http://www.faz.net/-gr3-12ndh

Erziehungs-Ratgeber : Eltern, erzieht euch selbst!

  • -Aktualisiert am

Bild: Gütersloher Verlagshaus

„Warum unsere Kinder Tyrannen werden“, wollte der Psychiater Michael Winterhoff vor einem Jahr wissen und schrieb darüber einen Bestseller. Nun ist der Nachfolgeband erschienen, der Erwachsene erkennen lassen soll, ob sie sich in einer Beziehungsstörung mit ihrem Kind befinden.

          „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“, wollte der Psychiater Michael Winterhoff vor einem Jahr wissen (siehe Erziehungsratgeber: Erziehen wir unsere Kinder zu Tyrannen?) und lieferte mit seinem gleichnamigen Bestseller auch gleich die Antwort: Seine Diagnose von der „Abschaffung der Kindheit“ hatte offenbar den Nerv der Zeit und den Nagel auf den Kopf getroffen. Winterhoff suchte und fand die Gründe dort, wo sie entstehen: in den Familien selbst, in dem Beziehungs- und Kommunikationsgeflecht, in dem ein Kind aufwächst.

          Winterhoffs zugespitzte These lautet: An der Abschaffung der Kindheit sind vor allem die Erziehungsberechtigten selbst schuld, die Eltern, aber auch Lehrer und Großeltern, die den Kindern ihre Kindheit rauben, weil sie Kinder nicht als das wahrnehmen, was sie sind: als Kinder.

          In seinem Nachfolgebuch möchte Winterhoff nun darlegen, „wie Erwachsene erkennen können, ob sie sich in einer Beziehungsstörung befinden“, und „Wege aufzeigen, wie man dem Dilemma entkommen, also die Störung auflösen kann“. Entscheidend für das Sozialverhalten des Erwachsenen ist, dass er als Kind auch psychisch reifen konnte. Im Kindesalter kann die psychische Entwicklung, so Winterhoff, in vielen Fällen noch nachgeholt werden, gewissermaßen nachreifen. Voraussetzung dafür ist aber die Einsicht der Eltern und deren Bereitschaft, mit Geduld und ohne Perfektionsdrang an sich selbst zu arbeiten.

          Ein Fallbeispiel

          Der Autor schildert den Fall eines dreizehnjährigen Jungen, den er in seiner psychiatrischen Praxis behandelt: Der familiäre Hintergrund scheint ideal, die Eltern sind gut situiert und guten Willens, das Kind zu erziehen. Der Junge aber gibt sich erziehungsresistent, tut und lässt, was er will, seine Liste an Fehlverhalten, wie etwa Demolieren der Wohnung oder Radfahren auf der Autobahn, ist lang, die Eltern sind macht- und ratlos. Die Fragen, die Winterhoff an ihn richtet, perlen ab.

          Die Ursache dafür, so der Psychiater, liegt jedoch nicht in aufsässigem Verhalten oder gar schlechtem Charakter, sondern in einer symbiotischen Eltern-Kind-Beziehung. Die „psychisch mit ihm von Anfang an verschmolzenen Eltern haben es ihm nie ermöglicht, sich als abgegrenztes Individuum zu erfahren“. Als Winterhoff dem Jungen schließlich mit Nachdruck seine Missetaten vor Augen führt, fängt dieser an zu weinen, aber keineswegs als Ausdruck von Verstehen oder Schuldbewusstsein, sondern „weil er nicht in der Lage ist, zu erfassen, warum ich ihn so angehe“. Der Junge ist „vollständig in der Vorstellung gefangen, alleine auf der Welt zu sein“.

          Heikle Symbiose

          In der symbiotischen Eltern-Kind-Beziehung begreifen Eltern ihr Kind wie einen eigenen Körperteil, ihre Psyche ist mit der des Kindes verschmolzen; ohne es zu merken, werden sie von diesem gesteuert. Weist ein Dritter auf Fehlverhalten des Kindes hin, liegt die Begründung stets außerhalb, schuld sind immer die anderen oder aber die Umstände. Spätere Versuche, auf das Kind einzureden, zu drohen oder zu strafen, führen in aller Regel zu nichts. Die mangelnde Abgrenzung seitens der Eltern bringt die psychische Entwicklung des Kindes zum Stillstand, „es verharrt in der frühkindlich-narzisstischen Phase, sein Weltbild ist so geprägt, dass es nicht zwischen Menschen und Gegenständen unterscheiden kann“ - ein alarmierender Befund.

          Winterhoff spricht von einem „emotionalen Missbrauch“, der nicht nur bei Symbiose vorliegt, sondern ebenso, wenn Eltern ihr Kind als Partner oder aber als Projektionsfläche begreifen. In der „Partnerschaft“ sieht der Erwachsene das Kind auf gleicher Ebene, Ursache ist meistens ein starkes Harmoniebedürfnis, das Kind soll - obwohl überfordert - gleichberechtigt agieren. Die Folgen sind Endlosdiskussionen, mangelnde Sicherheit im Umgang mit Erwachsenen und fehlende Frustrationstoleranz. In der Projektion indes sucht der Erwachsene unbewusst nach Anerkennung und Liebe durch das Kind, um seine eigenen Unsicherheiten zu kompensieren. Die Angst davor, die Zuneigung des Kindes zu verlieren, bewirkt erneut eine Machtumkehr.

          Das Entscheidende, so das Fazit dieses Buchs, das Winterhoff an Hand von vielen Fallbeispielen sehr anschaulich macht, ist nicht, Kindern Grenzen zu setzen, Kinder aufzufordern, Grenzen zu finden. Wichtiger und gleichsam Bedingung dafür, Grenzen zu setzen, ist, selbst abgegrenzt aufzutreten und dem Kind die Möglichkeit zu geben, sich abgegrenzt zu erfahren und selbstbewusst zu entwickeln. So wird es zumindest wahrscheinlicher, dass das Kind später in der Lage ist, Beziehungen einzugehen, die nicht auf Symbiose oder Projektion basieren, sondern auf Nähe und Vertrauen.

          Weitere Themen

          Drittes Kind von William und Kate geboren Video-Seite öffnen

          Wieder ein Junge! : Drittes Kind von William und Kate geboren

          Prinz William sei bei der Geburt sogar dabei gewesen. Das dritte Kind von William und Kate ist nun die fünfte Person in der Thronfolge - Nummer Eins als Thronfolger bleibt der Großvater des kleinen Jungen, Prinz Charles.

          Topmeldungen

          Technik-Wettlauf : Ein Weckruf für die Zukunft Europas

          Die Bilanz der Vordenker der Europäischen Kommission zum Stand der Künstlichen Intelligenz in der EU fällt ernüchternd aus. China und Amerika haben demnach überholt. Eine Chance gibt es aber noch.

          Amokfahrt in Toronto : Getrieben vom Hass auf Frauen?

          Ermittler haben Hinweise darauf gefunden, dass der Amokfahrer von Toronto von einem kalifornischen Amokläufer fasziniert war. Der hatte Grässliches über Frauen geschrieben.

          Große Koalition : Streit über Familiennachzug spitzt sich zu

          Union und SPD können sich nicht auf Quoten für den Nachzug Angehöriger von subsidiär geschützten Bürgerkriegsflüchtlingen einigen. Niedersachsens Innenminister Pistorius spricht von ermüdenden Spielchen der CSU.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.