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Eva Eßlinger u.a.: Die Figur des Dritten ; Thomas Bedorf u.a.: Theorien des Dritten : Triumph der Überpersönlichkeit

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Bild: Suhrkamp Taschenbuch

Wie erfasst das sozialwissenschaftliche Denken die Konflikte unserer Welt? Zwei Sammelbände nehmen die Figur des Dritten als Schlichter in die Pflicht.

          Merkwürdige Geschöpfe bevölkern seit geraumer Zeit schon die Prachtalleen sozial- und kulturwissenschaftlicher Theoriebildung. Trickster, Parasiten, Cyborgs, Boten und Grenzgänger sowie diverse andere mehr oder weniger hybride Wesen scheinen sich dabei zunehmend vom Wegesrand auf die Straßenmitte zu verlagern, die sonst altehrwürdigen Gegensatzpaaren wie System und Umwelt, Ego und Alter, Subjekt und Objekt, Herr und Knecht vorbehalten war.

          Dass solches Denken in binären Strukturen die Konturen unserer überkomplexen Gegenwart nicht mehr zu erfassen vermöchte, ist der Eindruck, auf den zwei Sammelbände reagieren, die nicht zuletzt an solchen hybriden Gestalten Konturen einer „Theorie des Dritten“ ausmachen. Simmels „Soziologie“ von 1908 erscheint hier als Gründungstext triadischen sozialwissenschaftlichen Denkens, auf den sich fast alle der in den beiden Sammelwerken vertretenen Autoren beziehen.

          In der intimen Bahn zweier Subjekte

          Der Dritte tritt bei Simmel zumal als vermittelnder, lachender oder herrschender Dritter zu einer Zweierkonstellation hinzu - je nachdem, ob er deren Konflikte als Schiedsrichter löst, für seine eigenen Zwecke ausnutzt oder selbst herbeiführt, um sich nach dem Prinzip divide et impera als Herrscher zu etablieren. Mit der Dreizahl ist somit eine potentiell variable, wechselnde Koalitionen erlaubende Konstellation gegeben, die den intimen Bann zweier miteinander interagierender Subjekte aufhebt.

          Bild: Wilhelm Fink

          Wo in der Dyade die Beziehung mit dem Ausfall eines der Beteiligten erlischt, setzt mit der Triade jene „Überpersönlichkeit“ ein, die die Ersetzung einzelner ermöglicht, ohne dass sich gleich die Gruppe auflösen müsste. Weitere Akteure, darauf weist Joachim Fischer in seinem nützlichen Überblick über den lachenden Dritten als Schlüsselfigur der Soziologie Simmels hin, vergrößern nur die Wahlmöglichkeiten, ohne einen prinzipiell neuen Aspekt hineinzubringen. Aufgrund ihrer wechselnden Koalitionsmöglichkeiten ist die Triade dabei eine konflikthafte Größe.

          Gewalt wird durch Dritten zum sozialen Akt

          Mit Jan Philipp Reemtsma verweist Albrecht Koschorke in dem Band „Die Figur des Dritten“ darauf, dass Gewalthandeln erst zu einem sozialen Akt wird, wenn es sich an einen Adressaten, einen beteiligt-unbeteiligten Mitwisser, mithin einen Dritten wendet. Mag etwa die Folter scheinbar im Verborgenen stattfinden, so ist entscheidend doch das Wissen, dass sie stattfindet, für das nicht nur investigative Aufklärer, sondern auch die Täter selbst sorgen. Politische Gewalt, macht der Verfasser mit dem französischen Genozidforscher Jacques Semelin geltend, vollzieht sich nicht einfach zwischen Tätern und Opfern - ihre Dynamik ist ohne die dritte Figur eines „bystanders“, eines passiven Täter- und Zeugenkollektivs nicht zu verstehen.

          An theoretischen Motiven und politischen Einsätzen des Dritten fehlt es also nicht, wie diese wenigen Beispiele bereits zeigen. Darüber hinaus präsentiert der vorliegende Band triadische Ansätze in Disziplinen wie Psychoanalyse, Ökonomik, Postkolonialismus- oder Rechtsdiskurs ebenso wie theoretische Figuren des Dritten à la Parasit, Trickster oder Rivale. Gerne lässt man sich etwa von Eva Eßlinger vorführen, wie Freud die in seinen frühen Briefen und Fallgeschichten allgegenwärtigen Dienstmädchen als Verführerfiguren aus der Theorieentwicklung herausdrängt, um die Psychogenese des Individuums auf die bürgerliche Kernfamilie zu beschränken.

          Dritter als Außenseiter

          Klaus Holz arbeitet in einem konzisen Beitrag den abgründigsten Aspekt der Figur des Dritten heraus: Seiner Interpretation zufolge verwandelten sich die Juden im Antisemitismus als „Dritter der Nationen“ zur „Negation der Form der Nation“: Nicht der „eigenen“, aber auch keiner anderen Nation zugehörig, wurden sie nach dieser Lesart zu einer Personifikation des tertium non datur der Unterscheidung eigene Nation/fremde Nation: „Gemäß dieser Unterscheidung gibt es sie als Drittes nicht, aber dieses Dritte gibt es nur gemäß dieser Unterscheidung.“

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