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: Farbe und Sand - Eberhard Schlotters Spätwerk

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Als der alte Maler in das peruanische Städtchen Cancas fährt, kommt er in eine Atmosphäre von Vitalität und Verfall zugleich: "Ein Reihendorf in der Küstenwüste, durchsägt von der Panamericana", notiert er im Januar 1997: "Viel Betrieb, aber keine Hast. Fische werden ausgenommen und gesäubert. Am ...

          Als der alte Maler in das peruanische Städtchen Cancas fährt, kommt er in eine Atmosphäre von Vitalität und Verfall zugleich: "Ein Reihendorf in der Küstenwüste, durchsägt von der Panamericana", notiert er im Januar 1997: "Viel Betrieb, aber keine Hast. Fische werden ausgenommen und gesäubert. Am Strand tummeln sich Schweine, nackte Kinder, Aasgeier, Hunde; tote Fische liegen herum, allerlei Angeschwemmtes und Exkremente aller Beteiligten. Es geht ganz friedlich zu, und wenn man von einem Hund angebellt wird, hat man das Gefühl, er wolle das gar nicht."

          Eberhard Schlotter, Jahrgang 1921, gelernter Weißbinder, studierter Maler, seit 1945 freischaffender und vielfach ausgezeichneter Künstler, der sich 1956 in Spanien niedergelassen hat, schuf in den letzten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts einen Zyklus von über 150 Gemälden, zahlreichen Aquarellen und Zeichnungen, die auf seinen Aufenthalt in Peru zurückgehen. Jetzt ist ein prächtiger Band erschienen, der sich Schlotters Spätwerk seit 1988 (und hier vor allem den peruanischen Bildern) verschrieben hat, das der Autor Wolfgang Schneider deutlich gegenüber dem "thetisch und ,literarisch' aufgeladenen mittleren Werk" abgrenzt und dessen Berührungspunkte mit dem Schlotterschen Frühwerk - etwa den berühmten "Leeren Bildern" der fünfziger Jahre - ausgiebig beschrieben werden: Beiden gemein ist die "betont flächige, geometrisch-abstrakte Bildarchitektur" und überdies die "Beschäftigung mit Vergänglichkeit und Tod". Dabei erweist sich Schneider als ein exzellenter Kenner des Schlotterschen OEuvres, berichtigt tradierte Irrtümer - etwa in Datierungsfragen - und widmet den einzelnen Bildern ausführlich beschreibende Interpretationen.

          Den "Verfall als Dauerzustand", den die Bilder nach peruanischen Motiven wie etwa "Endstation" (unsere Abbildung) zeigen, nimmt Schlotter mit großer Sensibilität wahr; auf die Leinwand bringt er ihn mit einer Technik, die der Farbe beispielsweise Sand- oder Staubkörner hinzufügt und so die poröse Struktur bröckelnder Mauern, deren "Sterben" Schlotter oft gefeiert hat, in realistischer Manier anschaulich macht. Er wolle, notiert Schlotter einmal in seinem Tagebuch, daß seine Bilder aus Peru selbst einen Eindruck des Geruchs vermitteln, den er in Cancas vorgefunden hat. Von den Bewohnern der Dörfer fehlt dagegen auf vielen Bildern jede Spur.

          Am Ende gibt Schneider einen Ausblick auf das weitere Schaffen des über achtzig Jahre alten Malers: Schlotter "fährt fort, alternde Mauern, Wände, Türen und menschenleere Landschaften zu malen - Bilder, so sinnlich wie gedankenvoll; Bilder, die in der Malerei der Gegenwart ihresgleichen nicht haben". Man muß nicht gar so hoch greifen, um diesen mit diskreter Effizienz bebilderten Band außerordentlich zu schätzen. (Wolfgang Schneider: "Abgesänge. Eberhard Schlotter, Das späte Werk". Justus von Liebig Verlag, Darmstadt 2004. 686 S., zahlreiche Abb., geb., 30,- [Euro].)

          TILMAN SPRECKELSEN

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