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Dunphy: Encyclopedia of the Medieval Chronicle Nur Engländer wissen Artus zu begraben

Ob Weltgeschichte oder Dorfannalen: Ein Lexikon führt durch die Chroniken des Mittelalters und weiß sie dabei auf eindrucksvolle Weise mit Leben zu erfüllen.

© Verlag Vergrößern

Wer das Werk geschrieben hat, ist unbekannt. Es mag sich um einen Dominikaner gehandelt haben, vielleicht war es sogar Andreas Hungarus, der Erzbischof der montenegrinischen Stadt Bar. Bekannt ist aber die Entstehungszeit und der Auftraggeber: Im Jahr 1308 hielt Karl von Valois die „Descriptio Europae Orientalis“ in Händen, ein Manuskript, das die Geschichte, die Topographie und die Herrschaftsverhältnisse im Byzantinischen Reich und den Balkanstaaten mit einer gewissen Genauigkeit darstellte - der Verfasser schöpfte aus Quellen, die teils überliefert, teils verschollen sind, und sicherlich auch aus eigenen Recherchen. Seinem Auftraggeber aber, der als Feldherr effizient, als Politiker wenig erfolgreich war, ging es nicht um die Beförderung der Wissenschaft: Er plante einen Feldzug nach Konstantinopel und musste dafür im komplizierten Beziehungsgeflecht Südosteuropas Verbündete suchen. Die Informationen der „Descriptio Europae Orientalis“ sollten diesem Zweck dienen.

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Es gibt viele gute Gründe, eine Chronik zu verfassen oder in Auftrag zu geben: darzustellen, wie alles so gekommen ist, wie es eben ist, zum Beispiel. Oder die Entwicklung gleichzeitig mit der Darstellung auch zu erklären. Oder alles historisch gewachsene Wissen zu einem Gebiet auszubreiten. Oder sogar auf Künftiges vorauszudeuten.

Weltgeschichte neben lokal orientierten Abhandlungen

Damit entfernt man sich freilich gründlich vom heutigen Verständnis, was eine Chronik sein sollte, und nähert sich einem im Mittelalter fundierten an. Denn die Vorstellung, dass etwa die Weltgeschichte einem bestimmten Plan folge, dessen Anfang - die Schöpfung - und Ende - das Jüngste Gericht - bereits vor Anbeginn der Zeit festgestanden hätten, ist das Vorrecht einer Epoche, in der die Bibel eine wesentliche Quelle für Chronisten darstellt und auch genuin literarische Texte selbstverständlich in den Abriss der Weltgeschichte mit einfließen.

Den mittelalterlichen Chroniken ist ein großes, englischsprachiges Lexikon in zwei Bänden gewidmet, das der Regensburger Mediävist Graeme Dunphy herausgegeben hat. Eine Vielzahl von Beiträgern untersucht dabei alles, was irgend in das Raster passt, vom kleine Fragment der „Canterbury Cathedral Chronicle“ bis zur voluminösen Schedelschen Weltchronik, stellt lateinische Texte neben volkssprachliche, kunstvoll gereimte neben in Prosa verfasste, Weltgeschichten neben lokal orientierte Abhandlungen, Glaubhaftes neben Wunderfabeln, erhaltene neben solche, die sich nur ungefähr aus anderen rekonstruieren lassen. Und wo sich ein Solitär wie der berühmte Teppich von Bayeux als Chronik der normannischen Eroberung Englands anbietet, erhält auch er einen eigenen Eintrag - und demonstriert in schöner Weise die Offenheit, mit der diese Enzyklopädie den Begriff der mittelalterlichen Chronik für sich mit Leben füllt.

Redliche Diskussion über König Artus

Allerdings stellt sich dabei nicht nur aus heutiger Perspektive das Problem, wie zwischen der guten Geschichte und dem tatsächlich Geschehenen zu unterscheiden sei - oder auch: den Grad an Erfindung, an literarischer Formung in der Überlieferung zu bestimmen. Etwa, wenn es um König Artus geht, eine literarische Gestalt also, bei der bis heute umstritten ist, ob sie auf eine historische Persönlichkeit zurückgeht oder nicht - und wenn ja, wie diese Gestalt beschaffen gewesen sein könnte. Das entsprechende Lemma „Arthurian Material“ beginnt dann auch geradezu salomonisch: „Erwähnungen Arthurs finden sich hauptsächlich in Chroniken, die in England entstanden sind, wo die Leser eher als auf dem Kontinent bereit waren, Arthur als historische Persönlichkeit zu akzeptieren.“ Andernorts werden - auch dies demonstriert der Eintrag - eben keine Grabplatten mit Hinweis auf Artus, den einstigen und künftigen Königs gefunden wie 1191 im englischen Glastonbury, sondern die um ihn rankenden Geschichten primär, wenn auch keineswegs ausschließlich, als Fabel aufgefasst.

Denn als wäre die redliche Diskussion der einzelnen Texte nicht genug, enthält diese Enzyklopädie noch eine Fülle von Lemmata, die sich werkübergreifenden Themen widmen. Sie können inhaltsbezogen sein wie eben „Arthurian Material“, können bestimmte Wissensgebiete der Chroniken skizzieren wie etwa im Lemma „Cartography and geographical excurses“ oder wie im Lemma „Author portraits“ den Eigenheiten in den Strukturen der Handschriften folgen.

Die Essenz Hunderter von Dissertationen

Dass in die beiden Bände dieser Enzyklopädie jedenfalls die Essenz Hunderter von Dissertationen eingeflossen ist, teilt sich rasch mit. Und umgekehrt fragt man sich beim Blättern, wie man nur bisher an derart abenteuerlichen Texten vorbeigehen konnte: an der Darstellung eines Galbert von Brügge, der den Mord an Graf Karl von Flandern im März 1127 und die Folgen beinahe tagebuchartig darstellt (“Galbert was a skillful raconteur with a sense for drama and irony“, schreibt der Bearbeiter Bert Demyttenaere). Am Werk des ägyptischen Historikers Ibn al-Furãt (1335 bis 1405), am „Chronicon Zagrabinse“, das die Ereignisse in Ungarn zwischen 1093 und 1354 referiert, und dergleichen mehr. Und man darf annehmen, dass diese Enzyklopädie wiederum die eine oder andere Dissertation anregen wird.

Nur Karl von Valois hatte offenbar nicht allzu viel von der Fleißarbeit des unbekannten Chronisten. Sein Feldherr, den er Richtung Osten schickte, eroberte immerhin Euböa, seine Verbündeten aber wandten sich anderen Zielen zu, so dass die Sache für Karl im Sand verlief. Wir aber besitzen heute eine reizvolle Schilderung des Balkans im frühen vierzehnten Jahrhundert.

„Encyclopedia of the Medieval Chronicle“. Hg. von Graeme Dunphy. Brill Academic Publishers, Leiden 2010. 2 Bde., zus. 1832 S., geb., 399 Euro.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 03.08.2011, 17:05 Uhr