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Veröffentlicht: 28.12.2011, 17:00 Uhr

Englische Malerei Die unsichtbare Keule als schlagende Pointe

Das unklassische Herkulesbild des Sir Joshua Reynolds: Werner Busch mistet die ikonographische Tradition aus, um den Genius der englischen Malerei freizulegen.

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© Verlag Werner Busch: „Englishness“

Was ist ein Tragöde? Ein Schauspieler, der nichts verdient. Die Definition gilt jedenfalls in einer Marktgesellschaft. David Garrick gefiel den Kennern als Hamlet oder Lear ebenso wie als komische Person in Farcen, die er sich selbst ausgedacht hatte. In den Londoner Theatern seiner Zeit wurden Tragödie und Komödie nacheinander gegeben, das ernste Stück von sechs bis sieben Uhr, das heitere danach. Nach Ladenschluss strömte das große Publikum in die Theater, der Mann von Welt konnte diskret im Saal bleiben. Werner Busch fasst zusammen: „Die Tragödie mochte noch so anspruchsvoll sein, die Komödie entschied, ob ein Theater florierte oder nicht.“

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So wird man verstehen, dass Garrick auf dem Gemälde von Joshua Reynolds, das ihn zwischen Personifikationen der Komödie und der Tragödie zeigt, mit verlegenem Lächeln, entschuldigendem Augenaufschlag und ausgebreiteten Händen dem handfesten Werben der anmutigen Unterhaltungskunst nachgibt und die strenge Hüterin des klassischen Anspruchs vergeblich auf den Himmel verweisen lässt. Er ist Unternehmer, was soll er machen? Hätte er es als Kulturschande beklagen sollen, dass niemand mehr in sein Shakespeare-Theater ging? Reynolds hätte zur Darstellung eines Anfalls von kulturkritischem Pathos gewiss eine Pose des tobenden Ajax im Repertoire gehabt, aber Garrick hätte in solchem Kostüm eine lächerliche Figur abgegeben.

Der Heldendarsteller nimmt den leichten Weg

Drei Schüler von Werner Busch haben Aufsätze des Berliner Kunsthistorikers zur englischen Kunst gesammelt. Faszinierend ist diese Zusammenstellung auch, weil im Wechsel der Gegenstände das Technische und Professionelle im Zugriff des Interpreten plastisch wird. Wir blicken in die Werkstatt, in der Monographien wie „Das unklassische Bild“ und jüngst das Buch über Laurence Sterne und die Kunst entstanden sind. Wie Schauspieler und Historienmaler hat ein Kommentator vom Schlage Buschs Figuren im Angebot, die in verschiedenen Zusammenhängen nützlich sind. Busch macht die wiederholte Probe auf einen Grundgedanken, der auf seine Dissertation über die ikonographischen Zitate bei William Hogarth zurückgeht. Den Genius des goldenen Zeitalters der englischen Malerei findet er im „Witz“, in der Mitwirkung des Betrachters an der Produktion des Bildsinns.

Die Bildauffassung, die das unausgedeutete Bild als unvollendet ansah, lässt sich einer bürgerlichen Weltanschauung zuordnen, denn sie eröffnete der Konkurrenz schlagender Einfälle ein unendliches Feld. Jedermann wird gesehen haben, dass Reynolds mit seinem zwischen den Gattungen hin- und hergerissenen Garrick einen der meiststrapazierten Topoi einer moralisierenden Klassik aufnimmt, Herkules am Scheideweg. Der parodistische Sinn der Nachahmung stach ebenfalls ins Auge: Der berufsmäßige Heldendarsteller verhält sich unheroisch, entscheidet sich für den leichten Weg.

Avantgardist des Historismus

Nicht fern lag eine bibliographische Assoziation: Der Graf von Shaftesbury hatte seine Philosophie der Malerei am Beispiel des Herkulesurteils entwickelt. Waren die Prinzipien der Historienmalerei, der nach klassischer Meinung höchsten Gattung, zeitlos? Im Disput um diese Frage wird Reynolds, dem gelehrten Akademiepräsidenten, gewöhnlich die Rolle des konservativen Widersachers von Hogarth, dem Entdecker der „modernen moralischen Sujets“, zugewiesen. Busch korrigiert das Bild vom Klassizisten Reynolds, ohne es als Irrtum zu verwerfen. Er nimmt raffinierte Retuschen, subtile Umdeutungen vor. Reynolds war es, der in seinen Akademiereden eine Theorie des „wit“ vortrug. Garrick lässt er in einem Stück auftreten, in dem es auch um seine eigene Sache geht.

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