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Flaßpöhler: Mein Wille geschehe / Prosinger: Tanner geht : Auf der Jagd nach dem Gefühl, das zum Tod selbst gehört

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Bild: wjs

Svenja Flaßpöhler und Wolfgang Prosinger nähern sich in ihren Büchern dem Thema Sterbehilfe. Beide wählen dafür die Form der Suizid-Reportage. Ihre eigene Schaulust können sie dabei nicht unterdrücken.

          Wie die Liebe so bringt der Tod unvereinbare Perspektiven hervor. Das stimmt in der Theorie, sorgt aber auch literarisch für Spannung. Neben der Liebesgeschichte fasziniert die Todesgeschichte das lesende Publikum.

          Auf der Grenze von informativem Sachbuch und packend angelegter Reportage bewegen sich zwei Bücher, mit denen Svenja Flaßpöhler und Wolfgang Prosinger sich auf die Spur des modernen Sterbehilfetodes begeben. Flaßpöhler hat in der Literatur zum Thema sowie im Umfeld der Schweizer Sterbehilfeorganisation Exit e.V. recherchiert, Prosinger hat über Monate hinweg Gespräche mit „Tanner“ geführt – einem Sterbewilligen, der seinen Tod mit Hilfe des Schweizer Sterbehilfevereins Dignitas e.V. plant und letztendlich auch durchführt.

          Unabhängigkeit ist auch Einsamkeit

          Beide Autoren bemühen sich um einen journalistisch distanzierten und auch ausgewogenen Blick. Kapitel zur Fallgeschichte und Informationskapitel wechseln sich ab. So bringt Flaßpöhler eine kleine Theoriegeschichte des Suizidproblems, lässt philosophische Argumente pro und kontra Sterbehilfe zu Wort kommen und stellt eine eigene These zur „dialektischen Spannung“ der modernen Selbstbestimmung auf: Menschen realisieren heute Autonomie und sehen nicht, dass Unabhängigkeit auch Einsamkeit ist.

          Prosinger geht auf die Sterbehilfedebatte kursorischer ein, belegt die Bedeutung des Problems mit aktuellen Zahlen zum demographischen Wandel und rekonstruiert insbesondere die Auseinandersetzung um die Organisation Dignitas, deren Frontmann Ludwig A. Minelli dann auch die Gelegenheit erhält, sich gegen Vorwürfe zu verwahren. Prosinger hat mit Minelli ein Interview geführt und schildert den Alltag der Beschäftigten in der Dignitas-Zentrale. Prosinger geht aber auch auf die Hospizbewegung als „das Gegenmodell“ zu aktiver Sterbehilfe oder Freitodbegleitung ein. Beispielhaft stellt er einen Berliner Palliativarzt vor.

          Politisch korrekter Blick ins Sterbezimmer

          Zwei lesenswerte Bücher zu einem schwierigen Thema also? Ja und nein. Denn in beiden Büchern ist noch etwas anderes im Spiel. Soll man es journalistischen Jagdinstinkt nennen? Faszination? Die Dramatisierung des eigenen Mutes, so nah heranzugehen? Eine Art Todesneugier? Beiden Autoren geht es nicht allein darum, die Vorgehensweise professioneller Freitodhelfer abzuklären. Es geht auch nicht nur um die Unvereinbarkeit von objektiven und subjektiven Perspektiven auf den Tod. Es geht vielmehr um die Gefühle der Beteiligten. Um gefühlte Zeugenschaft. Um den Sterbehilfetod als Sensation.

          Flaßpöhler eröffnet ihr Buch mit einer Exit-Sterbeszene und lässt es im Reportagestil mit ihren persönlichen Empfindungen als Zeugin zweier Freitode enden. Prosinger macht es ganz ähnlich: Zu Anfang sehen wir Tanner bei Dignitas, er trinkt das tödliche Medikament und stirbt. Dann folgt die Rückblende zum Beginn der Geschichte, die der Leser schrittweise mitvollzieht, bis sie mit einer ausführlichen Schilderung der Reise in die Schweiz und – nochmals – mit Tanners Tod ihr Ende findet. Beide Autoren betonen, über die Sterbehilfefrage werde zu wenig geredet, die Selbsttötung sei „eines der letzten Tabuthemen der modernen Gesellschaft“. Der Blick ins Sterbezimmer ist also – wohlige Gewissheit für den Leser – ein fälliger Tabubruch und politisch korrekt.

          Der Nervenkitzel des Todes

          Flaßpöhler formuliert ihr Interesse wie folgt: „Wie verhält sich jemand, der weiß, dass er das Gebäude nicht mehr lebend verlassen wird? Wie verhalten sich die Angehörigen? Was wird gesagt? Was nicht? Wie gestaltet der Freitodbegleiter den Ablauf? Wie ist sein Verhältnis zum Sterbewilligen und zu den Angehörigen?“ Dies – sowie mit den Sterbewilligen jeweils unmittelbar vor Einnahme des Giftes noch einmal eigens geführte Gespräche – will die Autorin „in der gebotenen, das heißt die Persönlichkeitsrechte respektierenden Detailgenauigkeit wiedergeben“.

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