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Edward. O. Wilson: Die Einheit des Wissens : Ich versteh' von allem was

Bild: C. H. Beck Verlag

Alles Biologie: Edward O. Wilson lässt sich von szientistischen Naherwartungen hinreißen und bringt dabei einiges durcheinander.

          Glaubensbekenntnisse sind keine Argumente. Werden sie trotzdem dafür gehalten, läuft es in gravierenden Fällen darauf hinaus, daß ernstzunehmende Argumente und Thesen gar nicht erst zustande kommen. Ein solcher Fall ist Edward O. Wilsons Buch über "Die Einheit des Wissens". Wilsons Credo lautet, daß "alle greifbaren Phänomene, von der Sternengeburt bis hin zu den Funktionsweisen von gesellschaftlichen Institutionen, auf materiellen Prozessen basieren, die letzten Endes auf physikalische Gesetze reduzierbar sind, ganz egal, wie umständlich oder lang ihre Sequenzen sind". Die physikalischen Gesetze, an die Wilson denkt, sind solche der fundamentalen Art: Zuletzt wird sich alles auf diese "eigentlichen" Gesetze zurückführen lassen, auf das Vokabular einer grundlegenden Physik.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Das funktioniert bekanntlich nicht, weder in den Naturwissenschaften selbst noch in den Geisteswissenschaften: Wer etwa die Plattentektonik aus der Quantenelektrodynamik gewinnen möchte, wird sich ebenso schwertun wie derjenige, der sich bemüht, die Eigenart der Sonnette von Shakespeare aus den Befunden der Hirnforschung abzuleiten, die ihrerseits nicht in der Sprache der physikalischen Standardtheorie formuliert sind. Das weiß Wilson zwar, aber es hält ihn nicht davon ab, diesen Reduktionismus als das Telos der Entwicklung in den Wissenschaften zu postulieren - unbeeindruckt auch davon, daß gelingende vertikale Reduktionen auf eine tieferliegende Theoriestufe in der Wissenschaft ziemlich seltene Ausnahmen sind und nicht die Regel, die vielmehr in horizontalen Verknüpfungen besteht.

          Worum es „eigentlich“ geht

          Nun kann man mit solchen kruden Formen von Reduktionismus leben, solange sie Hintergrundüberzeugungen von wissenschaftlichen Praktikern bleiben, die sich ansonsten halbwegs an die Standards ihres Metiers halten. Schiefe Verallgemeinerungen von handlichen Berufsideologien gibt es häufig, und die Stabilität der Institution Wissenschaft kommt gerade darin zum Ausdruck, daß es auf sie glücklicherweise nicht ankommt. Doch bei Wilson wird diese Berufsideologie, die man getrost beiseite lassen könnte, zur Hauptsache.

          Sie wird es deshalb, weil Wilson sein physikalistisches Credo als Argument dafür ins Feld führt, daß alle wissenschaftlichen Disziplinen auf einen einzigen Erklärungsansatz zusammenschnurren sollen. Und das geht so: Weil doch offensichtlich alle Gegenstände Teile eines einzigen, lückenlosen kausalen Zusammenhangs sind, müssen wir nur diesen kausalen Zusammenhängen folgen, um endlich die "Einheit des Wissens" herzustellen. Anthropologie, Psychologie und Biologie befassen sich zum Beispiel unter verschiedenen Perspektiven mit menschlichem Verhalten. Da aber nun einmal klar ist, daß es "eigentlich" um ein kausales Kontinuum geht, in dem alle komplexen Phänomene letztlich auf elementare Ursachen zurückgeführt werden können, sind diese verschiedenen Perspektiven letztlich auch nur Facetten einer einzigen "harmonisierten" Erkenntnis.

          Zwei Paar Schuhe

          Die Prämisse lautet also: Alle Gegenstände und Phänomene, aber nun wirklich alle, lassen sich über kausal vermittelte Zwischenstufen von zunehmender Komplexität von einem elementaren Gegenstandsbereich und seinen Gesetzen aus einsichtig machen; die Beschreibungen von Handlungen ebenso wie Prozesse der Vergesellschaftung oder die Entwicklung von Kunstgattungen. Das ist nun keine irgendwie testbare oder auch nur einlösbare Hypothese, sondern eine metaphysische Behauptung der denkbar grandiosen Art. Dazu läßt sich immerhin eines sagen: Nichts in unserer wissenschaftlichen und alltäglichen Weltbewältigung spricht dafür. Daß die Hypothese bisher durch keinen einzigen Beweis widerlegt ist, worauf Wilson allen Ernstes triumphierend hinweist, ist dagegen trivial.

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