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Flaßpöhler: Mein Wille geschehe / Prosinger: Tanner geht Auf der Jagd nach dem Gefühl, das zum Tod selbst gehört

14.10.2008 ·  Svenja Flaßpöhler und Wolfgang Prosinger nähern sich in ihren Büchern dem Thema Sterbehilfe. Beide wählen dafür die Form der Suizid-Reportage. Ihre eigene Schaulust können sie dabei nicht unterdrücken.

Von Petra Gehring
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Wie die Liebe so bringt der Tod unvereinbare Perspektiven hervor. Das stimmt in der Theorie, sorgt aber auch literarisch für Spannung. Neben der Liebesgeschichte fasziniert die Todesgeschichte das lesende Publikum.

Auf der Grenze von informativem Sachbuch und packend angelegter Reportage bewegen sich zwei Bücher, mit denen Svenja Flaßpöhler und Wolfgang Prosinger sich auf die Spur des modernen Sterbehilfetodes begeben. Flaßpöhler hat in der Literatur zum Thema sowie im Umfeld der Schweizer Sterbehilfeorganisation Exit e.V. recherchiert, Prosinger hat über Monate hinweg Gespräche mit „Tanner“ geführt – einem Sterbewilligen, der seinen Tod mit Hilfe des Schweizer Sterbehilfevereins Dignitas e.V. plant und letztendlich auch durchführt.

Unabhängigkeit ist auch Einsamkeit

Beide Autoren bemühen sich um einen journalistisch distanzierten und auch ausgewogenen Blick. Kapitel zur Fallgeschichte und Informationskapitel wechseln sich ab. So bringt Flaßpöhler eine kleine Theoriegeschichte des Suizidproblems, lässt philosophische Argumente pro und kontra Sterbehilfe zu Wort kommen und stellt eine eigene These zur „dialektischen Spannung“ der modernen Selbstbestimmung auf: Menschen realisieren heute Autonomie und sehen nicht, dass Unabhängigkeit auch Einsamkeit ist.

Prosinger geht auf die Sterbehilfedebatte kursorischer ein, belegt die Bedeutung des Problems mit aktuellen Zahlen zum demographischen Wandel und rekonstruiert insbesondere die Auseinandersetzung um die Organisation Dignitas, deren Frontmann Ludwig A. Minelli dann auch die Gelegenheit erhält, sich gegen Vorwürfe zu verwahren. Prosinger hat mit Minelli ein Interview geführt und schildert den Alltag der Beschäftigten in der Dignitas-Zentrale. Prosinger geht aber auch auf die Hospizbewegung als „das Gegenmodell“ zu aktiver Sterbehilfe oder Freitodbegleitung ein. Beispielhaft stellt er einen Berliner Palliativarzt vor.

Politisch korrekter Blick ins Sterbezimmer

Zwei lesenswerte Bücher zu einem schwierigen Thema also? Ja und nein. Denn in beiden Büchern ist noch etwas anderes im Spiel. Soll man es journalistischen Jagdinstinkt nennen? Faszination? Die Dramatisierung des eigenen Mutes, so nah heranzugehen? Eine Art Todesneugier? Beiden Autoren geht es nicht allein darum, die Vorgehensweise professioneller Freitodhelfer abzuklären. Es geht auch nicht nur um die Unvereinbarkeit von objektiven und subjektiven Perspektiven auf den Tod. Es geht vielmehr um die Gefühle der Beteiligten. Um gefühlte Zeugenschaft. Um den Sterbehilfetod als Sensation.

Flaßpöhler eröffnet ihr Buch mit einer Exit-Sterbeszene und lässt es im Reportagestil mit ihren persönlichen Empfindungen als Zeugin zweier Freitode enden. Prosinger macht es ganz ähnlich: Zu Anfang sehen wir Tanner bei Dignitas, er trinkt das tödliche Medikament und stirbt. Dann folgt die Rückblende zum Beginn der Geschichte, die der Leser schrittweise mitvollzieht, bis sie mit einer ausführlichen Schilderung der Reise in die Schweiz und – nochmals – mit Tanners Tod ihr Ende findet. Beide Autoren betonen, über die Sterbehilfefrage werde zu wenig geredet, die Selbsttötung sei „eines der letzten Tabuthemen der modernen Gesellschaft“. Der Blick ins Sterbezimmer ist also – wohlige Gewissheit für den Leser – ein fälliger Tabubruch und politisch korrekt.

Der Nervenkitzel des Todes

Flaßpöhler formuliert ihr Interesse wie folgt: „Wie verhält sich jemand, der weiß, dass er das Gebäude nicht mehr lebend verlassen wird? Wie verhalten sich die Angehörigen? Was wird gesagt? Was nicht? Wie gestaltet der Freitodbegleiter den Ablauf? Wie ist sein Verhältnis zum Sterbewilligen und zu den Angehörigen?“ Dies – sowie mit den Sterbewilligen jeweils unmittelbar vor Einnahme des Giftes noch einmal eigens geführte Gespräche – will die Autorin „in der gebotenen, das heißt die Persönlichkeitsrechte respektierenden Detailgenauigkeit wiedergeben“.

Dabei nehmen nicht zuletzt Flaßpöhlers eigene Empfindungen breiten Raum ein: „Ich kenne zwar Todesangst, psychische wie physische, und doch scheint mir das Gefühl zu fehlen, das zum Tod selbst gehört.“ Ebendas – der Nervenkitzel angesichts des Todes selbst – gehört zur Konstruktion des Buchs. Prosinger geht in einem Nachwort auf seine Motivation zum Buchprojekt ein: Angeregt durch einen Zeitungsartikel, der ihn „ungeheuer berührte“, entstand der Wunsch, einen zum Freitod Entschlossenen „wochen- und monatelang zu begleiten, mit ihm zu sprechen, immer und immer wieder, um ihn verstehen zu lernen, das Unbegreifliche zu begreifen: Warum tut einer das? Was geht in den letzten Wochen seines Lebens in ihm vor? Wie lebt man dem Tod entgegen?“ Prosinger hat lang nach einem Freiwilligen gesucht, der sich auf das Experiment einlassen will. Er betont die Eigenart der Beziehung, die zwischen ihm und seinem Probanden über Gespräche hinweg entstanden ist.

Die eigene Schaulust

Kann man Sterbehilfereportagen als Sachbücher lesen? Wohl kaum. Prosinger bezeichnet sich selbst im Text romanhaft als „der Besucher“, Flaßpöhler wählt ein betont subjektives „Ich“. Wohl nicht zufällig ist beiden Autoren bewusst, dass neben dem Sterbewillen auch die Motivation von Beteiligten, etwa von Sterbehelfern, ein Rätsel ist: Warum arbeitet einer freiwillig bei Exit mit oder leistet bei Dignitas den Dienst? Die Autoren sind in diesem Punkt nur auf seltsam dünne Antworten gestoßen. Persönliche Motive werden abgestritten. Man verhelfe der Selbstbestimmung zu ihrem Recht, lautet die Auskunft der Aktiven. Und Sterbebegleitung schenke „tiefe innere Zufriedenheit“. Flaßpöhler wie Prosinger geben sich diesbezüglich skeptisch. Den Bogen zur eigenen Schaulust oder zu derjenigen ihrer Leser schlagen sie allerdings beide nicht.

Auch einen rechtspolitischen Beitrag zur Sache leisten Flaßpöhlers und Prosingers Fallbeispiele nicht. Sind aktive Sterbehilfe in der Klinik und Freitodhilfe nach Schweizer Muster strikt zweierlei und also Letzteres unbedenklich? Das ist Flaßpöhlers These. Über ihre Richtigkeit wird freilich nicht in den Sterbezimmern von Exit oder Dignitas entschieden, sondern an den vielen anderen Orten, an denen eine Lockerung des Tötungsverbotes unter dem Gesichtspunkt, wie „lebenswert“ ein Leben wohl noch ist, gesellschaftsweite Folgen hätte: In Pflegeheimen, bei Behandlungsentscheidungen überall dort, wo Kranke sich nicht mehr äußern können, bei Leistungszumessungen im Sozialsystem und nicht zuletzt im Verhältnis jedes Einzelnen zu denen, die ihm nahestehen, und zu sich selbst.

Anspruchshaltung der Sterbewilligen

Sterbegeschichten lassen sich ähnlich schlecht verallgemeinern, wie man Liebesgeschichten verallgemeinern kann. Was jedoch auffällt an den drei Geschichten, die Flaßpöhler und Prosinger erzählen, ist das strenge Schema von Recht und Pflicht, in das sich die Perspektiven von Sterbewilligen und Freitodbegleitern fügen: Man habe nicht das Recht, den Sterbewunsch abzulehnen, äußern auf der einen Seite die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Dignitas. Und auf der anderen Seite legen Sterbewillige zuweilen eine unangenehme Anspruchshaltung an den Tag – ohne Rücksicht auf den Kummer der Umgebung, auf Angehörige und Freunde. Man fordert die Suizidassistenz, als sei sie eine neutrale Verrichtungshilfe für etwas, das man dezidiert und ganz nach eigenem Willen tut.

Das freilich führt auf die Schlüsselfrage: Warum tut man es gleichwohl nicht selbst? Warum bestehen die Kunden von Exit und Dignitas darauf, eine professionelle Dienstleistung in Anspruch zu nehmen? Dass der Suizid tatsächlich sanktioniert wurde, ist lange her. Wie die Liebe ist der Freitod in der Moderne aber etwas Intimes gewesen. Etwas, das radikal allein verantwortet wird und auch in der Durchführung weder auf meine Nächsten abgeladen werden kann noch auf die Gesellschaft im Ganzen.

Weltabwendung bei der Selbsttötung scheint nicht mehr angesagt. Dienstleistung ist auch für diesen Akt gefordert. Da das Bedürfnis nach festen Wegen für die Selbstentsorgung dem Gesundheitssystem Kosten spart, wird der Sterbehilfetod leider Zukunft haben. Für das Genre der Suizid-Reportage dürfte Ähnliches gelten. Man darf gespannt sein, wann jemand die ersten im Sterbezimmer von Dignitas gedrehten Filme vertreibt.

Svenja Flaßpöhler: „Mein Wille geschehe“. Sterben in Zeiten der Freitodhilfe. wolf jobst siedler jr. verlag, Berlin 2007. 158 S., geb., 18 Euro.

Wolfgang Prosinger: „Tanner geht“. Sterbehilfe - ein Mann plant seinen Tod. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008. 176 S., geb., 16,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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