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Ed Yongs „Winzige Gefährten“ : Wir sind die Mikroben

Kommt Zeit, kommt Keim: Das Mikrobiom steuert uns. Bild: Shutterstock

Goldrausch im wilden Gewimmel der Keime: Ed Yong taucht in die Welt der Mikroben ein und beschreibt sie als Quertreiber und Architekten unseres Daseins. Muss das sein?

          Die erste Reaktion ist – hört das denn gar nicht auf? Muss man Mikroben unbedingt auch noch ins Herz schließen, wo sie im Darm als „Superorganismus“ schon gefühlt Jahrzehnte ihren Charme spielen lassen? Müssen wir es wirklich ertragen, wenn Autoren wie der junge Brite Ed Yong, die vollständig auf dem Fundament der aktuellen Forschung stehen, uns Kapitel über Kapitel vom „Lieblingsbakterium“ vorschwärmen und die Herrschaftsstrategien der Mikroben über die lebendige Welt zum evolutionären, quasidarwinistischen Paradigma der Lebenswissenschaften stilisieren?

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die Antwort ist: Ja, sehr wohl, die Beschäftigung mit dem Mikrobiom-Hype ist alles, nur keine verschwendete Zeit. Und das gilt nicht nur für den sensiblen, am besten erforschten Bereich, wo es um unsere Gesundheit geht, sondern eben auch weit darüber hinaus. Ed Yong ist ein bekennender Mikrobenbewunderer, der die Erkenntnisse der mikrobiellen Forschung der letzten beiden Dekaden als pars pro toto nennt und ganz weit ausholt: „Es ist an der Zeit, im Großen zu denken.“

          Die Zahlen und Fakten, die dafür stehen, sind in der Tat atemberaubend. Viele mögen zuerst an die Billionen von Bakterien denken, die unseren Körper besiedeln, drinnen im Darm und den Schleimhäuten und draußen auf der Haut, wo sie zusammengenommen die Zahl unserer sehr viel größeren Körperzellen weit übersteigen. Kiloweise Keime, die unseren Körper ausfüllen und zusammenhalten – buchstäblich nicht nur bauen, sondern auch am Laufen halten. Oder eben nicht, sollte das Mikrobiom gestört sein.

          Sie steuern die Lebensprozesse

          Hunderte von wissenschaftlichen Publikationen haben wir in den vergangenen Jahren gelesen und Tausende übersehen, die diese physiologischen und medizinischen Mirakel des Zusammenwirkens mit diesen mikroskopischen Existenzen zu erklären versuchen. Wir können, wie Ed Yong im ersten Teil seines Buches ausführlich und hochaktuell darlegt, die unterschiedlichen Körper-Geist- und Mikroben-Achsen bis in molekulare Details verfolgen. Aber schon in diesem höchst alltagsrelevanten Teil, in dem er etwa die mutmaßliche Bedeutung von Probiotika für Krankheiten – Autismus beispielsweise – ebenso wie für unsere Gesunderhaltung beschreibt, wird eines deutlich: Noch immer stecken wir ganz früh in der Sammelphase der Mikrobenjäger fest.

          Es wirkt wie ein Goldrausch im wilden Gewimmel der Keime, die uns genauso Freund wie sie uns Feind sind. Man könnte an dieser Dutzende, ja Hunderte Beispiele für diese Mikrobeneuphorie aufzählen, die Ed Yong sehr lebendig und entlang der großen und kleinen Entdeckergeschichten aufschreibt. Man bleibt dennoch oft im Staunen stecken. Kann es wirklich sein, dass die Mikroben alles mitbestimmen – Yong spricht oft gar vom „Steuern“ der Lebensprozesse: von der Entwicklung unseres Gehirns bis zu der Wirkung oder eben dem Versagen von Medikamenten und Nahrungsmitteln?

          Die empirischen Belege dafür sind in der Breite noch dünn, und dennoch: Genau so interpretiert der in Washington lebende Wissenschaftsjournalist den Strom an Daten und Befunden, die aus den Laboren an die Öffentlichkeit dringen. Es ist kein Fetisch für eine Organismengruppe, die Yong offensichtlich antreibt, vielmehr eine Euphorie, wie man sie vor sechzig Jahren in der Molekularbiologie und vor dreißig oder vierzig Jahren durch den Aufbruch ins ökologische Zeitalter spüren konnte: die Erkenntnis nämlich, dass hinter den vermeintlich einfachen linearen Verkettungen in der Natur, ein komplexes, hochdynamisches und für Überraschungen immer wieder gutes Netzwerk steckt, das für sein Funktionieren viele Mitspieler braucht. Für Yong heißt das, kurz gesagt: Bazillen sind die Quertreiber und Architekten unseres Daseins.

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