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Florian Illies: 1913 Hinterher ist vergessen, dass man vorher nichts wusste

Florian Illies hat eine Sammlung veranstaltet, was 1913 gesagt und gedacht wurde. Ein Jahr vor 1914 fuhr die Geschichte natürlich nicht nach Fahrplan auf den Ersten Weltkrieg zu.

© Verlag Vergrößern

Nehmen wir einmal an, dass ein wilhelminisches Dornröschen am heutigen Tage wachgeküsst wird, nachdem es sich am Silvestertag 1913 mit seiner Spindel in den Finger stach. Ihm fällt alsbald Florian Illies’ Buch mitsamt dazugehöriger Pressemappe in die Hände. Es freut sich bei der Lektüre des collagenartigen Panoramas des Jahres 1913, mit welch leichten Füßen ein Nachgeborener seine Zeit eingefangen hat.

Wenn Illies erzählt, wie Hitler und Stalin in Wiener Parks den Hut füreinander gezückt haben könnten, während Trotzki nur Häuserblöcke entfernt im Café Schach spielte, Tito als Testfahrer mit seinem Mercedes durch die Hauptstadt des Habsburgerreiches waghalsig raste, Erzherzog Franz Ferdinand mit seiner Modelleisenbahn auf dem Fußboden und Gustav Klimt bei seinen Models lag, während preußische Junker nackt um Potsdamer Seen liefen, meint man, die Gerüche und Geräusche des Jahres 1913 riechen und hören zu können.

Kulturpessimismus und brennende Städte

Doch bei der Lektüre der Pressemappe wird unser wilheminisches Dornröschen stutzig. Es liest, dass Illies damit schließe, Arthur Schnitzler habe am Tage ihres Spindelmissgeschicks Ricarda Huchs „Der große Krieg in Deutschland“ gelesen, und dies sei als Vorahnung der bevorstehenden Apokalypse zu werten. Etwas habe in der Luft gelegen. Den Menschen sei 1913 mulmig gewesen. Das Buch sei ein ganz wunderbares Porträt einer zusammenbrechenden Welt am Abgrund, einen weiteren Erkenntniswert habe es freilich nicht. Unser wilhelminisches Dornröschen versteht nun, weder von welcher Apokalypse hier die Rede sein soll, noch was Ricarda Huchs Geschichte des Dreißigjährigen Krieges damit zu tun haben soll.

Natürlich ist unser wilhelminisches Dornröschen sich des Kulturpessimismus mancher seiner Zeitgenossen bewusst, der mit dem Fortschrittsglauben seiner Zeit zuweilen konkurrierte und manchmal damit einherging. Todessehnsucht, Untergang und Verderben lauerten hinter beinahe jeder Ecke: Emil Nolde begegnet im Pazifik „einer Kultur im Augenblick ihres Untergangs“. Wiener Künstler geben sich der Lust an Selbstvernichtung hin, Sigmund Freud ist so deprimiert wie nie zuvor, C. G. Jung kommen im Traum apokalyptische Visionen, Franz Kafka hat Gewaltphantasien, und der Augsburger Pennäler Bertolt Brecht sinniert über den Heldentod.

Ludwig Meidner malt brennende Städte und Landschaften, aufgebrochen durch Bomben und Krieg. Oswald Spengler sieht sowieso überall den Untergang des Abendlands, und Thomas Mann offenbart in dem Jahr, in dem „Tod in Venedig“ erscheint, dass sein „ganzes Interesse immer dem Verfallen“ gegolten habe.

Apokalyptische Zeitwende

Unserem Dornröschen ist aber immer noch nicht klar, am Rande welches Abgrunds es denn nun gelebt haben soll. Auch nachdem es sich etwas in der Welt des November 2012 orientiert hat, wird es nicht schlauer. Es ist etwas verwundert, dass so wenig jüdisches Leben sichtbar ist und dass Deutschland im Gegensatz zu den meisten west- und nordeuropäischen Staaten keine Monarchie mehr ist.

Davon abgesehen, ist die Welt aber ziemlich genau so, wie sie der Vorstellungswelt ihrer Zeit entspricht: Die technischen Neuerungen sind in etwa so, wie es „Der Tunnel“ ein Bestseller von 1913, vorhergesagt hatten. Im deutschen Parlament gibt es nur noch sozialdemokratische Parteien; die rechtliche Gleichheit der Geschlechter ist weitgehend hergestellt; Deutschland ist der mächtigste Staat des Kontinents, ohne ihn zu dominieren, während die eigentliche weltpolitische Macht nun bei außereuropäischen Großmächten liegt.

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