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Eine Geschichte Kongos : Rohstoff für eine neue Weltordnung

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Bild: Suhrkamp Verlag

Auch die Unabhängigkeit blieb ein leeres Versprechen für dieses gequälte Riesenland: Der belgische Kulturhistoriker David Van Reybrouck erzählt die Geschichte Kongos ohne Klischees - und legt das beste Afrikabuch der vergangenen Jahre vor.

          Wenige Werke der Weltliteratur mussten so viele Interpretationen über sich ergehen lassen wie Joseph Conrads „Herz der Finsternis“. Dabei geriet zuweilen aus dem Blick, dass die Erzählung im Kern eine sehr konkrete Darstellung der grausamen imperialen Praktiken im Freistaat Kongo Ende des neunzehnten Jahrhunderts war, den Conrad als Kapitän eines britischen Schiffes bereist hatte.

          In seinem fulminanten Buch bezeichnet David Van Reybrouck diesen Freistaat zu Recht als einen der merkwürdigsten Staaten, die es jemals auf subsaharischem Boden gab: „Dieses sonderbare Konstrukt ging in die Geschichte des Kolonialismus als Beispiel für extrem harsche Ausbeutung und Gewalt ein“, als, so van Reybrouck, „ein Blutbad von unglaublichem Ausmaß.“

          Wie war der Freistaat Kongo entstanden? Auf der Berliner Afrika-Konferenz 1884/85, welche die Aufteilung des afrikanischen Kontinents unter die europäischen Mächte völkerrechtlich fixieren und regeln sollte, gelangten die Teilnehmer zu dem Schluss, wenigstens den riesigen Kongo-Raum im Zentrum des Kontinents nicht teilen zu wollen. Vielmehr bestand der Wunsch, eine Art Freihandelszone zu etablieren.

          Der Terror der Kolonialherren

          Das Riesenareal wurde der privaten Kongo-Gesellschaft des belgischen Königs Leopold II. überlassen. Der hatte sich geschickt als großer Philanthrop mit Idealen und Finanzmitteln entworfen, der die wissenschaftliche Erkundung Afrikas, das Projekt der Zivilisierungsmission sowie die Beendigung des Sklavenhandels vorantreiben würde. Freilich ignorierte Leopold in der Folge die Abmachungen der Berliner Konferenz, insbesondere die vereinbarte Handelsfreiheit für die vierzehn Unterzeichnerstaaten.

          Der weltweit rasch steigende Bedarf an Kautschuk - als Grundstoff für die Produktion von aufblasbaren Luftreifen ein stark nachgefragtes Gut - brachte nach Zeiten der Fehlspekulationen für Leopold das langersehnte ökonomische Wunder. „Endlich“, schreibt Van Reybrouck, „konnte er zeigen, wofür eine Kolonie gut war: wirtschaftliche Explosion, imperialer Ruhm und Nationalstolz“. Während der König mit den Einnahmen aus Kongo Belgien aufwendig verschönern ließ, spürten viele Kongolesen mit Nachdruck die Schattenseite des Mirakels. Denn in den kautschukreichen Wäldern der riesigen Privatkolonie errichteten das koloniale Regime eine Terrorherrschaft.

          Die Bevölkerung wurde zum Gummizapfen in die Wälder getrieben. Gegen Säumige und Widerspenstige gingen die Soldaten der neu gegründeten Force Publique mit brutalster Gewalt vor. Dörfer und Ernten wurden niedergebrannt, Frauen und Kinder in Geiselhaft genommen, unzähligen Menschen wurden zudem die Hände abgehackt, oder sie wurden ermordet. Dabei handelte es sich in der Regel um Gewalt von Afrikanern in Diensten des Staates gegen andere Afrikaner.

          Eine Wahrheitskommission avant la lettre

          Aber das „Blut floss nicht nur an der Basis der Machtpyramide“. Auch viele belgische Amtsträger, das unterstreicht der Autor mit Nachdruck, machten sich der zügellosen Gewalt schuldig. Die von Adam Hochschild in seinem Bestseller „Schatten über dem Kongo“ (2000) vertretene These, es habe sich bei den Ereignissen in Leopolds Kongo um einen Genozid gehandelt, weist der Autor als „absurd“ zurück.

          Die Geschehnisse im Herzen Afrikas riefen zunehmend Kritiker auf den Plan. Afroamerikanische Missionare berichteten als Erste ausführlich über die „Kongo-Gräuel“. Den Stein ins Rollen brachten jedoch Berichte des respektierten britischen Konsuls Roger Casement sowie die des ehemaligen Handelsagenten Edmund Dene Morel orchestrierte umfassende publizistische Kampagne, welche die Machenschaften in Leopolds Privatkolonien offenlegen sollte.

          n der Folge musste der belgische König ein internationales Komitee, gleichsam eine Wahrheitskommission avant la lettre, mit der Untersuchung der Verhältnisse beauftragen. Zu seiner Überraschung fanden die hohen Herren klare Worte über die Gewalt und Willkür und fügten hinzu: „Die Kolonie wurde nicht im Interesse der Eingeborenen verwaltet, nicht einmal im wirtschaftlichen Interesse Belgiens.“ Auf den wachsenden internationalen Druck hin kam es zur Überschreibung des Freistaates an Belgien.

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