Wenn man den Sätzen Glauben schenkt, die aus dem Inneren der Konzernzentrale dringen, dann wird sich Google in Zukunft immer stärker darauf ausrichten, nicht nur mehr über uns zu wissen, als wir selbst in kurzer Zeit in Erinnerung rufen können. Es wird auch dazu übergehen, dieses Wissen in konkrete Verhaltensanweisungen umzumünzen. Die Suche wird magischer werden, heißt es, und ein Teil dieser Magie könnte darin bestehen, dass sie nicht mit dem Eintippen ins Suchfeld beginnt, sondern dort schon einen Vorschlag bringt, womit der Tag zu beginnen sei, errechnet aus dem, was vorher geschah. „Sie [die Suchmaschinentechnologie] wird in menschliche Gehirne eingebaut sein“, lässt sich Larry Page, einer der beiden Google-Gründer, vernehmen. „Wenn Sie an etwas denken und nicht viel darüber wissen, wird es Ihnen automatisch die passende Information geben.“ Von Eric Schmidt, bis vor kurzem Geschäftsführer, stammt der Satz: „Ich denke, die meisten Menschen möchten, dass Google ihnen sagt, was sie als Nächstes machen sollten.“ Schmidt und Page sprechen solche Worte mit einer Selbstverständlichkeit aus, als könnten sie sich gar nicht vorstellen, dass es mehr als eine Last sein könnte, das Denken weiter selbst zu übernehmen.
Man kommt etwas näher an diesen sich menschenfreundlich gebenden Posthumanismus heran, wenn man weiß, dass Page ein Bewunderer des KI-Propheten Ray Kurzweil ist, bekannt für seine Thesen zur Singularity, jener Schwelle, ab der Maschinenintelligenz humanem Denken in allen Bereichen voraus sein soll. Google ist deshalb von seinen Gründern ganz bewusst als eine solche Megaintelligenz konzipiert, die möglichst viel KI in sich aufnehmen soll, um dann irgendwann den Schritt über seine Benutzer hinaus zu tun - was Google in Teilbereichen auch schon getan hat. Es lässt sich bisher kein ideologisches Interesse hinter dieser Machtübernahme erkennen, nur ein wirtschaftliches an höheren Gewinnmargen und das Selbstinteresse an der Steigerung technischer Möglichkeiten. Der Weltverbesserungston der Anfangsjahre wirkt aber verbraucht.
Im Innneren des Googlekomplexes
Der Anschein ideologischer Neutralität kommt daher, dass die Obsession von Page und seinem Kompagnon Sergey Brin zunächst einmal schlicht dem Umgang mit Daten gilt. Noch heute fragen sie bei Einstellungsgesprächen nach unwesentlichen Schulnoten, ganz einfach weil sie der Meinung sind, dass alle Daten zählen. Und man lernt im Laufe des Buchs, das der amerikanische Journalist Steven Levy über Google geschrieben hat, dass Daten gar keine übergeordneten Bezugsgrößen brauchen, um für Brin und Page einen höheren Zweck darzustellen: Es reicht aus, sie zu beschleunigen, zu verteilen, in Form zu bringen.
Levy ist an Google dichter herangekommen als jeder andere vor ihm. Er hatte das Privileg, den Googleplex über mehr als zehn Jahre hinweg regelmäßig von innen zu betrachten und mehrfach mit seinem menschenscheuen Führungsduo zu sprechen. Diese Nähe ist nicht immer vorteilhaft. Sie verführt Levy dazu, sich in Personen, Erfindungen, Anekdoten zu verlieren. Sein Buch ist keine bloße Ergebenheitsadresse, aber thesenarm. Ihm fehlt die Außensicht.
Das Erfolgsprinzip von Google
Levy wählt die Perspektive der Gründungslegende und erzählt die Geschichte eines Unternehmens, das von Beginn an ein Abbild seiner Gründer sein sollte, der ewig jungenhaften Geeks Larry Page und Sergej Brin, die sich auf dem Campus von Stanford kennenlernten und eine Suchmaschine gründeten, die allmählich vom Forschungsprojekt zum kommerziellen Unternehmen wurde, ohne die akademischen Züge ganz abzustreifen. Für das Verspielte steht weiter das Legobunt der Unternehmenskultur - auch wenn es mittlerweile oft eine aggressive Note hat -, die Gymnastikbälle, Lavalampen und Spielzeugecken. Legendär ist die Anekdote, wie Brin und Page beim Diner mit Prinz Philip den Sirup für das Soufflée wie Schnaps hinuntergossen, statt ihn der Etikette gemäß auf das Dessert zu träufeln.
Es scheint bei Levy so, als sei Google vor allem deshalb zur mächtigsten Suchmaschine geworden, weil es so viele talentierte Ingenieure in seine Reihen aufnahm, denen der reformpädagogische Geist seiner Gründer so viel Freiheit ließ. Brin und Page, beide nach Montessori-Prinzipien erzogen, schafften schon einmal im Handstreich eine gesamte Managementebene ab, weil sie eine Gängelung der Ingenieure fürchteten. Wer die Suprematie der Techniker nicht anerkennt, wird es bei Google schwerhaben. Den Einfluss der Manager auf das Nötigste begrenzen, könnte ein Erfolgsprinzip von Google sein.
Konflikt mit der Privatsphäre
Das andere liegt darin, dass Google die Idee des Internet wie keiner seiner Konkurrenten verkörperte. Mit dem Page- Rank-Verfahren, das die Suche nach dem Verlinkungsgrad sortiert, machte es den Kern des Internet, die Verlinkungsstruktur, selbst zum Prinzip der Suche. Und mit seiner bahnbrechenden Form der Onlinewerbung zeigte es, dass es auch die Bedingungen der Aufmerksamkeitsökonomie verinnerlicht hatte: wie wichtig es ist, für jede Millisekunde zu wissen, worauf unsere Konzentration gerichtet ist. Seine Dienste Adword und Adsense machten Werbung so gut messbar und so zielgerichtet, dass Google die Hälfte des gesamten Werbeetats im Internet für sich vereinnahmen konnte, ohne selbst einen greifbaren Wert zu schaffen. Abstrakt gesprochen steht Google für eine weitere Epoche beim Übergang vom Substanzdenken zum Relationsdenken.
Mit dem Börsengang 2004 bekam Google ein anderes Gesicht, auch wenn sich Brin und Page bemühten, den Einfluss des Managements zurückzuhalten und Kreativität nicht im Großbetrieb aufgehen zu lassen. Dass Google kein philanthropisches Unternehmen ist, auch wenn es eine milliardenschwere Stiftung unterhält und ökologische Projekte fördert, sondern vor allem ein Werbemakler, der mit Daten hohe Renditen erzielt und nicht lange zögert, die Identitäten seiner Klienten zu verhökern, ist seit längerem klar. Mit seinem eigenen Maildienst Gmail geriet Google erstmals in direkten Konflikt mit der Privatsphäre seiner Klienten. Deutlich wurde dabei die eklatante Verständnislosigkeit für alle Bedürfnisse, die sich technischer Machbarkeitseuphorie entgegenstellen. „Wir hielten das für großartig“, kommentierte Page die Idee, die Mails seiner Kunden zu durchforsten, um am Seitenrand passende Werbung zu schalten. „Wir verschwendeten darauf keinen zweiten Gedanken. Es gab sehr viele kritische Dinge, aber ich zuckte da nicht mit der Wimper. Es schien mir nie als eine Frage der Privatheit.“ Hinter Google steht der Glaube, dass sich technischer Überlegenheit kein Hindernis in den Weg stellen darf.
Ungewohnter Fehlschlag
Den Pfad des Guten, auf den man sich im Unternehmensgrundsatz (“Don't be evil“) verpflichtet, hat Google öfter verlassen. Bis zum Jahr 2010 unterdrückte es in Absprache mit der chinesischen Regierung Suchergebnisse, die dem Regime nicht gelegen kamen. Auch bei der Netzneutralität, für die es lange glühend warb, legte der Konzern eine Kehrtwende hin. Die Arroganz des Mächtigen und die technologische Hybris hat Google inzwischen oft spüren lassen. Bei seiner Buchsuche praktizierte das Unternehmen regelmäßig bewussten Rechtsbruch und maßte sich an, geltendes Recht in seinem Sinn umzudefinieren. Für richtig befand man eine der eigenen Technologie angepasste Rechtsprechung.
Google hat zuletzt wenig getan, um den vertrauensvollen Einblick und die ungeheure Macht zu rechtfertigen, die wir ihm halb aus Anerkennung seiner technischen Leistungskraft, halb aus Gedankenlosigkeit über unser Leben geben. Mit dem getrieben wirkenden Larry Page an der Unternehmensspitze, der den mäßigenden Eric Schmidt im April abgelöst hat, wird sich das Konquistadorenhafte bei der Vermessung alles Formatierbaren bis in die letzten Winkel hinein eher noch steigern.
Ein Untergangsszenario für das Unternehmen im dreizehnten Jahr seines Bestehens steht auch schon bereit. Google ist nach dem Geist seiner Gründer ein Quadratschädel, dem der Sinn für die Vibrationen des sozialen Netzes fehlt. Facebook könnte ein härterer Gegner sein als Microsoft. Dass persönliche Empfehlungen eines Freundes hier genauso schwer wiegen wie das Ergebnis algorithmischer Berechnungen, ist etwas, das in Googles Logik schwer Eingang findet. „Buzz“, Googles erster Versuch im sozialen Netz, war ein für das Unternehmen ungewöhnlicher Fehlschlag. Die Frage wird sein, wie es Google gelingt, das Soziale zu verrechnen.
Thomas Thiel