08.09.2007 · Das hier ist ohne Frage ein entschieden romantisches Buch. Nein, nicht nur ein Buch über die Romantik und das Romantische, sondern selbst eine romantische Ausgeburt. Schon die Idee, uns Kindern der Postmoderne noch einmal die Romantik zu servieren, uns, die wir gelernt haben, jedwede Sehnsucht als ...
Das hier ist ohne Frage ein entschieden romantisches Buch. Nein, nicht nur ein Buch über die Romantik und das Romantische, sondern selbst eine romantische Ausgeburt. Schon die Idee, uns Kindern der Postmoderne noch einmal die Romantik zu servieren, uns, die wir gelernt haben, jedwede Sehnsucht als eine im Grunde sehr zufällige, sehr wenig vertrauenswürdige Angelegenheit zu durchschauen, schon diese Idee also ist hoffnungslos romantisch zu nennen. Wer, der noch alle Tassen im Schrank hat, würde heute, wenn er verliebt ist, noch sagen, dass er verliebt ist? Jeder halbwegs informierte Zeitgenosse weiss zu genau, was sich abspielt zwischen seinen Neuronen, Genen und Hormonen, wenn ein Gefühl im Spiel ist. So versagt man dem Gefühl lieber den Namen, als ihm einen romantischen Überbau zu verschaffen, man sagt allenfalls: Ich weiß nicht, wie ich all die Jahre meines Lebens ohne dich habe leben können, aber mehr Zugeständnisse - Hand aufs kalte Herz - an das Romantische wären heute schon nicht mehr schön.
Mit anderen Worten: Man steht etwas ratlos vor der romantischen Botschaft von der Auflösung ins Dionysische, vom Abenteuer der Selbstbestimmung, von der Macht der Einbildungskraft. Wirkt nicht all das in Zeiten, in denen man sich intellektuell genötigt sieht, von der Entgrenzung her zu denken statt von der Grenze, etwas altbacken? Wer möchte heute noch von einer Natur der Dinge sprechen, die sich uns mitteilt, treffen wir nur "das Zauberwort" (Eichendorff). Wer noch von unserer ewigen Reise "nach Hause, nach Hause, nach Hause" (Novalis)? Wir haben gelernt, uns überall einzurichten, ein Leben des "als ob" zu führen, und das klaglos, ohne zu jammern oder zu knatschen. Wir sagen: "blaue Blumen sind schön" oder "schau mal da oben, der Mond". Und wissen doch, dass da mehr nicht ist, selbst wenn wir gelegentlich mehr daraus machen. Alles andere wäre uncool. Alles andere wäre nicht von heute.
Rüdiger Safranski sagt an einer Stelle seines Buches, was die Romantik von der Postmoderne unterscheide, sei, dass die Romantiker meinen, noch etwas vor sich zu haben, während die Postmodernen alles hinter sich zu haben glauben. Safranski erwähnt das eher nebenbei, knüpft keinen weitergehenden Schluß an diese Bemerkung. Aber man spürt, dass es dieser kleine feine Unterschied ist, auf den Safranski sein ganzes Buch gegründet hat; dass es diese Hoffnung ist, man könne noch etwas vor sich haben, um derentwillen er sein Unternehmen für gerechtfertigt hält, im Jahre 2007 noch einmal mit der Romantik und dem Romantischen zu kommen. Und wer Rüdiger Safranski einmal persönlich kennengelernt hat, wer sein mittlerweile etliche Bücher zählendes OEvre kennt, der versteht, dass es diesem Schriftsteller selbst immer nur um das eine geht: noch etwas vor sich haben zu wollen. Weil genau das sich nicht von selbst versteht. Weil natürlich auch Safranski weiß, dass die Sonne nicht untergeht, wenn sie untergeht, sondern sich die Erde wieder gedreht hat. Weil natürlich auch Safranski von der Ahnung bedroht ist, dass da eigentlich gar nichts ist, was vor uns liegt. Außer lebensdienlichen Fiktionen, die uns das Gegenteil nahelegen. Dieser Ahnung ringt er sein Werk ab. Man kann es auch so sagen: Safranskis gesamtes OEvre ist auf diesem schmalen Grat zwischen Postmoderne und Romantik angesiedelt, es zehrt davon, dem postmodernen Schlund immer wieder aufs Neue eine romantische Substanz zu entreißen, aus dieser Substanz Funken für die Bücher und das Leben zu schlagen.
Und das: mit welchem Können, mit welchem Erfolg! Safranski ist das immer wirksame Gegengift, wenn man anfängt, klein von sich selbst und den anderen zu denken. Die Episoden und Gestalten der Geistesgeschichte, denen Safranski seine Bücher widmet - darunter Schopenhauer, Heidegger, Nietzsche, Schiller - sind für ihn nur Anlässe, um in immer neuen Anläufen über die Größe des Menschen zu sprechen. Ja, solche Großbegriffe wie Größe, Diesseits, Jenseits, Geist und Materie scheut dieser Chronist der Geistesgeschichte keineswegs, sie werden ihm von den akademischen Registratoren denn auch prompt als trübe begriffliche Unschärfe vorgehalten, von den Lesern dagegen, die etwas über ihr Leben erfahren wollen, als glänzende begriffliche Fixsterne beklatscht.
Man gebe Safranskis Romantik-Buch einem Literaturwissenschaftler oder Philosophiehistoriker zur Rezension - und man wird genauestens über etliche Unzulänglichkeiten aufgeklärt werden, darüber, dass dies fehlt und jenes, dass dies überzeichnet und jenes unterbelichtet bleibt. Und natürlich, zu Recht lässt sich einwenden, die Romantik war doch nicht bloß ein deutsches Phänomen und eine korrekte Bestimmung der Romantik macht den entgrenzenden Begriff des Romantischen doch gerade überflüssig. Aber verfehlt man mit solchen Richtigkeiten nicht vielleicht doch das Wesentliche dieses Buches? Will man nicht vielmehr etwas darüber wissen, wie es dem Autor diesmal wieder gelingt, den Leser glauben zu machen, es ginge von der ersten bis zur letzten Seite um ihn, um die Biographie des Lesers, nicht um gesunkene Kulturgüter der Geistesgeschichte? Ist es nicht das, was den elektrisiert, der Safranski liest?
Offen liegen die Flanken der Safranski-Methode zutage: Safranski verdichtet, um zum Sprechen zu bringen. Er schafft spannende Plots, wo anders niemand hinhören würde. Er verfremdet, wo ein gewissenhaftes Abschildern bedeutungslos bliebe. Er macht Setzungen, die ihm in keinem Seminar durchgehen würden, nimmt tatsächlich die historische Romantik nur zum Anlass, um den Blick für das angeblich Zeitlos-Romantische zu schärfen. Wissenschaft ist Safranski stets nur Hilfswissenschaft für die Erzählung auf großer Bühne. Dabei fühlt er sich erkenntnistheoretisch auf sicherem Ufer: Auch der wissenschaftlich-verobjektivierende Zugriff ist ein verfremdender, kein objektiver. Der romantische Wissenschaftsbegriff, der in diesem Buch zu den unterbelichteten Aspekten der Romantik gehört, hat gerade dies den Aufklärern vor Augen geführt - gleichsam als frühe Aufklärung über die Bedingungen von Aufklärung, lange bevor man hinging und von Dialektik redete.
Safranskis Grundfrage ist: Wie mache ich Geistesgeschichte für den Geist fruchtbar? Gewiß nicht kurzschlüssig, sagt er, aber auch nicht langatmig. Die Geistesgeschichte, so auch die romantische Affäre der Deutschen, begreift Safranski - dieser selfmademan des Geistes, dieser Romantiker, der sich in der Welt zu helfen weiß - als eine hochentzündliche Materie, die man zum Lodern bringen muss, der man die Antworten auf die Dauerfragen des Daseins abzuringen hat statt sie in den akademischen Archiven abkühlen zu lassen. Safranskis romantisches Buch über die Romantik und das Romantische zeigt dem Leser, wo er fündig wird, wenn er in seiner Biographie noch etwas vor sich und nicht schon alles hinter sich haben will. Dass er am Ende allzu pädagogisch wird, dass er ein Zwei-Sphären-Modell zwischen Lebbarem und Denkbarem propagiert (nicht nur zwischen Politik und Leben, das ist selbstverständlich) - das versteht man nicht ganz, als sei es nicht ein solches Trennungsmodell, das dem Romantischen entschieden widerrät. Schließlich gibt es genau dies nicht: ein bißchen romantisch.
"Romantik ist der Mehrwert, der Überschuß an schöner Weltfremdheit, der Überfluß an Bedeutsamkeit." Nein, möchte man Safranski antworten - und im übrigen mit all dem argumentieren, was man in diesem aufregenden Buch über die historische Romantik erfährt sowie über jene Gestalten, die Safranski kurzerhand und als Stachel für jede nur akademische Lektüre unter seinen "erweiterten Romantikbegriff" fasst. Mehrwert, Überschuß und Überfluß? Sollte das Romantische als Kompensationsmodell lebbar sein? Gar denkbar? Nein, man lese alle jene romantischen Entfesselungskünstler, die Safranski uns zu lesen aufgibt: die Gebrüder Schlegel, Fichte und Schelling, Tieck und Wackenroder, Herder und Novalis, Eichendorff und E.T.A. Hoffmann bis hin zu Nietzsche, ja den Dionysiker Nietzsche, den Safranski einer hinreissenden Romantik-Lektüre unterzieht. Nein, muss man dann sagen, ein Kompensationsmodell von Romantik hatten diese Romantiker gerade nicht im Kopf. Sie verkörpern das Romantische, weil sie auf die eine oder andere Art mit dem Romantischen aufs Ganze gingen, nicht aufs Halbe, nicht auf irgendein Trennungsmodell des Lebens. Sie fassten das Romantische gerade nicht als Mehrwert, Überfluß und Überschuss auf, sondern als Elixier, ohne das nichts ging. Das erst macht all diese Gestalten zu Romantikern im eigentlich gefährlichen Sinn des Wortes: zu Menschen, die es darauf anlegten, aus einem Guß zu leben und an diesem Projekt lieber zugrunde gingen, als sich weltklug, aber ihrer Sensucht beraubt, über Wasser zu halten und sich und andere zu schonen.
Aber das ist ein Einwand, der nur einem Mißverständnis vorbeugen möchte und dem Buch nichts von seiner inspirierenden Wucht zu nehmen vermag. Dieses Buch ist lehrreich und lebensklug, es macht uns mit einer Fülle von Material bekannt, ohne je ermüdend zu sein, es macht nicht zuletzt klar, dass es, bei aller Liebe, im Angesicht des Romantischen nicht darum gehen kann, sich täglich neu zu erfinden. Scharf geißelt Safranski die Verächtlichmachung der Normalität überall dort, wo sie in der Politik Platz greift, aber auch überall dort, wo das persönliche Leben in jenem romantischen Wahn versinkt, den niemand so phantastisch und atemberaubend beschrieben hat wie E.T.A. Hoffmann.
Und wir, die früh, allzu früh Abgebrühten, die mit allen Wassern der Dekonstruktion gewaschenen Kinder von 2007, stellen fest, dass wir hinhören, wenn Safranski zu reden beginnt, dass wir es plötzlich für möglich halten, alle unsere Ablenkungen hinter uns zu lassen und uns auf eine einzige Blume zu konzentrieren, als gäbe es nicht drum herum noch hundert andere blaue Blumen, dass wir noch lange den Mond anschauen, bevor wir schlafen gehen, dass wir von Liebe reden, von diesem Unwort der Ernüchterten, als ließe sich für den Moment tatsächlich kein besseres Wort finden. Safranski ist ein Zauberkünstler, dem man lieber nicht widersteht.
- Rüdiger Safranski: "Romantik". Eine deutsche Affäre. Hanser Verlag, München 2007. 414 S., geb., 24,90 [Euro].