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: Du sollst töten

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Darf man das? Über das schlimmste Leiden in Ich-Perspektive schreiben, ohne dass man es selbst erlebt hat? Man kann und darf es. Zumindest dann, wenn man es so macht wie Uzodinma Iweala in seinem ersten Roman über einen afrikanischen Kindersoldaten. Vor drei Jahren wurde "Du sollst Bestie sein!" (im Original: "Beasts of no nation") in den Vereinigten Staaten als Sensation gefeiert.

          Darf man das? Über das schlimmste Leiden in Ich-Perspektive schreiben, ohne dass man es selbst erlebt hat? Man kann und darf es. Zumindest dann, wenn man es so macht wie Uzodinma Iweala in seinem ersten Roman über einen afrikanischen Kindersoldaten. Vor drei Jahren wurde "Du sollst Bestie sein!" (im Original: "Beasts of no nation") in den Vereinigten Staaten als Sensation gefeiert. Das Debüt des damals dreiundzwanzigjährigen Harvard-Studenten beeindruckte die Kritiker weniger wegen seines skandalträchtigen Themas als aufgrund seiner ungewöhnlichen Sprache.

          Denn Agu, der neunjährige Ich-Erzähler des Romans, bilanziert sein soldatisches Martyrium in einem eigenwilligen Singsang aus einfachen, lautmalerischen Beschreibungen. Es ist der traurigste Singsang, den man sich für einen Jungen vorstellen kann. Eine dem Augenblick verhaftete Ballade der Angst, der Schuld und des Sterbens, so grausam, dass Agu sie hastig erzählt und dabei immer wieder Artikel und Wortendungen verschluckt. "It's starting like this", beginnt er seinen Bericht im Original, "I am feeling itch like insect is crawling on my skin (. . .) and I am hearing so many thing: (. . .) and then the sound of somebody shouting TAKE YOUR POSITION RIGHT NOW!"

          Iweala, der in Washington aufgewachsene Sohn einer nigerianischen Politikerin, lässt seinen Ich-Erzähler nicht ohne Grund viel "Present Progressive" benutzen: die englische Verlaufsform der Gegenwart. Sowenig Agu das erlebte Grauen überwunden hat, so wenig kennt seine Chronik grammatikalisch die Vergangenheit. Stattdessen versetzt er den Leser mitten in die Hölle eines Krieges, der im Kopf des Erzählers nie aufgehört hat, auch wenn er schon lange nicht mehr in den Kampf ziehen muss.

          Für Agu sind die Massaker, die Vergewaltigungen, die Toten und die blindwütigen Zerstörungen aktuell. Und er erzählt davon, als würde alles gerade erst wieder geschehen. Wie aber übersetzt man einen solchen, eigentlich unübersetzbaren Bericht? Marcus Ingendaay hat das Beste aus der Unmöglichkeit gemacht, indem er Agu ein schnoddriges, kumpelhaftes Präsens in den Mund legt. "Das fängt so an", beginnt seine deutsche Übersetzung. "Mich juckt's, wie wenn Insekten auf meiner Haut krabbeln. (. . .) Ich hör' so viel Sachen auf einmal: (. . .) und dann, wie einer brüllt ALLE MANN ABSITZEN UND SICHERN!"

          Agu ist zu jung und vor allem zu traumatisiert, um das, was ihm angetan wurde, im Nachhinein einordnen zu können. Also bewertet er in seinem Report so gut wie gar nichts, sondern beschränkt sich weitgehend darauf, rein faktisch nachzuerzählen, wofür ihm das Verständnis fehlt. Bei den schlimmsten Verbrechen aber versagen ihm selbst die einfachsten Worte. Da muss Agu dann hilflos auf Comic-Ausdrücke zurückgreifen. Und spricht von "Kawudd" oder "Katschakk". Harmlos klingende Kraftausdrücke, die an das "Zosch!" oder "Krawumm!" aus Mickey-Maus-Heften erinnern - und doch nichts Geringeres als den Sound des Tötens nachahmen.

          "Kawudd" machte es, wenn Agu jemandem auf die Brust sprang, bis derjenige Blut spuckte. "Katschakk" machte es, wenn er mit seiner Machete auf wehrlose Menschen einhackte. Wie alle Kindersoldaten ist auch Iwealas Erzähler Opfer und Täter zugleich. Nachdem sein Dorf in einem nicht näher spezifizierten Bürgerkrieg irgendwo in Westafrika von Rebellen gestürmt wurde - und die Angreifer seinen Vater vor Agus Augen umgebracht haben, stellt ein "Kommandant" den Neunjährigen vor die Wahl: Entweder er schließt sich den Rebellen an, oder er muss ebenfalls sterben.

          Für ein Gewehr ist Agu noch zu klein, also bekommt er eine Machete. "Gar nicht drüber nachdenken", rät ihm ein "Leftenant" der Truppe vor dem ersten Tötungsauftrag. Der Zwangsrekrutierte soll einen weinenden, knienden Mann niedermetzeln. Hier muss der Kommandant dem zitternden Jungen noch die Hand führen, während die anderen Soldaten lachend danebenstehen. Doch schon bald nehmen Agus Hemmungen zu "killen" ab. Aus dem Lehrersohn, der vor dem Krieg gern in der Bibel gelesen hat, wird ein skrupelloser Auftragsmörder, der - angeheizt durch die Droge "Gun-Juice" - auch bei Frauen und Mädchen kein Erbarmen kennt, obwohl sie ihn an seine geflohene Mutter und Schwester erinnern. Einmal meint Agu im Blutrausch sogar: "Ich mag das Geräusch, wenn Machete in Fleisch hackt."

          Dennoch fühlt man erstaunlicherweise durchgehend Mitleid mit Iwealas Kindersoldaten, weil der Autor ohne Voyeurismus und Effekthascherei zeigt, wie aus dem eigentlich gottesfürchtigen Jungen ein "Teufel" werden konnte. Agu hungert, muss auf dem Boden schlafen, wird vom Kommandanten vergewaltigt und schikaniert. Ein beispielhaftes Schicksal für die nach UN-Schätzungen 300 000 Kindersoldaten weltweit, das Iweala aus mehreren Erfahrungsberichten ehemaliger Rekruten zusammengesetzt hat. Nur die Erinnerung an seine Familie und der Traum, später einmal Ingenieur oder Arzt zu werden, halten Agu bis zuletzt aufrecht. Eine Erlösungsphantasie, die allerdings trotz seiner späteren Rettung kaum Chancen auf Verwirklichung hat. Denn: "Ich hab' mehr schlimme Sachen gesehn als zehntausend Leute zusammen. Ich hab' mehr schlimme Sachen gemacht als zwanzigtausend zusammen." Und so viele Dämonen, das ahnt auch er, wird man sein Leben lang nicht wieder los.

          GISA FUNCK

          Uzodinma Iweala: "Du sollst Bestie sein!" Aus dem Englischen von Marcus Ingendaay. Ammann Verlag, Zürich 2008. 160 S., geb., 18,90 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.04.2008, Nr. 101 / Seite 42

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