http://www.faz.net/-gr3-q1e9

: Ein Spiel für alle, die mich kennen

  • Aktualisiert am

Im August 1911, der Entstehungszeit von "Mein Herz", lebt die dreiundvierzigjährige Schriftstellerin mit ihrem zweiten Mann Herwarth Walden, Herausgeber der expressionistischen Zeitschrift "Der Sturm". Als dieser mit einem Freund eine Reise nach Norwegen antritt, beginnt sie mit dem Verfassen der "Briefe nach Norwegen", die in mehreren Folgen im "Sturm" veröffentlicht werden. Nach der Rückkehr Waldens entstehen weitere Folgen, und die Autorin faßt den Plan, die Briefe als Buch herauszugeben: "Ganz recht, ich werde anfangen, meine Briefe an euch zu sammeln und sie später unter dem Titel ,Herzensbriefe, alleinseligmachender Liebesbriefsteller, Gesetzl. gesch.' herausgeben." Wie der Untertitel "Liebesroman mit Bildern und wirklich lebenden Menschen" weist diese Bemerkung darauf hin, daß Stil- und Rollenkonventionen in "Mein Herz" ebenso unterwandert werden wie traditionelle Liebesentwürfe. Der Briefroman, ein Bilderbogen, dessen Facetten sich auf reale Personen und Ereignisse der literarischen und künstlerischen Avantgarde Berlins rückbeziehen lassen, wird zur "Herzensbühne", auf der sich die Figur des Prinzen Jussuf von Theben bewegt. Die Entscheidung des Jüdischen Verlags, den Roman erneut als Leseausgabe aufzulegen, ist womöglich dem Umstand geschuldet, daß in der Kritischen Ausgabe, die dem Prinzip der Edition der Erstveröffentlichungen folgt, die Textgestalt der Briefe nur in Form der im "Sturm" veröffentlichten "Briefe nach Norwegen" vorliegt. Die Neuausgabe von "Mein Herz" kann so als Supplement zur Kritischen Ausgabe gelesen werden; für sich genommen, ist das Buch ein Kernstück des Prosawerks der Dichterin.

Einen differenzierteren Blick auf das Leben der Autorin ermöglicht eine neue Biographie der Literaturwissenschaftlerin Sigrid Bauschinger. Sie hat eine materialreiche Grundlage von Text- und Bilddokumenten, Briefen und Handschriften ausgewertet. Sigrid Bauschinger, die 1980 die Monographie "Else Lasker-Schüler - Ihr Werk und ihre Zeit" publizierte, reflektiert in der Biographie immer wieder die Problematik, Leben und Werk Else Lasker-Schülers voneinander zu trennen.

Von der Kindheit und Jugend in Elberfeld nach Berlin bis zur Scheidung der ersten Ehe hin zur Zeit der Ehe mit Herwarth Walden zeichnet Bauschinger zunächst die Entwicklung zur "Freien Künstlerin in Berlin" nach. Die Zäsur des Ersten Weltkriegs, der damit verbundene Verlust von Freunden wie Franz Marc und Georg Trakl, die Weimarer Republik sowie der zunehmende Ruhm der Autorin sind zentrale Elemente der folgenden Lebensjahre. Die Biographie schildert detailliert die Auseinandersetzungen mit Verlegern und die Bedingungen, unter denen Lasker-Schüler schrieb und an Anerkennung gewann, während ihre materielle Lage meist prekär blieb. Die letzten beiden Kapitel über die Zeit im Exil, zunächst in Zürich und Ascona, zuletzt in Jerusalem, verdienen besondere Beachtung. Sie versammeln bislang verstreute Fakten über die Situation, unter denen das beeindruckende Alterswerk der Dichterin entstand, zu dem die Gedichtsammlung "Mein blaues Klavier", der Prosaband "Das Hebräerland" und das komplexe Drama "IchundIch" gehören. Die Ausführungen tragen dazu bei, Else Lasker-Schülers eigenwillige politische Position genauer zu fassen, und relativieren den Mythos von der am Lebensende völlig verarmten und vereinsamten Autorin.

BEATE TRÖGER

Else Lasker-Schüler: "Werke und Briefe". Kritische Ausgabe. Herausgegeben von Norbert Oellers, Heinz Rölleke und Itta Shedletzky. Band 6: "Briefe 1893-1913". Bearbeitet von Ulrike Marquardt. Jüdischer Verlag, Frankfurt am Main 2004. 836 S., geb., 124,- [Euro]. / Band 7: "Briefe 1914-1924". Bearbeitet von Karl Jürgen Skrodzki. Jüdischer Verlag, Frankfurt am Main 2004. 675 S. , geb., 124,- [Euro].

Sigrid Bauschinger: "Else Lasker-Schüler". Biographie. Wallstein Verlag, Göttingen 2004. 496 S., 62 Abb., geb., 38,- [Euro].

Else Lasker-Schüler: "Mein Herz". Ein Liebesroman mit Bildern und wirklich lebenden Menschen. Herausgegeben von Ricarda Dick. Jüdischer Verlag, Frankfurt am Main 2003. 216 S., geb., 17,90 [Euro].

Weitere Themen

Mustereuropäer im hohen Norden

100 Jahre Lettland : Mustereuropäer im hohen Norden

Vor hundert Jahren wurde Lettland ein eigener Staat: Reise in ein erstaunliches Land, dessen Bewohner Bücher lieben und mit ihrer Introvertiertheit kokettieren.

Stillleben gibt es nicht

Kiarostamis Vermächtnis : Stillleben gibt es nicht

In „24 Frames“ zeigt Abbas Kiarostami, wie Wahrheit zwischen den Bildern hindurchfallen kann. Der Meisterregisseur starb im Sommer 2016. Ein würdigeres letztes Werk hätte er nicht schaffen können. Bei Arte ist es nun zu sehen.

Topmeldungen

Streit um UN-Migrationspakt : Wie man erst recht im Bockshorn landet

Jens Spahn will auf dem Hamburger CDU-Parteitag über den UN-Migrationspakt abstimmen. Auch wenn manche das als seinen letzten Strohhalm im Rennen um den Parteivorsitz deuten – der Grundkonflikt ist nicht neu. Er wurde nur lange nicht ausgetragen. Ein Kommentar.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.