10.05.2010 · Die Menschen müssen merken, dass man sich nicht alles gefallen lässt: Claudia Szczesny-Friedmann erklärt mit Hilfe der Evolutionspsychologie, wie wir uns für den Umgang mit unseren Zeitgenossen wappnen.
Von Manuela LenzenDer Mensch ist nicht von Natur aus gut oder schlecht, er ist sozial. Das heißt, er ringt um die Anerkennung seiner Mitmenschen, um einen sicheren, besser noch einen herausgehobenen Platz in ihrer Mitte. Sein Erfolg ist immer sozialer Erfolg. Die Evolution, so sagt die Evolutionspsychologie, hat unsere Psyche entsprechend eingerichtet. Und so lernen wir, wie unser Verhalten als Anpassung an die Bedingungen einer vergangenen Welt zu erklären ist. Niklas Luhmann hat dieses ins Tautologische gehende evolutionspsychologische Erklärungsmuster mit dem Satz ironisiert: „Stimmt genau: Erfolgsmenschen haben Erfolg.“ Dennoch lassen sich aus dem evolutionär korrekten Buch „Wie du mir“ Funken für den Umgang mit Menschen schlagen.
Sie sei bei ihren ersten Ausflügen in die ehemals umstrittene, heute jedoch entdramatisierte Disziplin regelrecht schockiert gewesen, berichtet die Autorin Szczesny-Friedmann. Wir seien zwar eine kooperative, aber ebenso eine aggressive Art, Meister im Täuschen, Lügen und Betrügen. Wir machen es allzu gerne wie Tom Sawyer, der, von seiner Tante verdonnert, einen langen Zaun zu streichen, sich von anderen Kindern dafür bezahlen lässt, dass sie ihm die lästige Arbeit abnehmen dürfen. Doch dies gelingt nicht allen gleich gut. Es gibt Menschen, die aus sozialen Beziehungen vor allem Nutzen ziehen, und andere, die stets die Rechnung dafür zahlen, dass es anderen gutgeht.
Wer immer zurücksteckt, ruiniert sein Immunsystem
Die Autorin will die Mechanismen dieser Gewinner- und Verlierer-Strategien aufdecken. Sie sieht in unseren sozialen Beziehungen zwei diametral entgegengesetzte Strategien am Werk: Kooperation und Konkurrenz. Mit den Begriffen des Evolutionsmathematikers John Maynard Smith nennt sie Menschen, die eher auf Kooperation setzen, Tauben, die anderen Falken. Diese stoßen in drei Modi aufeinander: im Kooperations-, Kampf- und im Prestigemodus. Damit ist für die Autorin die Welt der menschlichen Psychologie aufgespannt, grob vereinfacht, wie sie betont, denn tatsächlich kommen weder Typen noch Modi in Reinform vor.
Szczesny-Friedmann hat ein gutes Argument auf ihrer Seite: die Gesundheit. Wer um des lieben Friedens willen immer zurücksteckt, wer die Wünsche anderer erfüllt, bis er gar nicht mehr weiß, welche Wünsche er selber hat, ist nicht nur unglücklich, er ruiniert sein Immunsystem. Viele Ratschläge der Autorin beziehen sich daher darauf, die Tauben ein wenig wehrhafter zu machen. Man möge nicht so zimperlich sein und die erlernte Hilflosigkeit überwinden, empfiehlt die Autorin. Fair zu sein reiche völlig aus.
Zwergschimpansen wissen, was Glück bedeutet
Auch der aggressive Falke, der sich nimmt, was er haben will, der Freundlichkeit als Schwäche verachtet, andere warten lässt und lieber gefürchtet als gemocht werden will, tut sich nichts Gutes. Die junge Generation wartet ungeduldig darauf, dass seine Kraft einmal erlahmt, um ihm dann jede Gemeinheit heimzuzahlen. Wie gut, dass es die Bonobos gibt. Die netten unter den Zwergschimpansen, die sich weder unterkriegen lassen noch sich ständig vordrängeln, die Freundschaften pflegen und viel mit dem Nachwuchs spielen, sind es nämlich, die auch ihren Lebensabend im Kreis vieler Freunde verbringen - und damit dem, was Menschen unter Glück verstehen, vielleicht am nächsten kommen.
Die Gesellschaft braucht beide, Tauben und Falken, so die Autorin, und der einzelne Mensch kann im Idealfall nach Bedarf zwischen beiden Strategien wählen. Gutes tun, anderen nicht schaden - das sei die Maxime, aber nur solange sie auf Gegenseitigkeit beruht. Wenn man im Gegenteil für seine Freundlichkeit auch noch bestraft wird, dann muss im Zweifel zurückgeschossen werden. Die Menschen müssen merken, dass man sich nicht alles gefallen lässt. So will das Buch nicht Falken züchten, sondern Einseitigkeiten ausgleichen. Die ideale Strategie findet es im „tit for tat“ der Spieltheoretiker: Zuerst versuchsweise den Kooperationsmodus anbieten, doch wenn das Angebot betrügerisch ausgenutzt wird, gleich die Zähne zeigen: Wie du mir, so ich dir.