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Französische Intellektuelle Volksfeinde unter sich

24.09.2008 ·  Aufgeklärter Moralist trifft auf abgeklärten Zyniker: Frankreichs Starintellektueller Bernard-Henri Lévy und Frankreichs Starschriftsteller Michel Houellebecq haben gemeinsam ein Buch geschrieben. Was darin stehen wird, weiß keiner. Dass es die Bestsellerlisten anführen wird, scheint Formsache.

Von Jürg Altwegg, Paris
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In der Öffentlichkeit spielen sie ganz unterschiedliche Rollen, aber immer die ersten: Bernard-Henri Lévy gibt den brillanten Moralisten der Menschenrechte, der nach der Überwindung des Marxismus und der Aufarbeitung des Faschismus in Personalunion zum Selbstläufer in den Medien mutierte. Im Wochenrhythmus erteilt er in seiner Kolumne in „Le Point“ seine Lektionen in politischer Korrektheit. Pro Jahr mindestens ein Bestseller. Als letzter Intellektueller pflegt Lévy die Tradition der politischen Reise – zuletzt in Georgien – und den Kult des engagierten Philosophen. Sartre, dem er eine Biographie widmete, ist sein Modell. Doch im Gegensatz zu dem hat Lévy immer recht.

Der zweite Leuchtturm der französischen Kultur strahlt etwas düsterer in die Welt hinaus als die zeitgenössische Aufklärung. Die Literatur wird in ihrer aktuellsten Form – und seit dem Tod von Marguerite Duras und Alain Robbe-Grillet erst recht – von Michel Houellebecq verkörpert. Houellebecq ist ihr bester Exportartikel seit dem Ende der Avantgarde. Der Dichter und sein Hund spielen auf dem Welttheater den „écrivain français“ gewissermaßen mit Baguette und Baskenmütze. Der Philosoph, der die attraktive Schauspielerin geehelicht hat, ist gut – der Dichter kokettiert mit seinen niedrigen Instinkten. Er benennt sexuelle Nöte, provoziert die Frauen und flucht über die Muslime. Sogar die eigene Mutter beschimpft er. Houellebecq glaubt an rein gar nichts und allenfalls an Rael, den Sektenprediger, der das Klonen propagiert.

Eine unvorstellbare Allianz

In ein paar Tagen betreten der aufgeklärte Moralist und der abgeklärte Nihilist erstmals zusammen die Bühne – unter der Regie der Verlegerin Teresa Cremisi, die einst bei Gallimard wirkte und inzwischen bei Flammarion die Fäden zieht. Der Prolog läuft seit vier Monaten. Mitten im Sommerloch kündigte Flammarion für den 8. Oktober ein Buch „XXX“ zweier berühmter Autoren „mit maximalem Verkaufspotential“ an. Ende August wurde ruchbar, dass Michel Houellebecq mit von der Partie sein soll – obwohl er Flammarion verlassen hatte. Etwas durchsichtig schien die Inszenierung angelegt. Und jetzt, zwei Wochen vor der Auslieferung hat Teresa Cremisi die zweite Stufe gezündet: Michel Houellebecqs Co-Autor ist BHL! Sie bilden das unvorstellbare Dreamteam der Saison.

Eine Frau hat sie zusammengebracht. Zwischen Januar und Juli dieses Jahres haben sich Lévy und Houellebecq schriftlich ausgetauscht. Bei ihrem gemeinsamen Werk handelt es sich um eine Korrespondenz! Das Werk wird von Flammarion und Lévys Verlag Grasset gemeinsam vermarktet.

Der ewige Schweinehund

Wir wissen jetzt, welches Buch Mitte Oktober die Bestsellerlisten anführen wird. Aber wir kennen es noch nicht. Was haben sich – und uns – der strahlende Philosoph mit weit geöffnetem weißem Hemd und der kettenrauchende Schriftsteller, der ärmellose Pullover trägt, zu sagen? Im gegenwärtigen Stadium der Lancierung ist der Inhalt noch absolute Geheimsache. Nur Waschzettel und Klappentext sind bekannt: „Wir sind total verschieden“, kann man da aus Michel Houellebecqs Feder lesen, „nichts verbindet uns – außer der Tatsache, dass wir beide ziemlich verachtenswerte Figuren sind“. Das ist Houellebecq in Reinkultur. Bernard-Henri Lévy sieht es – und sich selber – nicht viel anders: „Ich kann noch so viele Richtigstellungen publizieren, das Resultat ist immer das gleiche: Ich bleibe ein bürgerlicher Schweinehund, der sich einen Dreck um soziale Fragen kümmert und für die Verdammten dieser Erde nur deshalb interessiert, um mit ihnen Werbung in eigener Sache zu betreiben.“

Diese potenzierte Selbstgefälligkeit verspricht nicht viel Gutes – genauso wenig wie der Titel: „Volksfeinde“. Wollen sich hier zwei ausgesprochene Medienlieblinge gegenseitig über ihre Rolle als Opfer trösten und austauschen? Verlagsmitarbeiter und Freunde dementieren. Das Buch sei alles andere als ein verlegerischer Schnellschuss. Lévys Gattin Ariel Dombasle spielte unter Houellebecqs Regie, der mit seiner Selbstverfilmung der „Insel“ einen ebenso gewaltigen Schiffbruch erlitten hat wie BHL einst mit einem Film. Eher zaghaft und zufällig habe der Briefwechsel begonnen. Später erst keimte die Idee einer Publikation. Von den bösen Kritikern und den Müttern, von der Literatur und der Liebe soll die Rede sein. Gepflegt sei der Stil, wird uns versichert. Und der Austausch der beiden narzisstischen Ikonen ein richtiger Dialog. Ein intelligenter Schlagabtausch – wie auf dem Schachbrett. Die Medien werden daraus unweigerlich einen Ring machen.

Die beiden Spieler kannten sich bislang kaum, aber sie haben sich in ihren so unterschiedlichen öffentlichen Äußerungen stets gegenseitig geschont. Erste Wetten werden über den Ausgang geschlossen: BHL, der laut „L’Express“ an einem „Defizit an Glaubwürdigkeit“ leidet, habe mehr zu gewinnen. Houellebecq, dem das Magazin eine „zunehmende Paranoia“ bescheinigt, könnte seinen Kultstatus verlieren. Die Siegerin aber steht schon fest: Der Flammarion-Chefin Teresa Cremisi ist es gelungen, das verlorene Zugpferd Houellebecq, das von der Konkurrenz ausgespannt worden war, in den eigenen Stall zurückzuführen. Nicht dieses Buch zählt – sondern der nächste Roman.

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Jahrgang 1951, Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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