11.11.2006 · Mutig soll er sein, souverän, humorvoll und zupackend in allen Lebenslagen - das Mannsein will gelernt sein. Ein englisches Kompendium zeigt, wie es geht.
Von Felicitas von LovenbergHeutzutage können Männer ja all das, was Frauen auch können, nur besser. Kochen, putzen, bügeln, einrichten. Ihre Körper sind dank Peelings und Lotions so poliert wie ihre Autos, die wiederum so sauber und aufgeräumt sind wie ihr Wohnzimmer, die auch als Lounge eines Designer-Hotels durchgehen würden. Da kann einen als Frau schon mal der Verdacht beschleichen, daß man im Gegenzug gar nicht früh genug damit anfangen kann, ehemals männliche Tugenden zu kultivieren - am besten schon im Kindesalter.
Während also kleine und größere Jungs zur Fernbedienung von Fernseher, DVD-Player und Stereoanlage statt zu Pfeil und Bogen, Taschenmesser und Kompaß greifen, sich mit Playstation, in Chatrooms oder bei Ebay vergnügen statt in Wald und Flur, in der Garage oder auf dem Bolzplatz, kann man sich als Frau dem eher weiblichen und immer exklusiveren Zeitvertreib des Bücherlesens hingeben. Die geneigte Jägerin und Sammlerin wird derzeit kaum ein unterhaltsameres und lehrreicheres Werk finden als das in sattrotes Leinen gebundene Kompendium „The Dangerous Book for Boys“, der britische Überraschungsbestseller des Jahres.
Was macht aus Jungs Männer?
Die Brüder Conn und Hal Iggulden wollten mit ihrem Buch jedoch weniger der schleichenden Feminisierung des modernen Mannes Einhalt gebieten als eine im besten Sinne altmodische, ja romantische Kindheit aufleben lassen, in der man mit Stift und Papier, Nadel und Faden, Luftgewehr und etwas Phantasie allemal mehr Spaß haben kann als mit Mobiltelefonen und Computerspielen.
Das Buch zehrt von einem Urvertrauen in die Zeit, die aus Jungs Männer macht, eine Phase, die die Autoren erfahrungsgemäß nicht mit der Kindheit für abgeschlossen halten: „Die Männer und Jungen von heute sind dieselben, die sie immer waren, und interessieren sich für dieselben Dinge. Sie mögen unterschiedliche Welten erobern, wenn sie erwachsen sind, aber sie werden immer diese Geschichten für sich selbst und ihre Söhne bewahren wollen.“ Geschichten von großer Gefahr und größerer Tapferkeit, von Eroberungen und Mutproben, Erzählungen, die mit dem Satz „Als ich so alt war wie du“ beginnen und die Kinder lieben, weil sie beweisen, daß auch die eigenen Eltern einmal jung waren.
Wie baut man ein Baumhaus?
Was also lehrt „The Dangerous Book for Boys“? Zum Beispiel, wie man ein Go-Kart oder ein Baumhaus baut, wie man Hasen erlegt und zubereitet, welche Tinte sich für Geheimschriften eignet oder wie man Papier marmoriert. Wie man verschiedene Knoten bindet und wie es auf dem Mond aussieht. Und weil dies ein englisches Buch ist, werden nicht nur die komplizierten Regeln des Cricket erläutert, sondern auch die Könige aufgeführt und Shakespeares berühmteste Zitate.
Diagramme zeigen, wie man Flaggensignale liest, wie man dem Hund des Nachbarn ärgerliche Kunststückchen beibringt, welche Tricks sich mit Münzen anstellen lassen oder wie man Poker spielt. Grundkenntnisse der Geschichte der Artillerie werden ebenso vermittelt wie die am häufigsten vorkommenden Baumarten. Die Zehn Gebote sind aufgelistet, auch die sieben Weltwunder, der Antike wie ein Vorschlag für die Moderne. Und zum Schluß gibt es eine Liste mit Büchern, die jeder Bengel lesen sollte, von Mark Twain und Rudyard Kipling über Roald Dahl, Milnes „Pu der Bär“ und C. S. Lewis' „Chroniken von Narnia“ bis zum unvermeidlichen „Herrn der Ringe“ von Tolkien.
Der beste Papierflieger der Welt
Stichproben und Selbstversuche - auf die Kaninchenjagd mußte aus Zeitgründen verzichtet werden - ergeben, daß die Anleitungen so einfach zu befolgen wie wirkungsvoll umzusetzen sind. Nur die als „bester Papierflieger der Welt“ angepriesene Schwalbe ist, da vorne zu schwer, nach einigen Sturzflügen hinüber.
Das große Thema fast jeden Mannes - Frauen - bleibt ausgespart, sieht man von nützlichen Hinweisen ab wie etwa dem, daß man stets ein Taschentuch bei sich tragen sollte, weil man damit nach einer Balgerei plötzliches Nasenbluten stillen kann oder „es einem Mädchen anbieten kann, wenn es weint“. Und bei den Geheimtinten ist rücksichtsvoll vermerkt, daß „Mädchen im allgemeinen nicht ganz so versessen sind auf die Idee, Urin als Geheimtinte zu verwenden, wie Jungen“. Aber was bei den Abenteuern der Kindheit, ganz wie im späteren Leben zählt, ist der Geist, in dem sie unternommen werden.
Tugendlehre: Jungs sind ehrlich, gütig und loyal
Zur Charakterbildung werden Vorbilder angerufen wie Sir Frederick Treves, Arzt des Elephant Man: „Prahle nicht. Der Junge, der angibt - wie der Mann, der angibt -, hat meist sonst nichts zu bieten. Die leere Büchse rappelt am lautesten. Sei ehrlich. Sei loyal. Sei gütig. Vergiß nicht, daß nichts schwieriger zu erlernen ist als die Fähigkeit, von sich selbst abzusehen. Als Eigenschaft ist sie eines der feinsten Merkmale von Männlichkeit.“
Solche Sätze kommen für die meisten Männer zu spät, und ein Junge merkt sie sich sowieso nicht. Niemals aber vergißt er den ersten selbsterlegten Hasen, die Lagerfeuer und Spiele der Jugend. Kindheit ist das schönste Geschenk, das Eltern zu vergeben haben. Daß und wie sie daran erinnert, macht diese Éducation masculine aus.
Die wichtigsten Sachbücher in Rezensionen der F.A.Z.
Felicitas von Lovenberg Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.
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