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Franz Lorenz Müller: Der 99-Tage-Kaiser : Ein Liberaler im Kaiserwahnsinn

Bild: Siedler Verlag

Einen Bismarck putzt man auch als Kronprinz nicht herunter: Frank Lorenz Müller beschreibt mustergültig den langen Wartestand und die kurze Herrschaft des preußischen Kaisers Friedrich III.

          Es ist ein Naturgesetz der höfischen Gesellschaft, dass sich um den Thronfolger eine Partei bildet. Im emblematischen Bild: ein Freundeskreis der aufgehenden Sonne. Da die weise Voraussicht als vornehmste Herrschertugend gilt, kann der Kronprinz, formell noch machtlos, schon zu Lebzeiten seines Vorgängers Politik machen. In diesem Sinne warf der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm am 16. November 1870 in einer Unterredung mit dem Ministerpräsidenten Otto von Bismarck die Autorität seiner Funktion in die Waagschale. Der einzige Sohn König Wilhelms I., als Heerführer am Sieg über Frankreich beteiligt, war unzufrieden, weil Bismarck es ablehnte, die süddeutschen Alliierten durch Androhung von Gewalt zum Eintritt in den Norddeutschen Bund zu nötigen. Wie er in seinem Tagebuch festhielt, eröffnete er dem Bundeskanzler: „Ich aber, der ich die Zukunft repräsentierte, könnte solches Zaudern nicht gleichgültig ansehen.“

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Der neununddreißigjährige Sohn des dreiundsiebzigjährigen Königs argumentierte gemäß der hergebrachten dynastischen Logik, wenn er Bismarck aufforderte, eine einmalige Chance zur Vergrößerung des preußischen Machtbereichs nicht verstreichen zu lassen. Aber in seinen Worten schwang mit, dass er in der Öffentlichkeit und in seiner engsten Umgebung in modernerem Verstande als Repräsentant der Zukunft angesehen wurde: Er sprach als Sachwalter der liberalen Nationalbewegung. Dieser Kronprinz sollte nicht nur für eine andere, sondern für eine bessere Zukunft stehen. So wollte es seine Gemahlin, die englische Prinzessin Viktoria, der Friedrich Wilhelm laut Bismarck „wie ein Hund“ ergeben war.

          Unbestimmtheit um und durch den Kronprinz

          Aber so hatte auch schon seine Mutter, Königin Augusta, die Enkelin des Großherzogs Karl August von Sachsen-Weimar, seine Erziehung geplant: „Er gehört der Gegenwart und der Zukunft, er muss daher die neuen Ideen in sich aufnehmen und daselbst verarbeiten, damit er das klare und lebendige Bewusstsein seiner Zeit gewinne und nicht außerhalb derselben, sondern in ihr und mit ihr lebe.“

          Wie die Konfrontation mit Bismarck im Moment des Sieges von 1870 zeigt, bedeutete diese Erwartung eine neuartige Last. Ein liberaler Hoffnungsträger konnte nicht gut tatenlos warten, bis ihm die Krone zufiel. Dass der Kronprinz Bismarck als Zauderer abkanzelte, nimmt sich im Gesamtzusammenhang von Frank Lorenz Müllers analytischer Biographie zutiefst ironisch aus. Müller schildert, wie Friedrich Wilhelm, der 27 Jahre lang Kronprinz war und 1888, an Kehlkopfkrebs leidend, 99 Tage lang regierte, während des Wartestandes in einem schwermütigen Brüten versank, an dem seine Vertrauten verzweifelten. Nachdem er einmal öffentlich die Pressepolitik der Regierung gerügt hatte und von seinem Vater zurechtgewiesen worden war, wagte er keine Interventionen mehr. Franz von Roggenbach, graue Eminenz der deutschen Whigs, brachte das Handicap des Gegenhofes auf den Begriff der „Unbestimmtheit des kronprinzlichen Mikrokosmos“.

          Friedrich III. duldet und schweigt in seiner Kaiserrolle

          Gerade das Schweigen des Kronprinzen hielt allerdings die Neugier der Zeitgenossen wach. Auf Befehl des Königs hatte Friedrich Wilhelm an den Ministerratssitzungen teilzunehmen. „Der Kronprinz spricht gar nicht über Politik, gar nicht“, erfuhr Gustav Freytag 1863. „Er sitzt im Ministerrat als Bildsäule und Memento mori.“ In makabrer Zuspitzung wiederholte sich diese Lage, dass der Thronfolger nichts anderes zu tun hatte, als den Monarchen an die Sterblichkeit zu erinnern, ein Vierteljahrhundert später. Prinz Wilhelm, enttäuscht darüber, dass sein todkranker Vater nicht auf die Krone verzichten wollte, prophezeite vor dem Thronwechsel höhnisch: „Man wird ihn wie Cid vor Valencia als Leiche noch auf das Pferd setzen.“

          Da stand Friedrich Wilhelm längst als Bildsäulchen des Tugendhelden auf den Kaminsimsen der Bürgerhäuser auch jenseits der preußischen Staatsgrenzen: Tapfer hatte er ausgeharrt, als Dulder ging er in den Tod. Die Ereignisarmut der Wartezeit ist für Müller der Grund, diese erste wissenschaftliche Biographie des zweiten preußisch-deutschen Kaisers nicht annalistisch, sondern strukturgeschichtlich anzulegen. Hofsystemzwänge und Ersatzhandlungsspielräume sind die Themen der Kapitel: die Abhängigkeit von drei übermächtigen Personen, dem Vater, der Gattin und Bismarck; die Scharaden symbolischer Diplomatie im Umgang mit der liberalen Opposition; ein Image-Management nach englischem Vorbild, das die Kronprinzenfamilie als bürgerlichen Modellhaushalt hinstellte; die phantastische Geschichtspolitik des ersten Hohenzollernprinzen mit (Bonner) Universitätsstudium.

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