1909. Neben dem Politiker und Juristen gibt es den dritten Bruder, den Geisteswissenschaftler Levin Ludwig Schücking.

          Der aus dem Münsterland stammende Anglist war nicht nur der bedeutendste deutsche Shakespeare-Forscher, sondern legte mit seiner Soziologie der Geschmacksbildung auch wichtige Grundlagen für die heutigen Kulturstudien. Er gehört zu den ganz wenigen Literaturwissenschaftlern, die nach einem halben bis ganzen Jahrhundert noch zitiert werden, auch in englischen Shakespeare-Ausgaben.

          Vor einigen Jahren erschien sein Briefwechsel mit dem befreundeten Balladendichter Börries von Münchhausen, in dem Umrisse eines Charakters sichtbar wurden: liberal, pazifistisch, wertkonservativ, dichterisch begabt. Nun liegt ein autobiographisches Selbstbildnis vor, das erst kürzlich aus den Archiven gehievt wurde dank dem unermüdlichen Eifer des jungen Wissenschaftshistorikers Ulf Morgenstern. Der Herausgeber hat dazu Schückings eigene lyrische Werke versammelt: handwerklich gut gemachte Gedichte, aber doch eher Spätromantik. Balladen werden neu belebt, wie bei Agnes Miegel, Münchhausen und Lulu von Strauß und Torney, die Stoffe sind vaterländisch, münsterländisch, mittelalterlich, zäh klebt das Alte.

          Die Formen stehen dienstbereit, doch es fehlt am visionären Strich durch die Rechnung. So ist es vielleicht doch kein Zufall, dass Schücking sich unter dem Druck der Verhältnisse der Literatur- und Sprachwissenschaft zuwandte, mit der er fortan eine Vernunftehe einging. Die Liebe zur Poesie verwandelte sich in Freundschaften mit Autoren und publikumsnahe Editionen Shakespeares, englischer Gedichte und Essays.

          Sein Selbstbildnis verfasste er gleich nach dem Krieg in Bayern, wohin er sich aus Leipzig als Emeritus zurückgezogen hatte. Es gibt einen faszinierenden Einblick nicht nur in die Seele eines Wissenschaftlers, sondern auch in den politisch-kulturellen Geist von der Kaiserzeit bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Schücking reibt sich am Positivismus der Sprachwissenschaft, die er zunächst in Göttingen kennenlernt, an der "Lautschieberatmosphäre dieser Universität".

          Er beschäftigt sich mit dem Beowulf und dem Altenglischen und empfindet sein berufliches Gesicht wie eine Maske. Hier rettet ihn der Dichterkreis, mit dem er versucht, den Göttinger Musenalmanach neu zu beleben. Es ist die Zeit, in der die ersten Frauen zu studieren beginnen. Schücking sieht darin einen wohltuenden Einfluss auf das Universitätsleben und auf die Philologie, denn die Frauen brachten Lebenswirklichkeit in die Geisteskammern. So kann man Schückings Geschichte des literarischen Geschmacks durchaus verstehen als ein Eingehen auf die Interessen seiner Studentinnen. Lange vor allen Cultural Studies war ihm klargeworden, dass Literatur ohne Kulturwissenschaft nicht mehr diskutabel ist.

          In diesem Buch wird auch ein erschreckendes Bild der politischen Haltung deutscher Akademiker in und zwischen den Kriegen sichtbar. In Breslau war Schücking Vorsitzender der Friedensgesellschaft, und als bekennendem Pazifisten brachte man ihm viel Häme entgegen, nicht zuletzt auch wegen seiner berühmten liberaldemokratischen Brüder. Nach dem Ersten Weltkrieg versuchte er durch regelmäßige Artikel im "New Statesman" Verständnis für das ausblutende Deutschland zu wecken, übrigens in Kooperation mit E. D. Morel, der zuvor die Kongo-Greuel des belgischen Königs Leopold II. aufgedeckt hatte. Schücking hatte eine ganze Reihe Freunde unter britischen Autoren, etwa John Galsworthy oder Ford Madox Ford, dessen Vater aus Münster stammte. Nach Professuren in Jena und Breslau kam Schücking nach Leipzig, wo er sich als führender Shakespeare-Forscher etablierte.

          Ein Jahrzehnt später jedoch setzte der nationalsozialistische Terror ein. Schücking gehörte einem kleinen Kreis von Systemgegnern an, zu dem auch der Leipziger Oberbürgermeister Goerdeler gelegentlich stieß. Es blieb bei der inneren Emigration, zu sehr stand die Existenz seiner großen Familie auf dem Spiel. Die Nationalsozialisten enthoben ihn seiner Prüfungsrechte und entfernten ihn aus allen Kommissionen.

          Dass aus der Kaiserzeit ins Dritte Reich ein gerader Weg führte, ist Schücking völlig klar: Der Deutsche war Untertan, es fehlten ihm Zivilcourage und eine Tradition der Bürgerrechte. Die Nationalsozialisten vertraten ein "Jagdhundideal", das die Herzen verhärtete und in der Verherrlichung von Inhumanität endete, so lautet das Fazit des enttäuschten Gelehrten. Die Universitäten hatten sie zudem in einen Kasernenhof verwandelt. Schücking träumte von der Wiederauferstehung einer Universität, in der Lehr- und Lernfreiheit herrschen würden, die Erziehung zur Selbständigkeit. Ebendieses Modell habe Amerika von Deutschlands Universitäten übernommen. So liest sich diese Autobiographie heute auch als Abgesang auf eine nicht mehr vorhandene deutsche Universität.

          ELMAR SCHENKEL

          Levin Ludwig Schücking: "Selbstbildnis und dichterisches Schaffen". Herausgegeben von Ulf Morgenstern. Aisthesis Verlag, Bielefeld 2008. 419 S., Abb., br., 38,- [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.01.2009, Nr. 7 / Seite 32

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