12.10.2008 · Mein Name ist Stefan, und ich bin Prokrastinator. Ich schiebe Dinge bis zur letzten Minute auf, und das nicht nur als Redensart. Ich habe es geschafft, meine Diplomarbeit nach vielen Monaten Arbeit (in denen ich meine Wohnung mehrmals auf- und umgeräumt habe) exakt eine Minute vor dem Abgabeschluss einzureichen, ...
Mein Name ist Stefan, und ich bin Prokrastinator. Ich schiebe Dinge bis zur letzten Minute auf, und das nicht nur als Redensart. Ich habe es geschafft, meine Diplomarbeit nach vielen Monaten Arbeit (in denen ich meine Wohnung mehrmals auf- und umgeräumt habe) exakt eine Minute vor dem Abgabeschluss einzureichen, nach einer durchgearbeiteten letzten Nacht und einem ausgeklügelten Zeitplan, der zwar berücksichtigte, dass mein Drucker nur drei Seiten pro Minute produzierte, aber nicht, dass ihm nach fünfzig Minuten die Tinte ausgehen könnte und die Tintenpatronenhändler in der Gegend so rücksichtslos sein könnten, ihre Läden nachts zu schließen. Am Vorabend von Geburtstagen von Freunden treffen Sie mich zuverlässig gegen 17.30 Uhr in der Menschenschlange vor der Post und können später hören, wie ich mit der Frau hinter dem Schalter diskutiere, mit welcher Versandform ich die Chancen erhöhe, dass das Geschenk doch noch am nächsten Tag ankommt. Und Sie müssen mir glauben, dass es nicht nur ein billiger, naheliegender Gag ist, dass ich diesen Artikel im Morgengrauen wenige Stunden vor Redaktionsschluss schreibe, weil es gestern Abend irgendwie noch nicht dringlich genug war (und ja auch andere Dinge erledigt werden mussten: aufräumen, die Sender im Fernseher neu einstellen, auf dem Sofa herumliegen).
Man hat als chronischer Aufschieber einen großen Fundus von leicht gruseligen Nichtmachgeschichten, mit denen man seine Umgebung unterhalten kann. Dabei ist die Sache eigentlich tragisch - jedenfalls für all die, die nicht nur das Spülen und Müllraustragen mal auf morgen vertagen. Zu den ernsten Formen des fortgeschrittenen Aufschiebens, das sich Prokrastination nennt, gehört die Unmöglichkeit, potentiell unangenehme Post zu öffnen. Das ist eine offenkundig unsinnige Strategie, nicht nur finanziell, sondern auch emotional: Wenn einen der Brief vom Finanzamt wochenlang schmollend vom Schreibtisch aus ansieht oder bleischwer in der Tasche liegt, in der man ihn vom Büro nach Hause und wieder zurück trägt. Die Lebensqualität leidet unter den täglich dramatischeren Szenarien im Kopf, wie schlecht die Nachrichten wohl sind, die in dem Brief (oder seinem längst eingetroffenen Nachfolger) stehen. Der kurze Moment des Glücks, wenn sich nach dem Öffnen herausstellt, dass sich die Verzugsgebühren dann doch nur auf eine drei- und nicht fünfstellige Summe addiert haben, ist ein schwacher Ausgleich für all die selbstinduzierte Leidenszeit. Das sind dann die Geschichten, die man eher für sich behält, schon aus dem Wissen, dass all die organisierten Menschen, welche die Welt zu bevölkern scheinen, natürlich recht haben, wenn sie die Dinge sofort erledigen, einem dieses Wissen aber überhaupt und gar nicht dabei hilft, das selbst hinzubekommen.
Das ist die wichtigste Funktion, die das Buch "Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin" von Kathrin Passig und Sascha Lobo erfüllt: dem Aufschieber, der überzeugt ist, in seiner scheinbaren Lebensunfähigkeit ein extremer Einzelfall zu sein, das Gefühl zu geben, dass er nicht allein ist. Im Gegenteil: Anscheinend ist die Welt voll von solchen scheinbar hoffnungslosen Fällen.
Echte Abhilfe haben Passig und Lobo natürlich kaum zu bieten, außer dem Rat, sein Schicksal zu akzeptieren und dessen Vorteile zu erkennen. "Dinge nicht geregelt kriegen - und sich gut dabei fühlen", wäre der treffendere Titel. Gut gelaunt wandern sie auf dem schmalen Grat zwischen gewolltem Schönreden dessen, was nicht zu ändern ist (ganz sicher jedenfalls nicht durch die vielen Ratgeber, die nach dem Motto "Mehr Selbstdisziplin durch Selbstdisziplin" funktionieren), und tatsächlich erhellenden und tröstenden Argumenten. In schlechteren Momenten wirkt das etwas angestrengt, wenn etwa der sowjetische Offizier, der 1983 die Welt rettete, weil er bei einem scheinbaren Angriff der Amerikaner, der sich später als Fehlalarm herausstellte, nicht sofort den atomaren Gegenschlag auslöste, als ultimatives Beispiel für den Vorteil des Aufschiebens dienen muss.
Meistens aber erkunden sie mit einer Lust an albern vorgetragenen Klugheiten und klug vorgetragenen Albernheiten die wundersame Welt der Prokrastination - und lesen Anekdotisches und Wissenschaftliches vom Wegesrand auf. Sie erkunden Studien, die belegen, wie schon die bloße Existenz einer Deadline die Wahrscheinlichkeit verändert, eine Sache rechtzeitig zu erledigen. Sie schlagen praktische Aufgaben vor wie die, sich auf Bahngleise zu setzen und rechtzeitig aufzustehen, bevor der Zug kommt. ("Diese Übung vermittelt ein Gefühl für das Tempo, in dem die Deadline herannaht, auch wenn vorher lange Zeit gar nichts passiert ist.") Und sie setzen Wolfgang Koeppen ein Denkmal, dem größten aller Aufschieber: Der Schriftsteller hat von 1959 bis zu seinem Tod 1996 den Verleger Siegfried Unseld mit der Abgabe eines versprochenen Romans vertröstet. 1961 schrieb er: "Ich bin jetzt soweit, zu sagen, dass ich den ersten Band des größeren Romans nicht vor Ende März fertig haben werde." 1966: "Manuskript? Ja. Juni. Ende Juni." 1971: "Ich werde Ende April fertig sein, aber diesmal werde ich fertig sein." 1992: "Das Versprechen 01. Februar lässt sich nicht halten. Ich bleibe aber dran." Der Roman erschien nie.
Es wäre ein Missverständnis, "Dinge geregelt kriegen" als Plädoyer für das Aufschieben als Lebensform zu lesen. Es ist ein schlaues Wohlfühlbuch für alle, die sich diese Lebensform nicht ausgesucht haben, sondern von ihr ausgesucht wurden. Passig und Lobo haben sogar gute Argumente gefunden, warum die Gesellschaft als Ganzes von den Aufschiebern profitiert: Diese günstigen Frühbucherrabatte, nur zum Beispiel, werden erst dadurch möglich, dass die ganzen Prokrastinierer die horrenden Aufschläge fürs In-letzter-Sekunde-Buchen zahlen; und dass das Gesundheitswesen noch nicht zusammengebrochen ist, liegt auch daran, dass die vielen Aufschieber es nur dann in Anspruch nehmen, wenn der Arzt schon zu einem kommt, mit Blaulicht.
Ein bisschen trübt es den Lesegenuss natürlich, wenn man - wie ich - Sascha Lobo ganz gut persönlich kennt (er verbrachte viele Stunden kaffeetrinkend in meinem Büro und schob das Aufschieben eines Buches über das Aufschieben auf). Nach den vielen Seiten, wie man perfekt prokrastiniert, bleibt das Kapitel darüber, wie man mit anderen Prokrastinierern umgeht, enttäuschend vage. Bis Mitte August wollte Lobo ein Konzept für ein gemeinsames Projekt fertig haben. Aber bis morgen, sagt er, schaffe er es auf jeden Fall.
STEFAN NIGGEMEIER
Kathrin Passig, Sascha Lobo: "Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin". Rowohlt Berlin, 288 Seiten, 19,90 Euro
Das Blog zum Buch: www.prokrastination. com