11.11.2009 · Wann handelt der Mensch nach seinem Verstand? Frank Ochmann sieht den Verstand erst dann aktiviert, wenn wir längst wissen, was wir wollen und wohin unser Denken führen soll. Die Konsequenzen sind weitreichend.
Von Michael PawlikOb ein Mensch in einer bestimmten Situation wie ein Engel oder wie ein Teufel agiert, hängt Frank Ochmann zufolge maßgeblich von der Belohnung ab, die sein Gehirn dafür erwarten darf. Diese Belohnung bestehe in dem Wohlgefühl, das sich einstelle, wenn wir uns der Anerkennung anderer sicher sein könnten. „Und noch die schrecklichste Tat findet einen, der sie mild lächelnd gutheißt und anerkennt, der Lob spendet und vielleicht sogar Liebe. Denn die Täter haben ja ihre ,Pflicht' getan.“
In Deutschland hört man solche Worte nicht gern, denn man hat sich hier weithin in der Überzeugung eingerichtet, dass es sich im Fall von moralisch verurteilenswerten Taten bei der Berufung auf die „Pflicht“ nur um eine unbeachtliche und zudem besonders verächtliche Schutzbehauptung handeln könne. Diese Sicht der Dinge vernachlässigt indessen die Wirklichkeitsbedingungen, unter denen sich moralisches Lernen und Handeln vollzieht. Da wir so beschaffen sind, dass wir „nicht, oder so gut wie nicht, allein und ohne die Anerkennung und Wertschätzung von anderen sein können“, fürchten wir den „sozialen Liebesentzug“ so stark wie kaum etwas anderes. Deshalb sind wir bei Gefahr im Verzug „offenbar schneller als sonst bereit, eigene Positionen aufzugeben oder zu korrigieren, bevor wir auch nur explizit herausgefordert werden“.
Zwar handelt es sich bei dieser Neigung zur Konformität nicht um ein unabwendbares Verhängnis. Ochmann stellt nicht in Abrede, dass es uns möglich ist, mit den Moralvorstellungen unserer sozialen Umgebung zu brechen, ihr ein empörtes „Nein!“ entgegenzuschleudern. Aber schwer und deshalb nicht der soziale Normalfall ist ein solches Verhalten allemal.
Keine universellen Werte?
Auch Ochmann selbst ist sich über die Brisanz seiner Überlegungen im Klaren. „Denn genaugenommen lässt sich daraus schließen, dass jede beliebige Ethik in einer Gesellschaft gedacht, etabliert und gerechtfertigt werden kann, wenn sich nur eine deutliche Mehrheit hinter ihr versammelt.“ Solange diese Feststellung als sozialpsychologischer Befund auftritt, lässt sich ihr angesichts der Ergebnisse, zu denen die politischen Großexperimente des vorigen Jahrhunderts geführt haben, schwerlich widersprechen.
Ochmann jedoch zieht aus ihr erheblich weiter reichende moralphilosophische Schlussfolgerungen. Universelle Werte gibt es demnach ebenso wenig wie eine für alle verpflichtende Ethik. „Nichts ist in sich gut. Erst durch soziale Verabredung wird das Gute vom Bösen und das moralisch Richtige vom Falschen getrennt.“ Wenn die soziale Vereinbarung dahin gehend ausfällt, dass Juden oder Kapitalisten nicht als vollwertige Subjekte der Moral und des Rechts anerkannt werden, bleibt dem von Ochmann belehrten Philosophen, der weiß, dass moralische Urteile durch „eine ganze Batterie von Vorurteilen und Voreingenommenheiten“ gefärbt und verfälscht werden und es deshalb „in moralischen Fragen keine Objektivität geben kann“, anscheinend nichts anderes übrig, als bedauernd zu seufzen und sich im Übrigen für unzuständig zu erklären.
Der Fehler der Moralapostel
Damit begeht Ochmann indessen den gleichen Fehler wie die hochgemuten Moralapostel des juste milieu, gegen die er anschreibt. Ebenso wie bei diesen bleibt auch bei Ochmann das Verhältnis von Sein und Sollen, Genesis und Geltung unterbestimmt. Er unterscheidet sich von seinen Kontrahenten lediglich durch die Art seiner Akzentsetzung. Während diese ihre Geltungsdiskurse unter weitgehender Absehung von der sozialen Wirklichkeit führen, stellt Ochmann unter Berufung auf die unvermeidliche Kontaminierung moralphilosophischer Begründungen durch kontingente Wirklichkeitspartikel umgekehrt deren eigenständige geltungstheoretische Qualität schlechthin in Abrede.
Dass es im Bereich moralischer Erkenntnis keine naturwissenschaftsäquivalente „Objektivität“ geben mag, bedeutet jedoch noch lange nicht, dass jede für moralisch ausgegebene Position als gleichwertig anerkannt werden müsste. Ochmanns Befunde erlauben lediglich die Zurückweisung überzogener Begründungsansprüche, sie widerlegen aber nicht die Möglichkeit sinnvoller moralphilosophischer Argumentation als solcher.
Es wird zu wenig misstraut
Die Hauptstoßrichtung von Ochmanns Angriff ist ohnehin eine andere. Er will nachweisen, „dass die Vorstellung vom alles beherrschenden Verstand im Menschen eine Mär ist“, der Verstand in praktischen Handlungssituationen vielmehr erst dann aktiviert werde, wenn wir längst wissen, was wir wollen und wohin der Denkprozess führen soll. Moralphilosophische Überlegungen mögen noch so elegant sein, aber es wohnt ihnen Ochmann zufolge eine unüberwindliche motivatorische Schwäche inne. Zahlreiche heutige Philosophen, zumal aus dem Lager der Diskurstheoretiker, neigen in ihrem berufstypischen Vernunftvertrauen dazu, diese Schwierigkeit zu unterschätzen. Eine wirklichkeitsgerechte Moral- und Rechtskonzeption wird sie dagegen mit Ochmann an die erste Stelle rücken.
Die Konsequenzen dieser Umbesetzung sind weitreichend. Aus ihr ergibt sich, dass bei der Ausgestaltung politischer Institutionen Misstrauen das oberste Gebot sein muss (es wird zu wenig misstraut). Sie macht aber umgekehrt auch deutlich, dass die liberale Forderung nach einer Freisetzung der Gesellschaft gegenüber dem Staat ein höchst riskantes Ansinnen gewesen ist. Ob die Realisierung, die diese Forderung in den heutigen westlichen Staaten erfahren hat, dauerhaft erfolgreich sein wird, steht in den Sternen. Dass der freiheitliche, säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann, wissen wir zwar zur Genüge. Die Gründe dafür sind aber selten so eindringlich dargelegt worden wie in Ochmanns Buch.