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Eugen Sorg: Die Lust am Bösen : Im Bösen verdampfen alle Gründe

Widersprüchliches zum Islam

Das mag sein, auch wenn etwa die beiden Weltkriege das Gegenteil vermuten lassen. In einer anderen Sache hat Sorg jedenfalls recht: "Immer mehr Westler scheinen vergessen zu haben, dass ihre Träume einer bunten und geschwisterlichen Weltzivilisation, ihre Friedensforschungsinstitute und Menschenrechtsorganisationen aufs innigste mit der tödlich überlegenen Feuerkraft ihrer Armeen, vorab der amerikanischen, verbunden sind." Was er dabei selbst vergessen zu haben scheint: Der beste Schutz für unsere Lebensweise, gerade auch für den American way of life, ist unsere Lebensweise selbst. Diese verdankt sich nicht zuletzt unseren rechtsstaatlichen Institutionen und Verfahren, die Sorg jedoch als Symptome eines pathologischen "Therapeutismus" denunziert, so dass man sich irgendwann fragt, warum er den Westen überhaupt verteidigt sehen will.

Das eigentliche Problem des Buchs liegt aber in dessen letztem Drittel, das vom Islam handelt und in dem sich der Autor ziemlich heillos in Widersprüche verstrickt. Im Wesentlichen ist seine breitbeinige Sicht auf den Islam die Henryk Broders - der für dasselbe Blatt, die "Weltwoche", schreibt, für das auch Sorg jahrelang gearbeitet hat, und der jüngst die Vermutung äußerte, dass die britische Armee heute nicht mehr in der Lage wäre, die Schlacht von El Alamein zu gewinnen, aus lauter Angst nämlich, die Gefühle des arabischen Gegners zu verletzen. Sorg also steht dem Islam, der übrigens einen dezidierten Begriff vom Bösen hat, sehr kritisch gegenüber. Unter anderem rügt er, dass es im islamischen Recht "keine mildernden Umstände" gebe. Das überrascht. Hatte er nicht hundert Seiten lang beklagt, dass in der westlichen Welt ständig nach mildernden Umständen für Verbrechen gesucht werde?

Zum Schluss mit Max Frisch

"Bestünde zwischen sozialer Benachteiligung und Terrorneigung ein Zusammenhang", schreibt Sorg, "müsste die halbe Welt längst in Trümmern liegen." Offenbar sieht er aber sehr wohl einen Zusammenhang zwischen Terrorneigung und Islam. Der radikale Islamismus, den er bewusst nicht klar von einem gemäßigten Islam trennt, verkörpere mit seiner "antijüdischen Besessenheit" "die zeitgenössische Ideologie des Bösen", die infolge der Auflösung des Osmanischen Reichs entstanden sei. Es gibt gute Gründe, das so oder so ähnlich zu sehen. Aber hatte Sorg nicht zuvor geschrieben, dass Ideologie, Rassismus und Geschichte nie die Ursache für das Böse sein könnten? Und müsste dann, wenn Sorg recht hätte mit dem Islam und dem Terror, nicht auch die halbe Welt in Trümmern liegen? Und wenn das Böse eine bloße Frage der Gelegenheit ist, wie ist dann zu erklären, dass viele muslimische Attentäter im Westen sozialisiert wurden, in dem die Gelegenheiten zum ganz großen Bösen sicher weniger zahlreich sind als in ihren Herkunftsländern?

Am Ende des Buchs referiert Sorg zur Stützung seiner Thesen den Inhalt von Max Frischs Stück "Biedermann und die Brandstifter". Darin sagt der Brandstifter Eisenring: "Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Die glaubt niemand." Wenn das stimmt, ist das Beste, was man über Sorgs Buch sagen kann, dass es sich nicht tarnen wollte.

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