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Entwürfe zu Gebeten

 ·  Chamissos Enkel: Mit diesem schönen Ausdruck hat Harald Weinrich jene ausländischen Autoren benannt, die in der deutschen Sprache heimisch wurden. Said, 1947 in Teheran geboren und 1965 nach München gelangt, ist einer von ihnen. Einer der engagiertesten und vielseitigsten. Er hat sich für verfolgte und ...

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Chamissos Enkel: Mit diesem schönen Ausdruck hat Harald Weinrich jene ausländischen Autoren benannt, die in der deutschen Sprache heimisch wurden. Said, 1947 in Teheran geboren und 1965 nach München gelangt, ist einer von ihnen. Einer der engagiertesten und vielseitigsten. Er hat sich für verfolgte und inhaftierte Schriftsteller eingesetzt, auch war er einige Jahre Präsident des deutschen PEN-Zentrums. Für sein literarisches Werk erhielt er den Chamisso-Preis und die Goethe-Medaille. Said lebt in einem Exil auf Abruf, aber er ist in vielen literarischen Sparten zu Haus. Er hat Gedichte, Hörspiele, politische Arbeiten und Sachbücher veröffentlicht; zuletzt (2006) Geschichten über Bilder unter dem schönen Titel "Das Rot lächelt, das Blau schweigt".

Dass er nun "Psalmen" vorlegt, mag diejenigen überraschen, die Said - eben wegen seines Engagements - auf eine säkularisierte Linie festlegen möchten. Andererseits möchte man ihn eher für einen Agnostiker halten als für einen bekennenden Muslim. Aufschluss gibt das persönliche Bekenntnis. An der Grenze zum sechzigsten Jahr kommt der Psalmist auf seine Kindheit zurück, also auch auf den Gott seiner Kindheit. Er spricht sich zu: "laß mich dem gott der kindertage treu bleiben / der licht und linderung spendete / und uns erhörte im niemandsland / zwischen ankunft und flucht."

Mit seinen Psalmen wagt Said sich auf ein völlig neues literarisches Terrain. Hans Maier verweist in seinem Nachwort darauf, dass Psalmen Gemeingut der Juden und Christen sind, aber, trotz vieler Berührungen in Bildwelt und Sprachduktus, keine Ausdrucksform des Korans. Er knüpft daran die Vermutung, dass Said den beherzten, fast verwegenen Versuch unternimmt, Psalmen aus islamischem Geist in heutiger Sprache zu ersinnen.

Das Heutige ist dabei entscheidend. Was uns Leser an diesem Versuch interessiert, sind weniger die religionsgeschichtlichen Scheidungen als der religiöse Gehalt und die poetische Substanz. Saids Psalmen sind Mischformen, mal als Poesie zu lesen, mal als Konfession oder Meditationsvorlage. Stofflich bieten sie Motive aus Gläubigkeit, existentieller Befindlichkeit und Zeitgeschichte. Said praktiziert einen spirituellen Synkretismus, in dem das aktuelle metaphysische Bedürfnis nach Ausdruck sucht.

Er ist dazu auf natürlichste Weise berufen - als jemand, der eine gelungene Akkulturation repräsentiert. Darin sind Orient und Okzident nicht mehr voneinander zu trennen. Wer die europäische Kultur erbt, erbt auch das Ecce historia. Man spürt das, wo die Jahrhundertverbrechen im psalmodierenden Gestus gefasst werden. Said stellt Gott zur Rede wegen der Denaturierung seiner Geschöpfe: "in auschwitz / in hiroshima / in halabtsche, in srebrenica". Er provoziert ihn: "gehst du nun auf die knie vor den opfern? / und vor den tätern auch?"

Damit wird die Anklage fast schon zum Gottesbeweis. Fast alle Psalmen beginnen mit "herr" (kleingeschrieben wie fast alles), eine Anrede, die Anklage und Demutsbezeugung zugleich ermöglicht - und auch den Zweifel. Dieser wird zum anderen Glied in der Beweiskette: "denn nur wer an dir zweifelt / sucht dich." So gelangt Said zu einer Art negativer Theologie, die von fern an Celans vom Holocaust geprägtes Hadern mit Gott erinnert. Celan schrieb in "Tenebrae": "Bete, Herr, / bete zu uns / wir sind nah." Auch Said kehrt die Rollen um und fordert: "bete zu uns ... / es ist unser licht / das an dir nagt." Gleichwohl sind die Unterschiede unübersehbar. Ihn treibt nicht Celans leidschwere und hintersinnige Insistenz. Er verharrt eher im abwartenden Respekt: "ich bewege mich zu dir / ohne dich anzusprechen."

Diese Psalmen verlassen kaum die mittlere Lage zwischen Reflexion und Meditation. Said ist nicht Benns "armer Hirnhund, schwer mit Gott behangen", er hat etwas von einem modernen Jedermann, der nach der Ressource des Glaubens sucht, weil ihm die Skepsis fatal wurde. Daraus bezieht die Gelassenheit, die er praktiziert, ihren Reiz. Saids Psalmen sind Entwürfe zu Gebeten, nicht die Gebete selbst. Sie beanspruchen keine religiöse Autorität und weigern sich, "das gebet als waffe einzusetzen." Sie sind undogmatisch; und so ist auch ihr Bild von Gott: "damit du in deiner einsamkeit / zu keiner kirche erstarrst".

Saids spirituelle Texte erstarren in keiner Stilgebärde. So entgehen sie auch jenem Verdikt, wonach Gott ein schlechtes Stilprinzip ist.

HARALD HARTUNG

Said: "Psalmen". Mit einem Nachwort von Hans Maier. C.H. Beck Verlag, München 2007. 112 S., geb., 14,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.02.2008, Nr. 36 / Seite 32
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