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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Eine Geschichte Kongos Rohstoff für eine neue Weltordnung

 ·  Auch die Unabhängigkeit blieb ein leeres Versprechen für dieses gequälte Riesenland: Der belgische Kulturhistoriker David Van Reybrouck erzählt die Geschichte Kongos ohne Klischees - und legt das beste Afrikabuch der vergangenen Jahre vor.

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Wenige Werke der Weltliteratur mussten so viele Interpretationen über sich ergehen lassen wie Joseph Conrads „Herz der Finsternis“. Dabei geriet zuweilen aus dem Blick, dass die Erzählung im Kern eine sehr konkrete Darstellung der grausamen imperialen Praktiken im Freistaat Kongo Ende des neunzehnten Jahrhunderts war, den Conrad als Kapitän eines britischen Schiffes bereist hatte.

In seinem fulminanten Buch bezeichnet David Van Reybrouck diesen Freistaat zu Recht als einen der merkwürdigsten Staaten, die es jemals auf subsaharischem Boden gab: „Dieses sonderbare Konstrukt ging in die Geschichte des Kolonialismus als Beispiel für extrem harsche Ausbeutung und Gewalt ein“, als, so van Reybrouck, „ein Blutbad von unglaublichem Ausmaß.“

Wie war der Freistaat Kongo entstanden? Auf der Berliner Afrika-Konferenz 1884/85, welche die Aufteilung des afrikanischen Kontinents unter die europäischen Mächte völkerrechtlich fixieren und regeln sollte, gelangten die Teilnehmer zu dem Schluss, wenigstens den riesigen Kongo-Raum im Zentrum des Kontinents nicht teilen zu wollen. Vielmehr bestand der Wunsch, eine Art Freihandelszone zu etablieren.

Der Terror der Kolonialherren

Das Riesenareal wurde der privaten Kongo-Gesellschaft des belgischen Königs Leopold II. überlassen. Der hatte sich geschickt als großer Philanthrop mit Idealen und Finanzmitteln entworfen, der die wissenschaftliche Erkundung Afrikas, das Projekt der Zivilisierungsmission sowie die Beendigung des Sklavenhandels vorantreiben würde. Freilich ignorierte Leopold in der Folge die Abmachungen der Berliner Konferenz, insbesondere die vereinbarte Handelsfreiheit für die vierzehn Unterzeichnerstaaten.

Der weltweit rasch steigende Bedarf an Kautschuk - als Grundstoff für die Produktion von aufblasbaren Luftreifen ein stark nachgefragtes Gut - brachte nach Zeiten der Fehlspekulationen für Leopold das langersehnte ökonomische Wunder. „Endlich“, schreibt Van Reybrouck, „konnte er zeigen, wofür eine Kolonie gut war: wirtschaftliche Explosion, imperialer Ruhm und Nationalstolz“. Während der König mit den Einnahmen aus Kongo Belgien aufwendig verschönern ließ, spürten viele Kongolesen mit Nachdruck die Schattenseite des Mirakels. Denn in den kautschukreichen Wäldern der riesigen Privatkolonie errichteten das koloniale Regime eine Terrorherrschaft.

Die Bevölkerung wurde zum Gummizapfen in die Wälder getrieben. Gegen Säumige und Widerspenstige gingen die Soldaten der neu gegründeten Force Publique mit brutalster Gewalt vor. Dörfer und Ernten wurden niedergebrannt, Frauen und Kinder in Geiselhaft genommen, unzähligen Menschen wurden zudem die Hände abgehackt, oder sie wurden ermordet. Dabei handelte es sich in der Regel um Gewalt von Afrikanern in Diensten des Staates gegen andere Afrikaner.

Eine Wahrheitskommission avant la lettre

Aber das „Blut floss nicht nur an der Basis der Machtpyramide“. Auch viele belgische Amtsträger, das unterstreicht der Autor mit Nachdruck, machten sich der zügellosen Gewalt schuldig. Die von Adam Hochschild in seinem Bestseller „Schatten über dem Kongo“ (2000) vertretene These, es habe sich bei den Ereignissen in Leopolds Kongo um einen Genozid gehandelt, weist der Autor als „absurd“ zurück.

Die Geschehnisse im Herzen Afrikas riefen zunehmend Kritiker auf den Plan. Afroamerikanische Missionare berichteten als Erste ausführlich über die „Kongo-Gräuel“. Den Stein ins Rollen brachten jedoch Berichte des respektierten britischen Konsuls Roger Casement sowie die des ehemaligen Handelsagenten Edmund Dene Morel orchestrierte umfassende publizistische Kampagne, welche die Machenschaften in Leopolds Privatkolonien offenlegen sollte.

n der Folge musste der belgische König ein internationales Komitee, gleichsam eine Wahrheitskommission avant la lettre, mit der Untersuchung der Verhältnisse beauftragen. Zu seiner Überraschung fanden die hohen Herren klare Worte über die Gewalt und Willkür und fügten hinzu: „Die Kolonie wurde nicht im Interesse der Eingeborenen verwaltet, nicht einmal im wirtschaftlichen Interesse Belgiens.“ Auf den wachsenden internationalen Druck hin kam es zur Überschreibung des Freistaates an Belgien.

Wsa Historiker predigen, gelingt dem Journalisten

Die beiden Dekaden unter Leopold gehörten zwar zur blutigsten Zeit in der Geschichte Kongos, doch ließe sich die Historie des gesamten zwanzigsten Jahrhunderts für das Land leicht als ein Epos von Blut, Gewalt, Katastrophen, Korruption und enttäuschten Hoffnungen erzäh-len. Van Reybrouck verschließt beileibe nicht die Augen vor den Wunden der Vergangenheit und Gegenwart, doch findet er den richtigen Ton, indem er ohne Larmoyanz oder übermäßige ideologische Verve eine thematische Mischung aufbereitet, die der Vielfalt und Widersprüchlichkeit des Riesenlandes gerecht wird.

Auf der Grundlage seiner stupenden Kenntnisse der Forschungsliteratur, eigener Recherchen und Reportagen, zahlreicher zum Teil bemerkenswerter Interviews sowie einem guten Gefühl für größere Zusammenhänge und markante Einzelschicksale vermag der Autor ein Narrativ zu weben, das den Leser trotz des beträchtlichen Umfangs des Werkes nicht wieder loslässt.

Was Historiker immer wieder predigen, gelingt dem Journalisten: die Spezifität eines afrikanischen Landes herauszuarbeiten, ohne in Exotisierung und Stereotypen zu verfallen, und zugleich dessen vielfältige Verknüpfungen mit dem Rest der Welt nachzuzeichnen. Und Van Reybrouck kann, was die wenigsten Historiker können: gut schreiben. Seine ganze Kunst entfaltet der Autor etwa in den Kapiteln über den unabhängigen Kongo, die gut die Hälfte des Buches einnehmen. „Die Unabhängigkeit hätte ein Geschenk sein müssen“, schreibt er, „doch es blieb bei einem leeren Versprechen.“ Nirgendwo besser als bei Van Reybrouck kann man dichter und facettenreicher über die apokalyptischen ersten Jahre nach dem Ende der belgischen Kolonialherrschaft lesen, in denen das Land einen Bürgerkrieg, Pogrome, Staatsstreiche und Aufstände erlebte.

Afrikas Weltkrieg

Der charismatische erste Ministerpräsident Patrice Lumumba wurde unter tätiger Mithilfe des belgischen und nordamerikanischen Geheimdienstes ermordet, die Vereinten Nationen erlebten mit ihrer Mission zur Eindämmung des Konfliktes ein Desaster. Am Ende der ersten Republik stand Joseph Mobutu an der Spitze des Staates und sollte die Macht für ein Vierteljahrhundert nicht mehr loslassen. Er benannte das Land in Zaire um und machte es zum Inbegriff einer Kleptokratie, eines Selbstbedienungsladens für eine kleine korrupte Clique von Politikern, die mit höchster Dreistigkeit Staatsgelder in die eigene Tasche umdirigierten.

Van Reybrouck gelingt ein glänzendes Porträt Mobutus und seiner Herrschaftsstrategie, einer Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche. Er beschreibt die wirtschaftlichen Erfolge in den ersten Jahren seiner Herrschaft, das brutale Vorgehen gegen jegliche Opposition, die wachsende Megalomanie, die zunehmende Rezession, die ins Unermessliche gehende Korruption, die den Alltag prägte. „Als Reaktion auf einen Staat, der sich den Bürgern entzieht, entzogen sich die Bürger dem Staat.“

Der Wind des Wandels, der nach dem Fall der Mauer auch durch Afrika wehte, unterminierte jene zwei Dinge, denen Mobutu seine Macht verdankte: Geld aus dem Ausland, Gewalt im Inland. Das Ende von Mobutus Herrschaft brachte jedoch keineswegs Demokratie und neuen Wohlstand, im Gegenteil: Zaire, das nun Demokratische Republik Kongo hieß, stand im Zentrum einer Kriegskonstellation, die einige Beobachter als „Afrikas Weltkrieg“ charakterisierten. Statistiken zufolge starben in diesem vom Autor mit all seinen Grausamkeiten geschilderten Krieg allein zwischen 1996 und 2001 über vier Millionen Menschen.

Eine behutsame Bilanz

Das Kapitel über die letzten Jahre ist treffend mit „Erholungspause“ betitelt. Eindringlich beschreibt Van Reybrouck „Hoffnung und Verzweiflung in einer jungen Demokratie“. Und zieht behutsam so etwas wie eine Bilanz: Kongo sei keineswegs die Vorratskammer der Welt gewesen, die außer Rohstoffen kaum etwas zur Weltgeschichte beigetragen habe. Vielmehr sei die Geschichte des Landes „mehrmals von entscheidender Bedeutung für die zaghafte Definition einer internationalen Weltordnung“ gewesen.

Nach der Lektüre wird diesem Befund jeder zustimmen. Und jeder wird nun hoffentlich vermeiden, Afrika und speziell Kongo entweder ausschließlich als Katastrophenort oder als Platz für trotz alledem fröhliche Überlebenskünstler zu charakterisieren.

David Van Reybrouck: „Kongo“. Eine Geschichte. Aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 783 S., Abb., geb., 29,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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