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Elisabeth Hinrichs u. a.: XX - Die SS-Rune als Sonderzeichen auf Schreibmaschinen : In der Gewissheit des Sonnensiegs war das Heil inbegriffen

Bild: Verlag

Bestechende Kulturgeschichte als Buchkunstwerk: Ein Band erforscht die kurze Karriere der SS-Rune und präsentiert in fingierter Aktenform eine Fülle von überraschenden Fundstücken.

          In seinem frühen Roman "Mutter Nacht", beschrieb Kurt Vonnegut eine Schreibmaschine, die im nationalsozialistischen Deutschland hergestellt wurde. "Woher ich das weiß?", fragt sein Erzähler. "Ganz einfach: Auf einer der Tasten befindet sich ein Symbol, das es auf keiner Schreibmaschine aus der Zeit vor dem Dritten Reich gibt und das niemals wieder für eine Schreibmaschine verwendet werden wird."

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Dieses Zeichen ist die SS-Rune, die im nationalsozialistischen Deutschland auf amtlich benutzten Schreibmaschinen eine eigene Taste mit der zweifachen sogenannten Sig-Rune bekam. Dieses Doppel-S stand nicht nur für "Schutzstaffel", sondern verkörperte als Rune "die alte Formel ,sig und sal', das ist das Heil, das in der Gewißheit des Sonnensieges inbegriffen liegt". So erläutert es die 1940 in Wuppertal verlegte Broschüre "Die Gestaltung der Feste im Jahres- und Lebenslauf der SS-Familie".

          Eine Publikation, die diesen Nazi-Ratgeber neben Vonneguts Roman zu zitieren weiß, darf für sich in Anspruch nehmen, sehr sorgfältig Recherche betrieben zu haben. Wie viele aufmerksame Augen die Archive und Bibliotheken durchforstet haben, um erhellende Passagen zur kurzlebigen Karriere der SS-Rune als Sonderzeichen auf Schreibmaschinen zu finden, weist das daraus entstandene Buch nicht aus. Als Autoren - was hier eher heißt: Gestalter - fungieren drei Studenten der Leipziger Hochschule für Graphik und Buchkunst (HGB), Elisabeth Hinrichs, Aileen Ittner und Danier Rother; herausgegeben wird das Werk von Julia Blume und Günter Karl Bose, die beide an der HGB lehren. Damit ist eine neue Reihe begründet, die den etwas manierierten Titel "orange files - Studien zur Grammatologie" trägt. In der Tat: Das Ganze ist in einen blassorangen Pappumschlag eingeschlagen. Doch darin verbirgt sich nicht nur eines der interessantesten kulturgeschichtlichen Bücher der letzten Jahre, sondern auch ein Buchkunstwerk.

          Himmlers Brief

          Es heißt "XX-", denn "SS" hätte man es wohl kaum nennen dürfen - geschweige denn in jener Rune schreiben, die Thema des Werks ist. Man erfährt mehr über sie, als man wohl jemals wissen wollte, aber die Fülle des Bild- und Textmaterials birgt auch solche Überraschungen wie Heinrich Himmlers Brief vom 28. Juni 1944 an Walter Heck, der als SS-Angehöriger 1929 in Köln die Rune entworfen hatte (was Himmler vorher nicht bekannt war). Der Reichsführer-SS schreibt an den Erfinder: "Nach Beendigung des Krieges habe ich die Absicht, Ihnen als sichtbares Zeichen meiner Anerkennung ein Familienhaus mit Garten in einer von Ihnen zu bestimmenden Gegend zu schenken. Allerdings setze ich dabei voraus, dass Sie bis dahin geheiratet und bereits eine Familie mit mindestens 2 Kindern gegründet haben."

          Dass es Himmler ernst damit war, zeigt der handschriftliche Vermerk "W. n. d.Krieg" (Wiedervorlage nach dem Krieg) auf dem Durchschlag des natürlich auf einer SS-Runen-Schreibmaschine verfassten Briefs, den der Band faksimiliert. Warum hier Faksimile und im Falle des Vonnegut-Zitats gedruckter Text? Weil das Buch "XX-" in seiner Gestaltung einem Akt nachgebildet ist, bis hin zu Aktenreitern und mit Büroklammern befestigten kleineren Zetteln. Drei große Abschnitte umfasst das Werk: "Frau", in dem es um die Sekretärinnen geht, die die Schreibmaschinen gebrauchten (darunter auch Himmlers Geliebte Hedwig Potthast, die ihm - unverheiratet - die obligatorischen zwei Kinder gebar); "Zeichen", in dem die Geschichte der SS-Rune verfolgt wird; und "Maschine", der sich den Schreibmaschinen selbst widmet. In jedem dieser Abschnitte wird ein reicher Bild- und Faksimileteil kombiniert mit Dutzenden von ergänzenden Zitaten, die von Hitler-Reden über Albert Speers Aussagen vor dem Nürnberger Kriegsverbrecherprozess, Hannah Arendts Totalitarismus-Analysen bis zu Raul Hilbergs Studien zur Schoa und Jacques Derridas grammatologischen Überlegungen reichen. Es wird nicht konsequent erzählt, sondern assoziativ Material versammelt.

          Der Zusammenhalt dieser Fülle entsteht aus der Buchgestaltung. Sie ist ein intellektuelles wie haptisches Vergnügen - mit unterschiedlichsten Papieren, die aber alle eine dramaturgische Funktion erfüllen. Die Mimikry an den Akt ist vollkommen, und dementsprechend ist man als Leser ständig wie auf Schatzsuche in den Dokumenten. Dass "XX-" kürzlich einen der sächsischen Staatspreise für Design gewonnen hat, ist mehr als angemessen. Jetzt sollte es viele Leser und Betrachter finden.

          Elisabeth Hinrichs, Aileen Ittner, Daniel Rother: „XX - Die SS-Rune als Sonderzeichen auf Schreibmaschinen“. Institut für Buchkunst der HGB, Leipzig 2009. 324 S., 198 Abb., geb., 49 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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