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F.A.Z.-Sachbücher der Woche : Die Finanzwirtschaft ist eine Geisterbahn

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Bild: Verlag

Joseph Vogl zeigt, wie aus Fiktionen Geld gemacht wird, Jo Marchant hebt den ersten Computer aus dem Meer und Steven Shapin geht dem Minderwertigkeitskomplex der Geisteswissenschaften auf den Grund. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.

          Würde man den Berliner Literaturwissenschaftler Joseph Vogl vor die Frage stellen, ob sich die großen finanzökonomischen Krisen der letzten hundert Jahre noch in eine erzählerische Form pressen lassen, würde er wohl mit einem zaudernden „Nein“ antworten oder - was noch wahrscheinlicher ist - auf Don DeLillos Romane verweisen.

          Der blinde Fleck im Schatten

          Denn der schnelle Puls auf den Finanzmärkten, der permanente Strom von Erwartungen, die sich an andere Erwartungen binden, Risiken mit Risiken vergelten und von einem rauschhaften Tempo sind, dass es das Denkvermögen eines Leibniz überschritte, gehen mit einer unüberschaubaren, von Simultanitäten angepeitschten Ereignishaftigkeit einher, die sich auf keinen roten Faden der Erzählung mehr beziehen lässt.

          „Die Weltlage ist unkenntlich geworden“, heißt das Verdikt. Und trotzdem entwickelt Vogl in seiner desillusionierenden Studie „Das Gespenst des Kapitals“ ein scharfes Bewusstsein dafür, wie man die überaus komplexe Logik spekulativen, die Realwirtschaft übertrumpfenden Handelns begrifflich fassbar machen kann. Es geht hier um nichts weniger als darum, den blinden Fleck, unter dessen Prämisse Finanzökonomen Tag für Tag Gewinne erzielen, mit einem kulturphilosophischen Perspektivwechsel aus seinem Schattendasein zu holen.

          Romantisches Verkehrsprofil

          Um das Beeindruckende an dieser Studie vorwegzunehmen: Vogl gelingt es, aufzuzeigen, dass die vermeintlich rationale Logik der Finanzökonomie, die sich seit den siebziger Jahren von realökonomischen Bindungen an das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage entfesselt hat, auf autopoietischer, systemerhaltender Unvernunft basiert.

          Paradoxerweise leben wir in einer Welt, in der Hoffnungen, Erwartungen und Leidenschaften, kurz gesagt: eine Mischung aus famahaften Mutmaßungen und gefühlsmotivierten Fiktionen, die Ratio unseres ökonomischen Handelns bestimmen: „Die Unterscheidung von wirklichen und fiktiven Werten, von natürlichen und künstlichen Reichtümern, von realer und virtueller Ökonomie macht hier wenig Sinn. Man könnte von einem geradezu romantischen Verkehrsprofil sprechen: Die Kreditzirkulation basiert auf der Paradoxie eines ,sich selbst garantierenden Geldes' und erweist sich als Schauplatz effektiver Fiktionen oder ,Dichtung', auf dem der Umlauf des Scheinhaften tatsächlich zur Determinante ökonomischer Relationen gerät.“ Das könnte eine Wirtschaftswissenschaft, die als Anwalt ihrer eigenen Aktien physikalisch-analytische Exaktheit beansprucht, überraschen, wenn nicht sogar in tiefe Unruhe versetzen. Doch das nimmt Vogl in Kauf.

          Radikaler Schritt ins Imaginäre

          Als Beleg für seine gespenstische These zeichnet er eine Urszene, eine finanzphilosophische Wende in der jüngeren Ökonomiegeschichte nach, die man auf den 27. Februar 1797 datieren muss, als das englische Parlament nach vernichtenden Koalitionskriegen den Beschluss fasste, die Bank von England von der Verpflichtung zu befreien, „Banknoten in Münzgeld einzuwechseln und damit eine beständige Deckung des umlaufenden Papiergeldes zu garantieren“. Man könnte auch sagen: An diesem Tag wurde aus Gold nicht mehr Geld, sondern aus Geld wurde Papier gemacht.

          Die Bindung an das Münzgeld zu destruieren hieß, eine Finanzpolitik durchzusetzen, die vor allem auf dem unabdingbaren Vertrauen gründet, dass die bunt bedruckten Scheine, welche die Bank zur Ankurbelung von Investitionen als selbstgenerierte Kredite in Umlauf brachte, auch morgen noch wertvoll sein würden. Dieser radikale Schritt ins Imaginäre erforderte es zugleich, die auch heute noch gültige Differenz zu denken, „dass man etwa auf dem Anspruch auf ein Pferd nicht reiten, mit dem bloßen Anspruch auf Geld aber Zahlungen machen kann“.

          Geldschöpfung aus Nichts

          Und das heißt immer auch: mit der Zukunft zu spekulieren und dabei die Wirtschaft in einer unendlich gesteigerten Hoffnung zu verzeitlichen, dass erst morgen die heute verzehrte Zukunft Wirklichkeit wird. „Die repräsentative Kraft der Zeichen hat sich verschoben und liegt nun in der Fähigkeit begründet, durch Selbstreferenz Übertragungen zu leisten. Geld ist Kreditgeld und also Versprechen auf Geld, es löst die Symmetrie von Tausch und Gegentausch auf.“

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