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Von deutscher Wurst : Alles andere ist Käse

Im Licht der Kunst: Erwin Wurms „Kiss“, aus der Serie seiner „Abstract Sculptures“ Bild: Picture Alliance/VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Toller Aufschnitt: Wolfger Pöhlmann widmet sich einer deutschen Obsession und legt eine exzellente Kulturgeschichte der Wurst vor.

          Dieses Buch ist ein Liebesbeweis und eine Totenmesse, ein Appetitanreger und ein Appetitverderber, eine Helden- und eine Verzweiflungstat. Seit er denken und schmecken kann, ist Wolfger Pöhlmann der deutschen Wurst in rettungsloser Leidenschaft verfallen, was angesichts einer Kindheit in Niederbayern und Franken und traumatischer Erfahrungen wie der des „Wurstschnappens“ wahrscheinlich eine Schicksalsfügung ist: Nur an seinen Geburtstagen durfte sich der kleine Wolfger ein ganzes Wienerle ohne Brot schnappen, sonst eine Todsünde im strenggläubigen Bayern der Nachkriegszeit.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Auch später, als er Kunsthistoriker und Kulturmanager geworden war, als er für das Goethe-Institut und das Berliner Haus der Kulturen arbeitete, erkaltete seine glühende Liebe zu deutschen Fleischwaren nicht, sondern wurde ganz im Gegenteil immer stürmischer. Und als schließlich die Zeit gekommen war, in der er sich vor allem um die Wursterziehung seiner Enkelkinder mit Hilfe von Pixi-Heften wie „Ich habe einen Freund, der ist Fleischermeister“ zu kümmern begann, war auch die Zeit reif für Wolfger Pöhlmanns große Rundreise durch das Wurstland Deutschland, die ihren glücklichen Abschluss in diesem Buch gefunden hat.

          Woher die Weißwurst?

          Kreuz und quer ist er durch die Republik gefahren, immer auf der Suche nach der Vielfalt der Wurst. Er hat Metzgereien, Wirtshäuser, Viehzüchter, Imbissbuden, Wursthotels, Fachmessen, Fleischer-, Schweine-, Currywurstmuseen und allerhand Schlüsselorte der deutschen Wurstgeschichte wie die Wiege der Weißwurst besucht. Sie steht in der Münchner Droschkenkutschergaststätte „Zum ewigen Licht“, in der am 22. Februar 1857 die Schafsdärme für die Kalbsbratwürste ausgerechnet während des Frühschoppens ausgingen, woraufhin der verzweifelte Wirt auf grobe Schweinedärme auswich – und die Würste nur in Wasser brühte, weil er fürchtete, die Därme könnten beim Braten platzen.

          Pöhlmann ist in Deidesheim in der Pfalz gewesen und hat dort selbstverständlich den Saumagen probiert, den Helmut Kohl all seinen Staatsgästen in verschiedenen Varianten vorsetzte, dem spanischen Schlemmerkönig Juan Carlos I. zum Beispiel mit einer Verfeinerung aus Trüffeln. Er hat sich in Marktl umgeschaut, dem Geburtsort von Kardinal Ratzinger, in dem nach dessen Wahl zum Kirchenoberhaupt plötzlich „Papstwürste“ mit Blumenblüten und ein „Papststab“ auftauchten, eine dünne Salami in Form eines Bischofsstabs – und sofort stellt unser Wurstpapst klar, dass trotz dieser pontifikalen Verwurstung die unerreichte christliche Wurstverehrung noch immer in den Vereinigten Staaten von Amerika stattfindet. Dort ist ein Bildnis von Jesus Christus populär, das folgende Inschrift trägt: „If you say ,Jesus‘ backwards it sounds like sausage.“

          Im großen Bratwursttheater

          In Duisburg traf er „Wurst-Achim“, einen weltberühmten Marktschreier, dessen Stimme sagenhafte 110,2 Dezibel und dessen Schlagfertigkeit poetische Höhen erreicht: „Wenn Achim seine Tüte packt, steht Aldi kurz vorm Herzinfarkt“, lautet einer seiner schönsten Zweizeiler. In der thüringischen Kleinstadt Holzhausen inspizierte er die größte begehbare Bratwurst der Welt, in der auch ein Bratwursttheater untergebracht ist und in die theoretisch sechs Millionen Thüringer Würste hineinpassten. Und in Frankfurt schaute er beim Satire-Magazin „Titanic“ vorbei, das sich immer wieder der deutschen Wurstobsession gewidmet hat; unvergessen ist ihr legendärer, vierzigteiliger Wurstkoffer, der mit dem Slogan „Alles andere ist Käse“ beworben wurde.

          So unersättlich ist Wolfger Pöhlmanns Fanatismus, so unstillbar seine Neugier, so unerschöpflich sein Wissen, dass vor den Augen und knurrenden Mägen der Leser ein gargantueskes Panorama der deutschen Wurstkultur entsteht. Denn Pöhlmann belässt es nicht bei Haus- und Hofbesuchen, sondern streut unablässig Fakten und Anekdoten dazwischen, stellt die Wurst ins Licht von Kunst und Literatur, zeigt uns ihre Bedeutung für das Werk von Tucholsky und Goethe, von Polke und Beuys oder auch von Erwin Wurm, dem größten lebenden Wurstkünstler. Und er hat immer das passende Zitat parat, sei es von Karl Valentin, für den die Wurst die Freundin des Bieres war, oder von Ernst Jandl, der das Wort „Wurst“ für eines der schönsten der deutschen Sprache hielt; es ist übrigens seit 1200 Jahren phonetisch völlig unverändert geblieben.

          Französischer Käse abgehängt

          Wir wissen nun über das epochale Werk „Wurstologia et Durstologia“ des Marcus Knackwurst Bescheid, der 1662 eine Typologie der deutschen Wurstsorten verfasste. Und wir haben gelernt, dass es in Deutschland mindestens 1500 verschiedene Wurstsorten mit wahrscheinlich Hunderttausenden regionaler Varianten gibt – und wundern uns nun nicht mehr über die schleppenden Koalitionsverhandlungen in Berlin angesichts der Feststellung Charles de Gaulles, dass ein Land wie Frankreich unregierbar sei, weil es dort 246 Käsesorten gebe.

          Doch wie lange dieser Reichtum noch existieren wird, ist ungewiss, weil die Liebe der Deutschen zur Wurst schizophrene Züge annimmt: Einerseits essen sie Jahr für Jahr 2,5 Millionen Tonnen Wurst, kaufen aber andererseits inzwischen zwei Drittel davon als Industrieware im Supermarkt. So zerstören sie ihre eigene Wurstvielfalt, machen den lokalen Metzgern den Garaus, vernichten aus Gedankenlosigkeit oder Bequemlichkeit ein einzigartiges Kulturgut, stürzen nicht nur Wolfger Pöhlmann ins Unglück. Und so endet dieses wunderbare Buch mit einem bitteren Nachgeschmack: nicht nur mit der Gewissheit, dass wohl nichts deutscher ist als die Wurst, sondern auch mit der bösen Ahnung, dass es eines gar nicht fernen Tages nicht mehr so sein wird.

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