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Elaine Pagels: Apokalypse. : Was hat dieser Wutbürger hier zu suchen?

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Gegen Rom und den Kreis des Paulus

Elaine Pagels geht es in ihrem Buch um die große Linie. Sie spannt einen inhaltlichen Bogen von den alttestamentlichen Propheten über Johannes und seine Offenbarungsschrift bis zur Einführung des Christentums als Staatsreligion unter Konstantin dem Großen im vierten Jahrhundert. Allein dies zeigt schon, dass entgegen dem deutschen Buchtitel nicht die komplexe Bildwelt der Johannesoffenbarung im Vordergrund steht; diese wird nur im ersten von fünf Kapiteln ausgedeutet. Pagels folgt vielmehr streng ihrer Grundthese, auch wenn dies eine Reduktion des Blickwinkels bedeutet. So werden die alttestamentlichen Bezüge der Johannesoffenbarung auf den Kampf zwischen Gut und Böse als Auseinandersetzung zwischen Gott und dem Chaos-Drachen reduziert, obwohl gerade dieses Thema im Alten Testament nur am Rande vorkommt.

Andere Bezüge, die belegen, dass die Bildwelt der Johannesoffenbarung eben nicht Punkt für Punkt historisch gelesen werden kann, sondern Johannes wichtige Motive alttestamentlicher Prophetie aufgreift, werden nicht thematisiert (zum Beispiel die vier Tiere in Daniel 7, vgl. Offb 13,1-4, oder der Ansturm von Gog und Magog in Hesekiel 38-39, vgl. Offb 20,7-10). Pagels will jedoch den Nachweis führen, dass die Johannesoffenbarung ein „Text aus einer Kriegszeit“ ist, mit einer „wütenden Rhetorik“. Diese speist sich aus einer doppelten Abgrenzung: gegen Rom als Reich des Bösen und gegen andere Anhänger Jesu, vor allem aus dem Kreis des Paulus.

Damit ist der Boden bereitet für Pagels’ eigentliches Thema: Warum wurde die Vision dieses in seiner Bildwelt geradezu brutalen Propheten überhaupt in die Bibel aufgenommen, wenn es doch zahlreiche andere Offenbarungen gab, die wesentlich geeigneter gewesen wären? Elaine Pagels widmet ein ganzes Kapitel dem Textmaterial von Nag Hammadi und bewegt sich damit im Fahrwasser ihrer eigenen Forschungen. Pagels gilt zu Recht als internationale Spezialistin für die 1945 im ägyptischen Nag Hammadi gefundenen Handschriften.

Kein Interesse am himmlischen Jerusalem

Die Texte, die zum Teil sogar Ende des ersten Jahrhunderts und damit zeitlich nicht weit entfernt von der Johannesoffenbarung entstanden sind, belegen eine Tradition, die bei der Göttlichkeit des Menschen ansetzt und so auch heute noch ein Vorbild für spirituell Suchende sein kann: „Es kommt nicht auf die intellektuellen Fähigkeiten an, sondern auf einen inneren Zustand der Erkenntnis und der wahren Einsicht.“ An diesem Punkt wird deutlich, wie stark Pagels’ bisherige Forschungen zur Gnosis und zum Buddhismus das vorliegende Buch prägen. Denn auf einer Tiefenebene schwingt die These mit, dass durchaus die Möglichkeit bestand, die Geschichte des Christentums anders zu schreiben, sofern man die Texte aus Nag Hammadi mit einbezogen hätte. Jedoch führten die politischen Ereignisse des späten zweiten bis vierten Jahrhunderts zu einer Bevorzugung der Offenbarung des Johannes gegenüber den anderen Offenbarungsbüchern, denn die Christen sahen ihre eigene krisenhafte Situation in der Johannesoffenbarung beschrieben.

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