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Fotoband über Tilda Swinton Sie leuchtet

 ·  Ein Fotoband zeigt die vielen Gesichter der Filmschauspielerin Tilda Swinton

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Manche Schauspieler besitzen die Gabe des Chamäleons: Sie verschwinden in ihren Figuren und bringen sie von innen her zum Leuchten. Andere dagegen sind wie weiße Flächen: Jeder kann auf sie projizieren, was ihm in den Sinn kommt, kann sie bemalen mit seinen Wünschen oder Albträumen. Sie sind die Stars, die Fixsterne am Kinohimmel, in Wahrheit unstet flackernde Lichter, deren Helligkeit von Film zu Film schwankt. Ganz selten aber gibt es Schauspieler oder Schauspielerinnen, die beides können, die das Licht zugleich erzeugen und reflektieren, als wäre es nur ein Lidschlag zwischen Expression und Impression, zwischen dem Bild in unseren Köpfen und dem Bildnis auf der Leinwand.

Tilda Swinton ist eine solche Schauspielerin. Zuletzt war sie in „Broken Flowers“ von Jim Jarmusch zu sehen, in einem kurzen, aber unvergeßlichen Auftritt. Sie spielt die vierte von Bill Murrays Exfreundinnen, diejenige, die ihm die heftigste Abfuhr erteilt. Man muß den Film zweimal anschauen, um sie zu erkennen. Alles an ihr schreit vor Schmerz und Zorn, und nachdem sie Bill Murray alias Don von ihrer Türschwelle gejagt hat, ist der Film nicht mehr derselbe wie zuvor. Aber was haben wir wirklich gesehen? Vielleicht nur ein Wehen schwarzer Haare, einen Tritt gegen die Verandatür, einen wilden Blick aus aquamarinblauen Augen in einem schattenlosen Gesicht.

Wenn man Tilda Swinton in den ersten und den letzten Bildern des Fotobandes anschaut, den der Schweizer Kleinverleger Dino Simonett zusammengestellt hat - die vorletzte Aufnahme zeigt sie mit Bill Murray bei der Premiere von „Broken Flowers“ in Cannes -, möchte man nicht glauben, daß dazwischen zwanzig Jahre liegen. Dieses Gesicht altert nicht, es härtet nur aus. Seine Konturen sind immer klarer und präziser geworden, seit Swinton, frisch von der Royal Shakespeare Company ins Filmfach gewechselt, die Muse des Malers in Derek Jarmans „Caravaggio“ gespielt hat. So begann ihre siebenjährige künstlerische Symbiose mit Jarman. Es war ihre beste Zeit. Nie wieder hat die Kamera Tilda Swinton so geliebt wie in Jarmans Filmen. Sie war eine Allegorie der Schönheit in „Caravaggio“, ein Todesengel in „The Last of England“ und „War Requiem“, eine Höllenkönigin in „Edward II.“ und eine philosophische Lady in „Wittgenstein“. Hätte Jarman länger gelebt, wäre sie zur Garbo des britischen Autorenkinos geworden.

Aber dann starb Derek Jarman an den Folgen von Aids, und für Tilda Swinton begannen die Jahre der Prüfungen. In Sally Potters „Orlando“ spielte sie die Frau, die ein Mann war, den alterslosen Narziß aus Virginia Woolfs Roman. In „Female Perversions“ von Susan Streitfeld war sie eine edelschicke Powerlesbe, in Lynn Hershmans „Conceiving Ada“ die Protofeministin Ada Lovelace. Ihr androgynes Gesicht war wie eine Maske, mit der sie die Phantasien der Regisseure zugleich spiegelte und abwehrte. In Tim Roth’ „War Zone“ ließ sie eine Inzest-Story an sich abperlen, in Cameron Crowes „Vanilla Sky“ den Science-fiction-Zauber um Tom Cruise. In „Teknolust“, ihrem zweiten Film mit Lynn Hershman, mußte sie sich vervierfachen, aber selbst hier behielt sie ihre durchscheinende, gläsern kühle Präsenz.

Manche Schauspielerinnen sehen nur bei bestimmter Beleuchtung gut aus. Tilda Swinton, die vor wenigen Wochen 45 Jahre alt wurde, ist in jedem Licht perfekt. Sie ist ein Bild, das Fleisch und Blut geworden ist, ein Stück Kino im Urzustand. Man müßte einen Stummfilm drehen, um sie ganz zum Sprechen zu bringen. Ein Bildband über sie war überfällig, auch wenn er mit teils unscharfen Film- und Videostills bestückt ist wie dieser. Wo ihr Geburtsort liege, hat der Verleger Dino Simonett sie gefragt. Da zeigte sie auf einen Punkt auf der Landkarte unweit von Edinburgh, und da stand: Swinton. Sie war immer schon da, und sie wird bleiben.

„Tilda Swinton“

Entworfen, zusammengestellt, produziert und verlegt von Dino Simonett mit einem Essay von Ruby Rich. Limitierte Edition, 500 Exemplare. Schweiz 2005, 254 Seiten, 98 Euro

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.11.2005, Nr. 47 / Seite 30
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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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