Home
http://www.faz.net/-gr6-nzxr
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ein Praktikum in Brüssel erhöht die Karrierechancen

 ·  Berufserfahrung sammeln und persönliche Kontakte knüpfen / Eigeninitiative gefordert / Von Hajo Friedrich

Artikel Lesermeinungen (0)

Axel Werner* aus Süddeutschland ist froh, bei einem kleinen EU-Beratungsunternehmen in Brüssel ein Praktikum zu absolvieren. Er habe sich schnell in den Betrieb eingliedern können, berichtet der 24 Jahre alte Student der Kommunikationswissenschaft. Er sitze nicht bloß rum und beobachte, wie viele Praktikanten in der EU-Kommission, berichtet er. Vom ersten Tag an fühlte er sich als gleichberechtigter Mitarbeiter in dem noch jungen Consultingbüro: So knüpft er zum Beispiel Kontakte mit EU-Beamten, recherchiert zu Fachfragen oder organisiert Geschäftstreffen. Und dabei verbessert er nebenbei auch noch seine Englischkenntnisse.

Die Auftraggeber sind meist Unternehmen, Organisationen oder Verbände, die sich keinen eigenen EU-Lobbyisten leisten. Arbeitend wie ein Profi, erhält Axel Werner einen hautnahen Einblick in die Welt des EU-Lobbying. "Am Telefon merkt keiner, ob ich das seit Jahren mache oder nur während meines viermonatigen Praktikums." Vor seinem Praktikum konnte er weder mit Belgien noch mit der EU etwas anfangen. Doch jetzt ist er begeistert von der "Interdisziplinarität". Täglich erfahre er mehr - über die Abläufe und Prozesse, das vielfältige Informations- und Beratungsgeschäft und die hochgradig verrechtlichte EU-Politik.

Praktika bei EU-Institutionen und anderen Stellen in Brüssel sind begehrt. Das mag mit dem Flair des internationalen Parketts zusammenhängen. Oder auch mit der Erwartung, daß sich auf dem EU-Parkett gewonnene Kenntnisse und Kontakte bei Bewerbungen gut machen, sagt Anna von Rechenberg. Sie ist die Autorin des jüngst erschienenen Wegweisers "Stage Europe" (ISBN 3-9808024-3-4). Der Band informiert über die Möglichkeiten für Studenten und Hochschulabsolventen, ein Praktikum in den EU-Institutionen zu absolvieren. Auf 80 Seiten erhalten die Leser Auskünfte über die Bewerbungsverfahren sowie Ansprechpartner, die Interessenten weiterhelfen können. Fast alle EU-Institutionen, aber auch die deutsche EU-Botschaft oder die Fraktionen im EU-Parlament bieten regelmäßig Praktika an. Der Wegweiser "Stage Europe" soll vor allem jungen Leuten, die ihren beruflichen Blick gen Brüssel richten, eine Hilfe sein, sich um ein Europa-Praktikum zu bewerben. "Der eine oder andere mag auch die Hoffnung hegen, damit auch schon die Tür einen Spaltbreit öffnen zu können - für den späteren Eintritt ins wohldotierte europäische Berufsbeamtentum", sagt die Autorin.

Ihn reize weder eine EU-Karriere, noch wolle er ein auf Partikularinteressen beschränkter Lobbyist werden, sagt Axel Werner. Doch auf jeden Fall hätten seine Brüsseler Erfahrungen seinen Wunsch bestärkt, auf dem internationalen Parkett tätig zu werden. Werner gehört zu den wenigen der insgesamt mehr als 2000 Praktikanten aus aller Herren Länder in Brüssel, die ohne die finanzielle Hilfe der Eltern auskommen müssen. "Ich komme gut über die Runden", sagt er. Denn zusätzlich zu seiner Praktikantenvergütung von monatlich 500 Euro konnte er sich sein Budget durch die Mitarbeit an einem Projekt erhöhen. Da Axel Werner schon an seiner Heimatuniversität in einem internationalen Verbund studentischer Unternehmensberater mitarbeitet, fand er darüber auch in Brüssel schnell eine preisgünstige Unterkunft.

Für Studierende und Graduierte bietet das EU-Aktionsprogramm "Leonardo da Vinci" auch die Möglichkeit einer finanziellen und organisatorischen Unterstützung für studienbezogene Praktika im europäischen Ausland. Eine solche Förderung ist jedoch nur im Rahmen eines Hochschulprojekts möglich, heißt es beim DAAD in Bonn. Hier können zum Beispiel die Brüsseler Praktikanten bis zu 500 Euro je Monat erhalten. Denn viele Unternehmen oder Verbände zahlen ihren Praktikanten keine oder nur eine niedrige Aufwandsentschädigung.

Axel Werner ist nicht verwöhnt. Und doch vermag er seine hohen Ansprüche zu befriedigen. Er weiß das Einfache zu schätzen und das Besondere zu entdecken. Wie das? Es sei faszinierend, in einem marokkanisch geprägten Viertel der belgischen Hauptstadt zu wohnen und sich tagsüber in der ganz anderen Welt des Europaviertels zu tummeln. Für sein Praktikum in Brüssel hat sich Axel Werner dieses Sommersemester freigenommen. Wie er darauf gekommen ist? Anfang des Jahres habe er beim Surfen im Internet zufällig ein Interview mit der Consulting-Unternehmerin aus Brüssel gelesen und sich auf gut Glück beworben. Mit Erfolg. Es gäbe zwar gute Praktikums-Adreßlisten an der Universität, doch selber organisieren mache zwar mehr Arbeit, führe jedoch zu interessanteren Stellen. Was empfiehlt er seinen Kommilitonen und den Absolventen, die eine Stelle suchen? "Sich viel umhören, viel mitnehmen und filtern, offen sein für Neues und sich immer wieder die Frage stellen: Was möchte ich machen?" Unter deutschen Studenten sei das Interesse an einem Auslandspraktikum nicht groß, sagt Axel Werner. Aus Saturiertheit? "Ja, vielleicht geht es denen zu gut." Auch er spüre bis heute noch nichts von der vielbeschworenen Wirtschaftskrise in Deutschland - "vielleicht erst, wenn ich eine Stelle suche".

Genau in dieser Situation befindet sich Elke Bauer* aus Norddeutschland. Sie hat ihr Studium absolviert und ist bereits EU-Expertin - auf dem Papier. Jetzt kommt es darauf an, auch einen entsprechenden Job zu finden. Nur wenig Hoffnung setzt sie auf ihre Bewerbung für ein Volontariat auf dem Feld der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. "Da konkurrierten gegenwärtig 500 Bewerber um eine Stelle", berichtet sie.

In Brüssel dagegen habe sie ihre Chancen verbessert: Auf ihrem Praktikumsplatz in einem mittelständischen Public-Affairs-Büro koche sie nicht Kaffee, sondern werde als normale Arbeitskraft gebraucht. "Ich erhalte massenweise Anfragen für ein Praktikum", berichtet der Leiter einer deutschen Verbandsvertretung. Viele Bewerber wiesen höhere Qualifikationen auf als die Mitarbeiter.

Weil Praktikantin Elke ankommt, habe der Chef eine Verlängerung des Praktikums in Aussicht gestellt. Entscheidend sei jedoch, daß daraus ein richtiger Job wird, von dem man leben kann. Denn sonst bedeute der vierte oder fünfte Praktikumsplatz bloß versteckte Arbeitslosigkeit. "Ich würde gerne in Brüssel bleiben, ich habe hier ein spannendes Arbeitsumfeld und Freunde." So hält Elke Ausschau in alle Richtungen.

Da ist sie nicht allein. Denn die Krise auf dem deutschen Arbeitsmarkt ist auch in Brüssel immer handfester zu beobachten: zum Beispiel auf den täglichen EU-Konferenzen oder abendlichen Empfängen der Länder- oder Lobbybüros. Da tummeln sich Dutzende von Praktikanten, die nicht nur wie die anderen Teilnehmer Fachgespräche führen und umsonst essen wollen, sondern auch nach Personen Ausschau halten, die ihnen einen Job vermitteln können.

Die Konkurrenz dürfte mit der EU-Ost-Erweiterung noch größer werden. Hinzu kommt, daß zum Beispiel auch viele Assistenten der mehr als 600 Europaabgeordneten diese Tätigkeit nur als Zwischenstation auf dem Weg zu einem angemessen bezahlten oder interessanteren Job betrachten. Sie sind dabei in guter Gesellschaft. Auch Bundesaußenminister Joschka Fischer zieht es mit Macht nach Brüssel auf seinen neuen Traumposten: EU-Außenminister. Dies zeigt: "Brüssel" ist nicht nur auf dem Feld der Politik, sondern auch im Blick auf die Berufschancen ein großer Beziehungsmarkt. Daß mancher etablierte Eurokrat oder Lobbyist die Kontaktbereitschaft der jungen Frauen und Männer mißdeutet, das macht die Jobsuche nur selten einfacher.

(*Die Namen der Praktikanten wurden aus Vertraulichkeitsgründen geändert.)

Web: www.eu.daad.de, www.eu-vertretung.de, www.europa-kontakt.de, www.europa.eu.int/comm/stages/extract/index_de.htm.

Der Europäische Ministerrat bietet für Studenten, die bereits acht Semester absolviert haben, Praktikumsmöglichkeiten für eine Dauer von ein bis vier Monaten.

Nähere Informationen im Praktikantenbüro des Generalsekretariats des Rates, Rue de la Loi 175, B-1048 Brüssel, Telefon 00 32/2/2 85 61 11.

Auch das Europäische Parlament erwartet von seinen Praktikanten noch keinen Hochschulabschluß. Bewerbungsformulare können bei dem Büro für Praktika angefordert werden: BAK-Gebäude, Büro 2A007, L-2920 Luxemburg; Telefon 0 03 52/4 30 01.

Neben der Parlamentsverwaltung bieten auch die Fraktionen Möglichkeiten, bei einem Abgeordneten ein mindestens ein Monat dauerndes Praktikum zu absolvieren.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.07.2003, Nr. 159 / Seite 53
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen