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F.A.Z.-Sachbücher der Woche : Wenn der Duft von Bratwurst in die Nase steigt

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Karen Duve ändert ihre Essgewohnheiten und versucht, so ein besserer Mensch zu werden. Frankreich-Kenner Karl Heinz Götze geht den Mythen unseres Nachbarlandes auf den Grund. Sebastian Junger erlebt ein Jahr lang hautnah den Krieg in Afghanistan mit. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.

          Deutschland hat wieder einen Lebensmittelskandal: krebserregende Dioxine in Eiern. Mastbetriebe wurden geschlossen, Bauern fürchten um ihre Existenz, Verbraucher um ihre Gesundheit. Was bis gestern noch gesichert schien, hat ein einziger Futterhersteller durch Profitgier aufs Spiel gesetzt.

          Dass Tausende von Hühnern, denen man das mit Abfällen aus der Biodiesel-Herstellung verseuchte Futter vorgesetzt hatte, vorsorglich geschlachtet wurden, erregt hingegen niemanden. Die deutsche Landwirtschaft, so heißt es, brauche bessere Kontrollen. Das mag stimmen. Vielleicht aber braucht sie auch noch etwas ganz anderes, nämlich ein grundsätzlich anderes System.

          Einkaufen zu Schleuderpreisen

          Denn von einer Landwirtschaft, für die „artgerecht“ ein Fremdwort ist, die Tiere nur als Rädchen einer Produktionsmaschine für Eier, Milch und Wurst begreift, die möglichst kostengünstig funktionieren will, damit sie vor der Konkurrenz bestehen und dem Kunden jeden Wunsch jederzeit durch Dumpingpreise im Supermarkt erfüllen kann, ist kein plötzlich gesteigertes Verantwortungsbewusstsein zu erwarten.

          Die Konsumenten bestätigen ihr schließlich beim täglichen Einkauf, dass sie auch so einverstanden sind - ansonsten würden sie nicht zu den zu Schleuderpreisen verkauften Lebensmitteln greifen. Dass diese nicht immer mit sauberen Mitteln arbeitet, weiß jeder, der zu Hause einen Fernseher oder Internet hat - und zwar schon vor dem Dioxin-Skandal.

          Durch Bio zum besseren Mensch

          Auch Karen Duve hat es gewusst. Sie kannte die Schreckensbilder aus Legehennen- und Hühnerfarmen, sie kannte die Berichte über Gammelfleisch. Sie ahnte, dass es besser wäre, beim Einkauf auf die „Hähnchen-Grillpfanne“ für 2,99 Euro zu verzichten: „Irgendwo in der Peripherie meines Bewusstseins wusste ich, dass die Bedingungen, unter denen dieses Huhn einmal gelebt hatte, wohl eher unfreundlich waren.“ Doch es schmeckt ihr, also greift Karen Duve zu.

          Bis ihre neue Mitbewohnerin, die sich nur von Bio-Produkten ernährt, sie eines Tages beim Einkaufen mit berechtigten Vorwürfen konfrontiert. Die Autorin gelobt, nicht länger Diskrepanz walten zu lassen zwischen dem, was sie weiß, und dem, was sie einkauft. Ob sich diese in dem Buch beschriebene Szene in Wahrheit so zugetragen hat oder nicht, ist dabei gar nicht entscheidend. Wichtig ist, was offenbar aus einer Bewusstwerdung folgte: Duves Entscheidung, ein besserer Mensch zu werden.

          Salat und Kartoffeln sind verboten

          Sie startet einen Selbstversuch: Zwei Monate lang wird sie nur noch Lebensmittel essen, die das EU-Bio-Siegel tragen; zwei Monate wird sie ganz auf Fleisch verzichten; dann zwei Monate als Veganerin leben und sich danach als Frutarierin ernähren - auch wenn sie erst einmal googeln muss, was das ist: Frutarier sind Menschen, die nur solche Pflanzenteile essen, deren Ernte nicht die gesamte Pflanze zerstört - Salat, Kartoffeln oder Wurzeln sind also nicht erlaubt, Äpfel, Sonnenblumenkerne und Tomaten aber schon.

          Was sie dabei erlebt, hat Karen Duve in einem großartigen Buch aufgeschrieben. Nach der viel diskutierten Streitschrift „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer (F.A.Z. vom 13. August 2010) liegt mit „Anständig essen“ nun ein ähnlich aufrüttelndes Plädoyer gegen die Massentierhaltung vor.

          Einbruch in eine Legehennenfarm

          Als Bio-Neukundin stellt die Autorin zunächst erfreut fest, dass sie so gut wie jedes liebgewonnene Lebensmittel (bei Duve sind das vor allem Kekse, Schokolade, Fleisch und fetter Käse) auch mit Bio-Siegel kaufen kann. Das vergleichsweise übersichtliche Markenangebot in Bio-Läden empfindet sie sogar als psychische Erleichterung. Und schlägt trotz der hohen Preise ungehemmt zu - sie blickt schließlich entbehrungsreichen Monaten entgegen.

          Schnell sind vier Kilo mehr auf der Waage. Duves Fazit: „Auch mit Bio-Ernährung kann man fett werden. Man muss es sich nur leisten können.“ Duve belässt es jedoch nicht einfach dabei, anders einzukaufen. Sie will sich damit konfrontieren, was in deutschen Landwirtschaftsbetrieben vor sich geht, studiert Veröffentlichungen von Tierschutzorganisationen und Schriften des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Sie recherchiert im Internet und bricht sogar in eine Legehennenfarm ein.

          Leben auf DIN-A4-Format

          Da sie in ihrem Garten in Brandenburg gern den eigenen Hühnern beim Herumrennen, Aufplustern, Scharren und Picken zuschaut, gilt dem Federvieh ihr besonderes Interesse. Was sie herausfindet, lässt schaudern. Bei Käfighaltung ist in Deutschland die sogenannte Kleingruppenhaltung vorgeschrieben. Das klingt besser, als es ist: Bis zu sechzig Hühner sitzen in einem Käfig; der Platz, der jedem zusteht, ist so groß wie ein DIN-A4-Blatt plus Postkarte.

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