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F.A.Z.-Sachbücher der Woche Leben aus dem Baukasten

 ·  Überlebende der deutschen Vernichtungspolitik, real werdende Trugbildern von Frauen und Neues zur Synthetischen Biologie. Die Themen der F.A.Z.-Sachbücher der Woche.

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Diesmal fliegt die Eule der Minerva schon in der Morgendämmerung: Die Synthetische Biologie, jene Kombination aus fortgeschrittener Gentechnologie, Bioinformatik und Systembiologie, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, Genome zu bauen, statt nur zu analysieren, steckt kaum richtig in den Startlöchern. Die moralische Reflexion des Unternehmens jedoch ist schon in vollem Gange. Zum einen, weil die Forscher dieses Mal, anders als bei der Gentechnik, nichts anbrennen lassen wollen. Nur eine Technologie, bei der die Gesellschaft früh genug informiert wird und mitreden darf, kann eine gesellschaftlich akzeptierte Technologie werden.

Zum anderen fasziniert die Synthetische Biologie Moralphilosophen und Wissenschaftstheoretiker mindestens ebenso wie ihre eigentlichen Protagonisten. Im Mittelpunkt ihres Interesses steht dabei die Frage nach den Einflüssen der Synthetischen Biologie auf unseren Begriff des Lebens, so die Herausgeber des neuen Sammelbandes, der sich mit den ELSIs, den ethical, social and legal issues, den moralischen, sozialen und rechtlichen Aspekten der neuen Disziplin befasst.

Wenn sich der Mensch als Schöpfer künstlichen Wesens betrachten würde

Die Synthetische Biologie hat zwei herausstechende Eigenschaften. Zum einen die deutliche Ausrichtung auf die Ingenieursperspektive: es geht natürlich auch darum, Prozesse des Zellstoffwechsels besser zu verstehen, vor allem aber geht es um das Konstruieren, Ergänzen, Minimieren, Optimieren. Die zweite herausstechende Eigenschaft sind die großen Worte, mit denen das Unternehmen in der Öffentlichkeit präsentiert und diskutiert wird: Leben schaffen, dem Schöpfer ins Handwerk pfuschen, Homo creator, Evolution 2.0.

Nun gibt es unter den synthetisch arbeitenden Biologen einige, die ihre Projekte sehr öffentlichkeitswirksam in Szene setzen, Gentechnik-Pionier Craig Venter ist sicher das bekannteste Beispiel. Die große Mehrheit der Fachleute jedoch verzichtet bei der Beschreibung der eigenen Arbeiten auf das emotional aufgeladene Vokabular, haben Amelie Cserer und Mitautoren herausgefunden. Die Presse hingegen lässt sich in keinem einzigen der einschlägigen Artikel die Schöpfungsmetaphorik entgehen. Dies führt dazu, dass die Öffentlichkeit, aber oft auch die Philosophen von einem viel dramatischeren Bild der Synthetischen Biologie ausgehen, als es der Stand der Forschung derzeit rechtfertigt. Diese Spannung zieht sich auch durch die Beiträge des Bandes. Die Synthetische Biologie sei großartig, unberechenbar und unheimlich zugleich, so Diana Aurenque. Was für ein herrliches moralphilosophisches Betätigungsfeld, könnte der Mensch sich tatsächlich als Schöpfer künstlichen Lebens betrachten. Kann er aber nicht. Noch nicht. Ob und wann er je dahin kommen wird, ist unklar.

Es gibt viele Kriterien für diesen Sammelnamen

Interventionen, neue Gesetze oder ein die Forschung unterbrechendes Moratorium seien derzeit nicht erforderlich konstatiert deshalb Wolf-Michael Catenhusen, Mitglied des Deutschen Ethikrates. Sehr wohl erforderlich sei aber ein Monitoring, das im Auge behält, was vor sicht geht, damit der Gesetzgeber rechtzeitig regulierend eingreifen kann, sollten Grenzen überschritten werden.

Und was geht vor sich? Fast alle Beiträge des Bandes bemühen sich zuerst einmal um Orientierung, denn Synthetische Biologie ist längst zu einem Sammelnamen für ganz unterschiedliche Projekte geworden, auch aus Gründen der Forschungsförderung, so Margret Engelhard. Sie formuliert vier Kriterien, um die Synthetische Biologie von der Gentechnik zu unterscheiden, während Cserer und Mitautoren sie für einen Teilbereich der Gentechnologie halten. Anna Deplazes-Zemp unterscheidet fünf große Projekte innerhalb der Synthetischen Biologie, von der Optimierung von Stoffwechselwegen in der Biotechnologie über die Synthese künstlicher Genome bis hin zu Versuchen, Zellen mit einem Minimalgenom als Vehikel für gentechnische Experimente zu entwickeln, Protozellen aus unbelebtem Material zum Leben zu erwecken oder Genome so zu verändern, dass sie mit den natürlichen nicht mehr interagieren können. Mit Ausnahme der Biotechnologie ist dies freilich Zukunftsmusik, sodass die Ethiker in diesem Band ein wenig spekulativ vorgehen. Das erleichtert ihren Stand unter den Forschern nicht gerade, ist aber durchaus berechtigt, denn wenn eine Technik erst einmal da ist, ist es für die moralische Reflexion meist zu spät.

Blind für die Folgen betrieben

Längst nicht allen Autoren des Bandes gruselt es bei zurechtgestutzten Mikroorganismen in industriellen Fertigungsprozessen oder bei der Aussicht auf einen menschlichen Lebensschöpfer. Die Entfaltung der biosynthetischen Technologie sei die äußerste Konkretisierung der Gottesebenbildlichkeit des Menschen, meint Diana Aurenque, Norbert Walz erklärt die Vorstellung vom Homo creator, der Grenzen infrage stellt und die Natur wie den eigenen Körper als verbesserungswürdigen Rohstoff betrachtet, zur Verlängerung und Radikalisierung des aufklärerischen Menschenbildes. Kein intelligenter Designer hätte die Genome der Lebewesen so zusammengebaut, wie es die Evolution getan hat: keine klares Organisationsprinzip, keine Hierarchien, zitiert Deplazes-Zemp den Vorreiter der Synthetischen Biologie, Drew Endy. Bislang allerdings ist der stolze Homo creator allenfalls ein Homo plagiator, mäßigt Norbert Walz die Begeisterung. Das gilt auch für Craig Venter, der ein Genom nachbaute und in eine bestehende Zelle einsetzte.

Die Autoren fahren den Golem und Descartes, Schopenhauer, Heidegger und die Bibel, den Lego-Baukasten und die synthetische Chemie auf, um das neue Phänomen auf den Begriff zu bringen. Die Chemie ging mit der Synthese organischer Substanzen die ersten Schritte, neu synthetisierte Substanzen folgten. Allerdings ist die Geschichte der Synthetischen Chemie nicht nur die Erfolgsgeschichte eines boomenden Industriezweiges. Sie wurde ein Jahrhundert lang blind für die Folgen betrieben, so Catenhusen, ein Fehler, der bei der Synthetischen Biologie möglichst vermieden werden sollte.

Der Lebensbegriff wird heterogener

Der Lego-Baukasten veranschaulicht, dass die Technologie selbst, sobald sie auf vorgefertigte Biobricks und Firmen, die das Synthetisieren von modifizierten DNA-Strängen übernehmen, zurückgreifen kann, relativ einfach ist. So einfach, dass sich eine Szene von Hobbybiologen entwickelt, die in Hinterhoflaboratorien mit Secondhandgerätschaften fröhlich vor sich hin experimentiert - jeder Aufsicht entzogen, wie Margret Engelhard beklagt. Ein Gefahrenszenario, das neben das der eventuell möglichen Herstellung neuer Biowaffen und der beabsichtigten oder unbeabsichtigten Freisetzung massiv veränderter Organismen tritt.

Die ganz unterschiedlichen Beiträge des Sammelbandes geben einen guten Überblick über die zahlreichen Fragen, die im Zusammenhang mit der Synthetischen Biologie diskutiert werden wollen. Was die neue Disziplin dazu beiträgt, das Leben besser zu verstehen oder den Begriff des Lebens zu verändern, gerät über Grundsatzfragen und Sicherheitsbedenken ein wenig in den Hintergrund.

Der Lebensbegriff wird heterogener, meint Deplazes-Zemp, weil verschiedene Arten mit Leben umzugehen - verstehen, nutzen, minimieren, optimieren -, zusammenfließen. Das Programm der Synthetischen Biologie trägt nicht zur Klärung des Lebensbegriffs bei, meint Christian Martin; Ulrich Beuttler diskutiert, ob synthetisches Leben heilig sein kann.

Ein leichtes Gruseln ist gerechtfertigt

Am Ende fassen die Autoren die Essenz ihrer Überlegungen in zehn Thesen zusammen, in deren Zentrum wiederum die Diskrepanz zwischen den auf absehbare Zeit realisierbaren und den in der Öffentlichkeit diskutierten Projekten steht, die Warnung vor Dramatisierung und überzogenen Metaphern, aber auch vor einem um sich greifenden reduktionistischen Blick auf das Leben. Denn die Synthetische Biologie zielt nicht darauf, Komplexität zu verstehen, um sie zu bewundern, sondern um sie zu minimieren und handhabbar zu machen.

Ein leichtes Gruseln rechtfertigen die heute schon realisierbaren Veränderungen bestehender Organismen und ihre Nutzung in industriellen Fertigungsprozessen daher allemal. Dies allein ist schon ein guter Grund, den Lebensbegriff und unseren Umgang mit dem Leben wieder einmal auf die moralphilosophische Tagesordnung zu setzen.

Manuela Lenzen

„Was ist Leben - im Zeitalter seiner technischen Machbarkeit?" Beiträge zur Ethik der synthetischen Biologie. Hrsg. v. Peter Dabrock, u.a. Verlag Karl Alber, Freiburg 2011. 424 S., br., 39,- €.

Quelle: F.A.Z.
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