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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Eingeschlafene Sterne

 ·  Joo-Youn Kim über die Renaissance der koreanischen Literatur

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Der koreanische Literaturkritiker und Germanist Joo-Youn Kim geht auf Spurensuche nach den spezifischen Kulturzügen koreanischer Literatur. Seine Essays und scharfsichtigen Gedichtinterpretationen aus den Jahren 1974 bis 1995 beleuchten im Kontext von Kolonialismus, Koreakrieg und politischer Teilung das Verhältnis zwischen nationaler Literatur und "Nationalliteratur", koreanischer und Weltliteratur. Dabei kristallisieren sich historische Schockwirkungen, Wendepunkte, Gedächtnisverluste und Momente der Moderne heraus.

Bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts war die koreanische Literatur in erster Linie Adelskultur und ein poetisches Instrument in den Händen der Machthaber. Unter Bezugnahme auf Gustave Le Bons "Psychologie der Massen" und seiner Theorie, daß die Masse sich anschicke, die Funktion der adeligen Eliten einzunehmen, erörtert Kim das historische Aufkommen der Massenliteratur und die Popularisierung der Poesie.

Immer wieder behandelt Kim das in Korea aus einem postkolonialen Krisenbewußtsein heraus vieldiskutierte Problem der "Nationalliteratur". Anders als in der deutschen Romantik, in der sich die Essenz der deutschen Literatur herausbildete, habe es in Korea keine historische Erfahrung der Entstehung des Individuumsbegriffs und somit weniger ein konstituierendes "Wir-Bewußtsein" gegeben. Er erörtert das Verhältnis zwischen Kolonialismus, Muttersprache und Nationalliteratur und die Frage, ob die während der japanischen Besatzung 1910 bis 1945 von Koreanern in der Sprache der Unterdrücker verfaßten Werke als koreanische Literatur einzustufen seien.

Während sich die Literatur der unmittelbaren Nachkriegszeit im Ruf nach Überlebensmöglichkeiten und in der Anklage gegen die Gewalttätigkeiten des Krieges erschöpfte, findet die Erkundung der inneren Welt des Individuums erst Mitte der sechziger Jahre statt. Im Spannungsfeld von Wirtschaftsaufschwung und autoritärem Staat kam es neben dem marktorientierten Mainstream der sogenannten "Autoren der siebziger Jahre" zur Politisierung und Ideologisierung der Literatur. Am Beispiel der nihilistischen Sensibilität Un Gos ("Gäbe es noch nicht eingeschlafene Sterne, würde ich sie in meinem ausgetrockneten Herzen unterbringen") illustriert Kim den Wandel von der Empfindsamkeits- zur Protestliteratur. In seiner Erzählsammlung "Die Suche nach den verlorenen Worten" wählt Chong-Yun Yi hingegen die Entsprachlichung und Renaissance der Reinheit der Worte als Weg zur Überwindung des politischen Kältetods.

Nach der Niederschlagung des Volksaufstands in Kwangju 1980 konstatiert Kim in den achtziger Jahren das Aufkommen einer Arbeits- und Arbeiterliteratur. Das Phänomen der Enthumanisierung und Entfremdung wiederspiegelt sich auch in den kafkaesken Welten von Heysoon Kim. Virtuos schafft sie einen poetischen Raum, in dem innere und äußere Landschaft sich begegnen und überkreuzen: "Wenn ich schlafen gehen will, höre ich Schritte auf den Treppen im Innern meines Körpers. Häuser, die gerade das Licht löschen wollen, zucken aufgeschreckt zusammen."

Mit dem Ende der Militärdiktaturen, so das Fazit von Kims anregender Studie, transzendiert die Literatur ihre reine Kritikfunktion. In Werken wie "Die Tochter des Feuers" von Seung-Won Han entdeckt Kim eine Literarisierung des Schamanimus als zentrale Kategorie koreanischen Denkens. Indem sie den "Vulgärmaterialismus" der Alltagswirklichkeit hinter sich läßt und den "Weg der Geistmetaphysik" einschlägt, sieht Kim Ansätze zur Emanzipation der koreanischen Literatur.

STEFFEN GNAM

Joo-Youn Kim: "Brennende Wirklichkeit - kalte Theorie". Literaturkritische Aufsätze zur koreanischen Literatur. Aus dem Koreanischen übersetzt von Young-Ok Kim unter Mitarbeit von Matthias Gatzemeier. Iudicium Verlag, München 2004. 185 S., br., 14,80 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.10.2004, Nr. 229 / Seite 34
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