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Französische Intellektuelle Wir sind die Guten

11.10.2008 ·  In Frankreich ist die Korrespondenz von Michel Houellebecq und Bernard-Henri Lévy erschienen. Die beiden Starintellektuellen haben nicht viel gemeinsam, außer ihrer Eitelkeit. Und dem Hass, der ihnen entgegenschlägt.

Von Julia Encke
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Natürlich sind sie beide eitel. Aber es ist ja nicht so, dass sie um ihre Eitelkeit nicht wüssten, dass sie keine Selbstironie hätten und in ihren Schlagabtausch keine kleinen Witze einstreuten, bevor ihre Selbstentblößung in Selbstmitleid kippt: „Willkommen im Club! Und viel Glück!“, sind die ersten Worte, die dem Philosophen und Schriftsteller Bernard-Henri Lévy einfallen, als sein Kollege Michel Houellebecq ihm mitteilt, dass er gerade einen Film gedreht habe, „Die Möglichkeit einer Insel“, nach seinem gleichnamigen Roman. Auch Lévy hat einmal einen Film gedreht, vor zwölf Jahren. Er hieß „Le Jour et la Nuit“, Lévys Ehefrau, die Schauspielerin Arielle Dombasle, spielte mit, Alain Delon und Karl Zéro. Und in den „Cahiers du Cinéma“ attestierte ihm Serge Toubiana, dass es der „schlechteste Film in der Geschichte des Kinos“ sei.

Michel Houellebecq hat die nicht weniger niederschmetternden Verrisse seines Films noch vor dessen Fertigstellung erwartet. Er kennt die Anfeindungen der französischen Kritik, ist seit Jahren fast nichts anderes mehr gewöhnt. Wenn also die beiden Hausverlage von Lévy und Houellebecq, Flammarion und Grasset, jetzt in Frankreich zum Bücherherbstcoup ausgeholt haben und eine E-Mail-Korrespondenz ihrer beiden Autoren veröffentlichen, von der niemand etwas ahnte, dann ist dies vor allem die Korrespondenz zweier Angefeindeter, zweier „ennemis publics“, wie das Buch heißt, von denen man in der Öffentlichkeit gerne die Karikatur im Kopf hat.

Warum so viel Hass?

Da ist, in den Köpfen, auf der einen Seite der phlegmatische, sexbesessene, misogyne, islamfeindliche Provokateur Houellebecq, den man sich, seitdem eine Journalistin ihn in Irland besuchte und wirkungsvoll ihre Eindrücke schilderte, gern whiskytrunken mit dem Kopf in Essensresten auf dem Teller vorstellt. Und da ist auf der anderen Seite der großbürgerliche Dandy und Gutmensch mit dem aufgerissenen weißen Hemd, der, wo immer es in der Welt Krisen gibt, zur Stelle ist, als hätte die Welt allein auf seinen Kommentar gewartet.

„Warum so viel Hass?“, fragt Michel Houellebecq seinen Briefpartner am 2. Februar 2008 . „Oder präziser: Warum wir? Selbst wenn man zugeben muss, dass wir es darauf angelegt haben, bleibt zu verstehen, warum es uns so gut gelungen ist.“ Er schlägt Lévy vor, im Briefwechsel, den sie ein halbes Jahr lang miteinander führen, das Programm einer „Literatur des Geständnisses“ zu verfolgen, erinnert an Schopenhauer, der erstaunt festgestellt habe, dass es in Briefen relativ schwierig sei, zu lügen. „Eine Literatur des Geständnisses müsste wie gute Spionageromane sein (von denen es wenige gibt) oder wie Polizeiromane, in denen mit jeder Enthüllung immer nur eine weitere geheimnisvolle Schicht dazukommt; in denen die gesammelten Informationen auf dem Höhepunkt zu einer allgemeinen Ratlosigkeit führen, bis das umfassende Mysterium die gesamte Erzählung überschwemmt.“

Scham hält nur auf

Und so geht es in diesem Briefwechsel nicht um das Geständnis um seiner selbst willen, nicht um die Illusion einer nackten Wahrheit, mit der der eine dem anderen mitteilte, wie er wirklich sei. Vielmehr dient jede Selbstaussage, jede Enthüllung dazu, den gemeinsamen Dialog voranzubringen, zu immer neuen Fragestellungen und Antworten zu gelangen. Dissimulation, Scham, Verstellung, darin sind sich beide einig, halten nur auf: „Glauben Sie mir aufs Wort“, ermahnt Bernard-Henri Lévy Houellebecq, als dieser Lévys Worte anzweifelt, „wir sparen viel Zeit.“

Es hat in der vergangenen Woche in der französischen, aber auch in der deutschen Kritik die erwartbaren Nörgler gegeben, die den Autoren vorwarfen, zu großspurig die ganz großen Fragen des Lebens und der Welt zu behandeln: „Die Kindheit, die Väter, die Literatur, das Engagement, die Welt, und überhaupt“, schrieb, gelangweilt, der Kritiker der „Süddeutschen Zeitung“. Was aber ist daran falsch? Oder anders: Was ist interessanter, als wenn sich zwei Schriftsteller, die unterschiedlicher nicht sein könnten, die von der Herkunft bis hin zur Lebensführung eigentlich alles trennt (bis auf ihre Eitelkeit und die Anfeindungen von Seiten der Öffentlichkeit), zur Sache kommen? Wenn sie sich einmal nicht an den Hindernissen des Alltags aufhalten? Denn was Lévy und Houellebecq von Februar bis Juli gemacht haben, wo sie waren und mit wem, erfährt man hier nicht. Ihr Briefwechsel ist kein Gespräch unter Freunden, die einander am Leben teilhaben lassen wollen. Es ist eine essayistische Annäherung zweier Bekannter, die sich Respekt entgegenbringen, dabei aber keine Hemmungen haben, einander aufs Heftigste zu widersprechen.

Je weiter man sich voneinander entfernt, desto mehr gewinnt man Kontur

Genau das sorgt für eine besondere und manchmal beinahe maliziöse Dynamik: Wenn Bernard-Henri Lévy etwa einmal wieder weit ausholt, ins Bücherregal der ganzen Philosophiegeschichte greift, hat Michel Houellebecq genug Humor, nur punktuell darauf einzugehen: Er sei gerade an einem Ort, wo er seine Bücher nicht habe, und könne deshalb nur mit Baudelaire antworten, weil er den auswendig zitieren könne, schreibt er. Oder er gibt umstandslos zu, was er alles gar nicht kennt: „Ich habe Lévinas nicht gelesen, und ich habe es nie geschafft, Sartre ernst zu nehmen.“

Es ist auch Houellebecq, der von der Philosophie immer wieder den Sprung in die eigene Biographie schafft und Lévy dazu animiert, es ihm gleichzutun. Beiläufig entstehen damit zwei autobiographische Fragmente: Houellebecq, ungeliebtes Kind mit „lächerlicher Bestimmung“, erzählt von seiner kleinbürgerlichen Herkunft, seinem Vater, einem Skilehrer, dessen geliehene Größe darin bestand, mit prominenten Kunden wie Valéry Giscard d’Estaing durch die Berge zu fahren, und von einer Mutter, die er, der in ärmlichen Verhältnissen bei seiner Großmutter aufwuchs, kaum je zu sehen bekam.

Lévy dagegen ist voller Bewunderung für den eigenen Vater, einen großindustriellen Holzimporteur aus Algerien mit Kontakten zur Résistance, und wenn ihm, durch die kultivierte Umgebung, in der er aufwuchs, etwas fremd ist, dann sich selbst oder die eigene Bestimmung in irgendeiner Weise als lächerlich zu empfinden. Indem beide sich voneinander absetzen, gewinnen sie immer schärfere Konturen.

Man muss sich nicht entscheiden

Dabei vergessen sie natürlich ihre Leser nicht, das Publikum ihrer Geständnisspirale: Von vorneherein war der Briefwechsel zur Veröffentlichung gedacht, ein Buchprojekt, das die Verlegerin von Flammarion, Teresa Cremisi, angeregt hatte. Er ahne schon, meint Houellebecq, dass er, wenn er in der Frage, ob man, wenn es hart auf hart käme, etwa in einem Krieg, bereit wäre, für eine Idee oder ein Land zu kämpfen, mit dem Eingeständnis seiner ganzen Feigheit und seines Egoismus die Sympathie der Zeitgenossen auf seiner Seite hätte: „Ich kenne meine Zeitgenossen, genauso wird es sein.“ Aber er irrt sich. Der Effekt, der sich bei der Lektüre einstellt, ist ein anderer: Man schlägt sich nicht auf die Seite des einen oder des anderen, sondern hört zu und dann in sich hinein, um für sich eine eigene Position zu finden.

Eben darin besteht der Gewinn dieses Buchs: „Warum haben Sie sich entschieden, ein engagierter Intellektueller zu sein?“, fragt Houllebecq, der diese Option für sich völlig ausschließt, aus „ideologischer Bescheidenheit“ und aus dem Gefühl heraus, nicht wirklich „Staatsbürger“, sondern allenfalls ein „Nutzer“ des Staates zu sein. Er müsse sich für andere verantwortlich fühlen, um zu existieren, antwortet Lévy, und, ja, er sei engagiert auch aus „Abenteuerlust“, er sei auf der Suche nach „Unrecht, das bekämpft werden muss“. Lesend folgt man diesem Schlagabtausch, und stellt sich die immer neuen Fragen alle selbst.

Über ein Thema schweigen beide: Nicolas Sarkozy. Wenn er wolle, könne er jetzt noch etwas zu ihm sagen, schreibt Houellebecq in einem seiner letzten Briefe. Er wisse ja, dass Lévy ihn nicht möge, seine Freunde hätten auch nichts für ihn übrig, er selbst sei da milder. Aber Lévy geht nicht darauf ein: „Halten wir doch einfach fest, was mir beinahe wie ein Wunder erscheint: Unter all den Büchern, die gerade erscheinen, ist unseres ein Buch ohne Nicolas Sarkozy.“

Michel Houellebecq / Bernard-Henri Lévy: „Ennemis Publics“. Flammarion/Grasset, 333 Seiten, 20 Euro

Quelle: F.A.Z.
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