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Der neue „Duden“ im Praxistest : „Volksverräter“ bleibt draußen

  • -Aktualisiert am

Ein Blick auf die jüngste Auflage des „Duden“ offenbart einige Neuerungen. Bild: Frank Röth

Ziemlich viele neue Wörter. Aber auch ziemlich viele alte, die vor kurzem noch ganz neu waren: Was lernt man eigentlich aus der groß angekündigten jüngsten Auflage des „Duden“?

          „Fake News“ gehört zu den 5000 neuen Wörtern, die in die gerade erschienene siebenundzwanzigste Auflage des Rechtschreib-Dudens aufgenommen wurden. Der Ausdruck, so erfährt man, bezeichnet „in manipulativer Absicht verbreitete Falschmeldungen“. Ein schönes Beispiel für Falschmeldungen – wenn auch nicht in manipulativer Absicht – lieferte der mediale Rummel, den das Erscheinen der Duden-Neuauflage entfachte. So las man, dass zu den „rechtspopulistischen Propagandabegriffen“, die Aufnahme in den neuen Duden gefunden hätten, neben „Lügenpresse“ auch „Volksverräter“ gehöre. Doch während die „Lügenpresse“ tatsächlich als Stichwort verzeichnet ist, findet man „Volksverräter“ im neuen Duden nur auf der Innenseite des hinteren Buchdeckels in der Liste der „Unwörter“, in die der Ausdruck im vergangenen Jahr gelangte.

          Über die Frage, warum der angekündigte „Volksverräter“ es doch nicht in den Duden geschafft hat, gab es gleich Spekulation. Habe jemand in der Duden-Redaktion die Notbremse gezogen, weil es eindeutig um ein „Naziwort“ handle? Doch wer über den Duden-Rand hinausschaut, stellt schnell fest, dass die Begriffskarriere des „Volksverräters“ bereits während der Französischen Revolution begann. „Die öffentliche Meinung verurteilt, noch schneller als das Revolutionstribunal, jeden Volksverräter“, schrieb der Jakobiner und Weltreisende Georg Forster. Auch Georg Büchner geißelte die Volksverräter und Gottfried Kellers republikanischer Schneidermeister Hediger macht Jagd „auf Aristokraten und Jesuiten, auf Verfassungsbrecher und Volksverräter“.

          Auch „Ick“ und „Icke“ gehören nun dazu

          Vor diesem Hintergrund mag man es bedauern, dass das Wort nicht in den Duden gelangt ist, denn die Wortgeschichte wirft ein interessantes Licht auf die Quellen, aus denen sich der Populismus in seinen verschiedenen Spielarten speist. Eine so informierte Sprachkritik wäre gewiss erhellender als der Abwehrzauber durch den Bannstrahl der „Unwort“-Richter. Allerdings könnte der neue Rechtschreib-Duden eine solche Sprachaufklärung nicht wirklich leisten. Im Kern nämlich ist dieses Buch das geblieben, was es zu Konrad Dudens Zeiten war und was auch der Titel verheißt: ein vornehmlich orthographisches Nachschlagewerk.

          Die 27. Auflage ist für manche Überraschung gut.
          Die 27. Auflage ist für manche Überraschung gut. : Bild: Verlag

          Die knappen semantischen Angaben und die noch spärlicheren historischen Informationen machen ihn nicht zu einem Bedeutungswörterbuch. Wer zum Beispiel das neu aufgenommene Wort „Ick“/„Icke“ nachschlägt, bekommt den Eindruck, dass es sich um einen Berliner Ausdruck handelt, der in die allgemeine Umgangssprache gelangt ist. Dass es in Wirklichkeit ein plattdeutsches Wort ist, das sich – zusammen mit „dit“ und „kieken“ – im Berliner Stadtdialekt gehalten hat, erfährt man nicht. Freilich erhebt der Verlag offiziell auch gar nicht den Anspruch, mit dem Rechtschreib-Duden ein umfassend informierendes Wörterbuch zu liefern. Aber er erweckt diesen Eindruck, indem er werbewirksam die sprachpolitische Bedeutung der alle paar Jahre erscheinenden Neuauflagen suggeriert. Ein großer Teil der neuen Wörter gelangt nur wegen ihrer öffentlichen Resonanz, nicht etwa aus orthographischen Gründen, in den Duden: Wie „Kopftuchstreit“, „Lügenpresse“ oder „Schmähgedicht“ geschrieben werden, weiß schließlich jeder, der die Bestandteile dieser Zusammensetzungen schreiben kann.

          Beim medialen Auftrieb, den jede Neuauflage zuverlässig hervorruft, geht es vor allem darum, welche Wörter neu aufgenommen wurden – als würden sie erst durch dieses Gütesiegel öffentliche Bedeutung, ja ihren Existenznachweis erhalten. Mittlerweile sieht sich die Redaktion schon genötigt, darauf hinzuweisen, dass auch Wörter, die nicht im Duden stehen, durchaus gebräuchlich und sogar korrekt sein können.

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