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Erik Wegerhoff: „Das Kolosseum“ Mieterwechsel im Tempel der Dämonen

 ·  Ein Wunderwerk der Antike, das heute noch imponiert: Erik Wegerhoff hat eine großartige Geschichte des Kolosseums verfasst.

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Solange das Kolosseum steht, steht auch Rom; wenn das Kolosseum fällt, fällt auch Rom. Wenn Rom fällt, fällt auch die Welt.“ Diese unterschwellig einschüchternde Prophezeiung, die Beda, dem Benediktiner der Spätestantike zugeschrieben wird, kennt noch heute zumindest jeder zweite Rombesucher. Hätte ein antiker Römer sie gehört, er wäre ratlos gewesen. Denn das Kolosseum war zwar schon in der Antike weltbekannt. Sein Name aber lautete schlicht Amphitheater.

Erst nach dem Zusammenbruch des Imperiums und dem großen Vergessen der Völkerwanderung setzte sich nach und nach die neue Bezeichnung durch. Sie fußt auf dem Beieinander des Amphitheaters und der gigantischen Bronzestatue Kaiser Neros, die, später zu der des Sonnengottes Sol umgestaltet, jahrhundertelang das Kolosseum überragte. Vereinfacht gesagt: Aus „colossus ab amphyteatro“ wurde sukzessive Kolosseum, zumal da der Bronzeriese, wie nahezu alle bronzenen Bildnisse, derer man habhaft werden konnte, irgendwann im frühen Mittelalter eingeschmolzen worden war.

Gebaut nach Vorbildern der Augustus-Zeit

Zu dieser Zeit aber war das Kolosseum bereits achthundert Jahre alt. Dass der verfallene Gigant alle Stürme der Natur und der Menschen überdauert hatte, lag am ungeheuren materiellen und technologischen Aufwand, mit dem ihn Kaiser Vespasian und seine Nachfolger in den ehemaligen Gärten der domus aurea des verhassten Nero hatten errichten lassen.

Die Bedeutung dieser Monumentalarchitektur als spektakulärer Grundstein der flavischen Dynastie und die Wirkkraft, die sie fortan für die Selbstdarstellung und das Selbstbewusstsein des Imperiums hatte, ist das erste Hauptkapitel in Erik Wegerhoffs minutiöser und mitreißender Rezeptionsgeschichte: Vespasian wies seine Architekten an, den Megabau nach Vorbildern der Augustus-Zeit zu gestalten - ein Konservatismus, der jedermann vor Augen stellen sollte, dass nach den schreckenerregenden Tyrannen und dem wirren „Vierkaiserjahr“ die Pax Augustana zurückkehre.

Gladiatorenkämpfe und Tierhatz

Dies, und die luxuriöse Ausstattung des Amphitheaters, seine an Zauberei grenzenden optischen und akustischen Effekte machten das Kolosseum tatsächlich für die römische Gesellschaft zum Garanten der Weltordnung. So wurde ein Blitzschlag 217 n. Chr. dem Imperium, was dem modernen Europa 1912 der Untergang der Titanic war: „Das Übel erfaßte den ganzen von Rom beherrschten Erdkreis, dessen Einwohner gewöhnlich das Amphitheater füllten.“

Was der Senator und Historiker Cassius Dio als Vorzeichen deutete, vollzog sich endgültig erst zweihundert Jahre später. Doch selbst der Zusammenbruch ihres Reichs hinderte die Römer nicht, am uralten Ritual der Gladiatorenschaukämpfe und Tierhatz festzuhalten: Im Jahr 523 gestattete Theoderich ihnen „dieses grauenhafte Spiel, diese unfromme Religion, diese sozusagen menschliche Bestialität“.

Der Katholizismus eroberte den Bau

Der Brief eines Herrschers, der allgemein als grausamer gotischer Barbar gilt, ist eine der vielen überraschenden Einsichten, die Wegerhoff bietet. Er zitiert ihn im zweiten Hauptkapitel, das vom mittelalterlichen Wandel des Kolosseums zum verabscheuten „Tempel der Dämonen“, zur Keimzelle einer winzigen „Stadt in der Stadt“, zur Feste und zum Palazzo römischer Adliger handelt. Anschaulich schildert der Autor - von Haus aus Architekt, nicht Archäologe - das mittelalterliche Rom als Ruine einer antiken Metropole, in der einzelne, weit voneinander entfernte Viertel Lebensinseln bilden, lose verbunden von der päpstlichen Herrschaft, die im randständigen Lateran residierte, zu dem wiederum alle Wege nur über das Kolosseum führten.

Um 1400, der Adel hatte den Bau verlassen, eroberte ihn der Katholizismus. Das Kolosseum wurde zur „Topographie der Passion Christi“, Märtyrerlegenden rankten sich um den Bau, Kapellen wurden in seiner Arena und in den zyklopischen gewölbten Wandelgängen errichtet, Kreuzwegstationen und Bühnen für Passionsspiele, die zu Massenveranstaltungen wuchsen, bei denen es zu Pogromen kam. Die Päpste traten dem immer wieder entgegen, bis Papst Pius III. 1539 deswegen die Spiele endgültig verbot.

Nationalmonument und Objekt nüchterner Archäologie

Am Ende dieser Phase steht ein Bauvorhaben, dessen Ehrgeiz dem des Vespasian gleicht: Carlo Fontana entwarf 1708 eine Kuppelkirche, die die Arena des Kolosseums hätte ausfüllen sollen und deren Kuppellaterne samt Statue des „triumphierenden Glaubens“ sogar die gigantische, in voller Höhe erhaltene Nordfassade des antiken Baus überragt hätte. Er wolle, so Fontana, „die Würde des flavischen Amphitheaters wiederherstellen“ und die Märtyrer würdigen, die hier ihr Leben gelassen hätten.

In diesen Begründungen vereinen sich Gegenreformation und Architekturtheorie. Denn mit der Renaissance war das Kolosseum zum bewunderten, fast angebeteten Zeugnis antiker Architektur geworden, Ansporn, Vorbild und Gradmesser für alle Versuche, im eigenen Bauen das des Imperiums auferstehen zu lassen. So, wie die Architekten der Renaissance, des Manierismus und des Barock jeden Winkel des Kolosseums zeichneten und kopierten, folgt Wegerhoff den Verästelungen der Stiladaption und Umformung.

“Das Colosseum (bemächtigt) sich aller deiner Sinne, nicht anders, als schlüge der Donner vor dir in den Boden.“ Die Reisenotiz des August W. Kephalides (1818) steht für die Zeit, in der das Monument ein Muss der „Grand Tour“ des achtzehnten Jahrhunderts geworden war - wahrgenommen als imposantes Denkmal und üppig überwuchertes Stimulans elegischer Ruinenromantik.

Das Ende dieses Stadiums kam rasch: Kurz nach Garibaldi wurde das Riesenrund zum Nationalmonument und zugleich Objekt nüchterner Archäologie. Von Bewuchs und allen christlichen Einbauten befreit, präsentierte es sich als isoliertes, steriles Präparat der Antike. „Vernichtet, ganz abscheulich“, notierte John Ruskin 1874 verzweifelt in seinem Tagebuch. Wir, die den Bau nicht anders als freigelegt kennen, schätzen ihn über die Maßen. Nach der Lektüre von Wegerhoffs Buch ist uns erst Recht einsichtig, dass es wirklich eine Art Weltuntergang wäre, würde dieses Bauwerk, das in jüngster Zeit gravierende Schäden zeigt, zugrunde gehen.

„Das Kolosseum“. Bewundert, bewohnt, ramponiert. Erik Wegerhoff. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2012. 240 S., Abb., geb., 24,– €.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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