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Florian Kührer: Vampire. Monster - Mythos - Medienstar : Täten es denn hypnotisierte Nudisten nicht auch?

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Bild: Verlag

Am starren Blick und der Lust aufs Blut aus schönen Frauenhälsen muss was dran sein: Florian Kührer widmet sich dem Aufstieg des Vampirs von ganz alten Geschichten bis zum Helden für Backfische.

          Vergessen Sie alles, was Sie über Vampire wissen. Es ist ohnehin falsch, wie der historische Teil des lesenswerten Buchs von Florian Kührer über den Vampir als Monster, Mythos und Medienstar vor Augen führt. Der Autor zeigt, dass man überall auf der Welt uralte Mythen findet von Untoten, die einzelnen lebenden Menschen ihre Kraft rauben oder ihnen anderweitig Schaden zufügen. Ab dem Ende des 17. Jahrhunderts erregten solche Geschichten, vor allem aus Südosteuropa - aber keineswegs Transsilvanien! -, die Aufmerksamkeit der gebildeten Stände. Der „Cantagions-Medicus“ Glaser berichtete über einen Fall im serbischen Medvegya, wo die einheimische Bevölkerung „Vambyres oder Bluthseiger“ für allerlei Unheil verantwortlich machte. So entstand wohl mehr oder weniger zufällig unser Begriff „Vampir“.

          Manche Leichen verwesen nach dem Begräbnis langsamer als andere. Das hat wohl etwas mit der chemischen Zusammensetzung des Erdbodens zu tun. Mitunter findet man bei einer Exhumation im Mund dieser gut erhaltenen Kadaver auch eine rötliche Verwesungsflüssigkeit. So etwas reicht schon, um einen neuen Aberglauben entstehen zu lassen: Die Toten sind also nicht wirklich tot, sie liegen im Grab und peinigen auf ihren Ausflügen die Lebenden. Als Abhilfe gegen die Untaten der Untoten dachte man sich phantasievolle Methoden aus, wie der Körper der Vampire endgültig zu zerstören sei: Man schlägt ihnen den Kopf ab, man füllt ihren Mund mit Knoblauch, man stößt ihnen einen Pflock ins Herz, und so weiter.

          Dracula, die beliebtesteVampirgeschichte aller Zeiten

          Dann kamen die Romanschreiber und danach die Drehbuchautoren und erfanden ihre Horrorgeschichten. Sie verwendeten zwar die alten Erzählungen, doch was wir uns heutzutage unter einem Vampir vorstellen sollen, ist fast alles von ihnen neu erfunden worden. Den verregneten Sommer 1816 verbrachten Lord Byron, Percy Bysshe Shelley, Mary Godwin - die künftige Mary Shelley - und Byrons Leibarzt John Polidori in einer Villa am Genfer See. Sie nahmen sich aus lauter Langeweile vor, jeweils eine Schauergeschichte zu schreiben. Mary Shelley verfasste daraufhin den „Frankenstein“, bei Byron reichte es nur für einen Entwurf, den Polidori später zu der Erzählung „The Vampyre“ ausarbeitete. Hier war der Vampir nicht mehr ein Dorfmonster, sondern Lord Ruthven, ein charismatischer Adeliger, der Byron durchaus ähnelte. So begann die Tradition des „Byronic Vampire“, in die auch Graf Dracula gehört.

          Bram Stokers „Dracula“ von 1897 ist die beliebteste und folgenreichste Vampirgeschichte aller Zeiten. Die Hauptfigur Graf Dracula hat zwar ein historisches Vorbild, aber die Unterschiede zur Romanfigur sind gewaltig. Der walachische Fürst Vlad III. wurde Draculea - Sohn des Dracul - genannt. Dracul heißt Drache, und der Vater, Vlad II., war Mitglied im katholischen Drachenorden. Das erklärt den Namen Dracul(e)a hinreichend. Schlichte Gemüter mit viel Phantasie behaupten aber auch, dass Dracula „der kleine Teufel“ oder gar „der Liebliche“ bedeutet. Vlad III., genannt Dracula, bekam später noch den Beinamen „Tepes“, der Pfähler. Der kam daher, dass er ein sadistisches Vergnügen daran hatte, Menschen durch Aufspießen entlang der Längsachse langsam töten zu lassen. Das hat aber wenig mit dem Pfählen von Vampiren in Gruselromanen zu tun. Vom Blutsaugen ist bei ihm auch nichts überliefert. Dracula lebte auch nicht in einem Schloss in Transsilvanien. Bram Stoker hat einfach nur ungefähr in der Gegend, in der es angeblich Vampire gab, einen passenden Namen für seinen adeligen Hauptdarsteller gesucht und gefunden. Das war alles. Er wollte ja nur einen Roman schreiben. Mehr nicht.

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