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Veröffentlicht: 25.12.2015, 22:15 Uhr

Florian Werners Gastropoden Der Schnecke auf den Zahn gefühlt

Der Literaturwissenschaftler Florian Werner porträtiert ein Tier, das uns fremder kaum sein könnte – und nähert sich dem Gastropoden dabei mit viel Einfühlung und Schönheitssinn.

von Friederike Haupt
© picture alliance / blickwinkel/fotototo Keine Arme, keine Beine, kein Gesicht: Schnecken sind ziemlich wenig tierförmige Tiere. Und doch, bei Licht betrachtet, sehr schön.

Wer sich für Menschen interessiert, der muss sich auch für Schnecken interessieren. Das ist gar nicht pathetisch gemeint. Die Art, wie ein Mensch einer Schnecke begegnet, sagt vieles über ihn, denn so, wie er auf Schnecken blickt, so blickt er auf das Fremde. Und Schnecken sind sehr anders. Das liegt, was das äußere Erscheinungsbild betrifft, auf der Hand: keine Arme, keine Beine, kein Fell, kein gesichtsförmiges Gesicht und so weiter.

Es setzt sich aber fort in Eigenschaften und Verhaltensweisen, die dazu geführt haben, dass die Schnecke in der Vergangenheit abwechselnd als asexuell und notgeil galt, als ekelhaft und gemein, sogar als Todsünderin. Noch heute wird ihr oft mit Aggression begegnet, wie man etwa dort nachlesen kann, wo Menschen sich über Probleme austauschen, nämlich in Ratgeberforen im Internet. Originalfragen zum Thema Schnecken lauten dort zum Beispiel: Wofür sind Schnecken eigentlich gut? Schnecken abwehren!? Wie tötet man Schnecken am besten? Warum sackt eine Nacktschnecke zusammen, wenn man Salz über sie streut? Und Schlimmeres.

Mit Gefühl für Gastropoden

Das Büchlein „Schnecken“ aus der Reihe „Naturkunden“ gibt auf all diese Fragen keine Antworten. Es taugt als Einführung für Leser, die bereit sind, sich auf die Schönheit der Schnecken und ihrer Lebensweise einzulassen. Wissenswertes über Schnecken liest man zwar auch immer wieder in der Zeitung, aber meist geht es dann um simple Rekorde, dieses Jahr etwa: Schneckenzähne sind das festeste Biomaterial der Welt, oder: winzigste Schnecke der Welt entdeckt (0,86 Millimeter Durchmesser).

Der Literaturwissenschaftler Florian Werner widmet sich in seinem Porträt den Gastropoden eher gefühlvoll: Er überfliegt Kultur- und Naturgeschichte und liefert Anschauliches wie einen Bericht von der World Snail Racing Championship, bei der er selbst eine Schnecke ins Rennen schickte. Sie versagte allerdings kläglich.

Im Kapitel „Sex“ zeigt sich die Stärke und die Schwäche des kleinen Buches besonders deutlich. Werner trägt lustig-traurige Anekdoten darüber zusammen, wie das lange Zeit rätselhafte Paarungsverhalten des Zwitters Schnecke gedeutet wurde: Aristoteles zählte sie zu den „nicht-kopulierenden Tieren“, wogegen Papst Gregor den sündhaften Menschen mit einer Schnecke verglich, da er wie diese nicht nach Seelenheil strebe, sondern nach sinnlicher Lust. Auch die Pornosatire „Nacktschnecken“ – die Protagonisten kriechen „so hemmungslos wie die Titeltiere auf nächtlich-taufeuchtem Rasen aufeinander herum“ – zieht der Autor als Quelle heran.

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Doch leider neigt Werner dazu, fortwährend Schneckeneigenschaften mit Menscheneigenschaften zu vergleichen. So meint er, Schnecken hinterfragten durch ihre bloße Existenz unser Verständnis von Identität und Familie. „Sie sind fleischgewordene, kriechende Heteronormativitätskritik.“ Das ist albern und absurd, männchenfressende Spinnenweibchen hinterfragen ja auch nicht unser Verständnis von Mord. Es wäre besser, die Schnecken Schnecken sein zu lassen und sie in ihrer fremden Seltsamkeit auszuhalten. Das gelingt im hinteren Teil des Buches besser, dort werden einige besonders schöne Schneckenspezies kurz und sachlich porträtiert. Wie prachtvoll Schnecken wirklich sind, zeigen die wundervollen historischen Illustrationen, die dem Buch beigegeben sind. Man will sie sofort herausreißen und an die Wand heften. Und warum auch nicht!

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