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Edward. O. Wilson: Die Einheit des Wissens : Ich versteh' von allem was

Kalkulierte Unschärfe

Wenn Wilson wenigstens ein geschliffen argumentierender Naturalist wäre, dann könnte man über seine Prognosen immerhin streiten. Aber dazu reicht die begriffliche Disziplin bei ihm nicht hin, auch wenn er sich auf "das Schwert der Naturwissenschaft" beruft. Seine Ausführungen über die "epigenetischen Regeln" menschlichen Verhaltens, die für den "kollektiven Einfluß von Erbmaterial und Umwelt" stehen, kann man stellenweise geradezu als Strategie kalkulierter Unschärfe lesen: Immer dann, wenn der Verdacht des genetischen Determinismus allzu aufdringlich wird, gestattet Wilson sich den salvierenden Verweis auf die "massiven Einwirkungen kultureller Entwicklungen".

Im allgemeinen ist die Unschärfe aber alles andere als kalkuliert. Sie entspricht vielmehr dem Gestus des "ehrlichen Maklers" zwischen den verschiedenen Ansätzen und Disziplinen, als den Wilson sich sieht. Ein Makler, der sich mit Begründungen für die Zurückweisung opponierender Ansichten nicht lange aufhält. Freud zum Beispiel schärfte zwar "die allgemeine Aufmerksamkeit für die versteckten irrationalen Prozesse im Gehirn", lag aber ansonsten einfach ganz daneben. Kants Konzept der praktischen Vernunft ist verwirrend, aber nicht "weil es so tiefgründig ist, sondern einfach, weil es falsch ist. Denn wie wir heute wissen, stimmt seine Aussage nicht mit den Nachweisen über die Funktionsweisen des Gehirns überein". Das klingt zwar infam, ist aber nur borniert.

Beachtliche Ignoranz

Von solcher Borniertheit legt Wilson in seinem Buch reichlich Zeugnis ab. Eigentlich reicht es schon zu sehen, was er aus seinen Abstechern in andere Disziplinen und Bereiche so alles mitbringt, um die richtige Vorstellung von diesem "Makler" zu bekommen. Halten wir uns gar nicht erst lange damit auf, daß er bei seiner Suche nach Vorläufern seines Einheitsideals nebenbei Rousseau die Losung "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" unterstellt und die deutschen Romantiker "unter der Führung von Goethe, Hegel, Herder und Schelling" antreten läßt. Abschreibefehler können schließlich jedem unterlaufen.

Interessanter ist schon die Bestimmung des Dekonstruktivismus als Technik der Literaturinterpretation, "die davon ausgeht, daß die Absichten eines Autors ausschließlich für ihn erkennbar sind". Dafür bekommt man allerdings eine runde Definition von Kunst, von der die Dekonstruktivisten nur träumen können: Sie ist nämlich "das Mittel, durch das Menschen mit vergleichbaren Wahrnehmungsvermögen einander Gefühle vermitteln". Nebenbei bringt sie übrigens auch noch "Ordnung und Sinn in das Chaos des Alltags".

Ein Bärendienst

Die deutsche Fassung tut dann noch das Ihrige hinzu, um Wilsons ungeschickten Resümees zusätzliche Glanzlichter aufzusetzen. Wenn er etwa die emphatische Schlußwendung des Manifests des Wiener Kreises zitiert, liest sich das so: "Das wissenschaftliche Verständnis von Realität dient dem Leben und wird seinerseits vom Leben bedient." Womit dem Leser nicht gut gedient ist, denn der Satz lautet: "Die wissenschaftliche Weltauffassung dient dem Leben, und das Leben nimmt sie auf." Angesichts dessen, was Wilson zum Logischen Positivismus einfällt - er funktionierte nicht, weil seine Vertreter "keine Ahnung von den Funktionsweisen des Gehirns hatten" -, verschlägt das allerdings auch nichts mehr.

Wilson mag es mit seinem Buch gut gemeint haben. Nur reicht das leider genauso wenig wie die Gefühle in der Kunst. So hat er jenen Wissenschaftlern, die sich mit mehr Umsicht, begrifflicher Klarheit und Takt um Verbindungen zwischen Geistes- und Naturwissenschaft bemühen, einen wahren Bärendienst erwiesen. Als akzeptable wissenschaftliche Sühne für seine missonarisch-visionären Verirrungen bleibt ihm eigentlich nur, sein nächstes Buch wieder den Ameisen zu widmen. Bei ihnen kennt er sich nämlich wirklich aus.

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