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: Dreifaltig lächelt Gott über die Einfalt seiner Leugner

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Ist Augustins Werk über die Dreieinigkeit Gottes und seine Nachwirkung ein Thema von so großer geistesgeschichtlicher Bedeutung, dass man ihm mehr als sechshundert Seiten widmet? Wo doch die Trinitätslehre von vielen Gebildeten bestenfalls als antiquiert belächelt, schlimmstenfalls als irrational ...

          Ist Augustins Werk über die Dreieinigkeit Gottes und seine Nachwirkung ein Thema von so großer geistesgeschichtlicher Bedeutung, dass man ihm mehr als sechshundert Seiten widmet? Wo doch die Trinitätslehre von vielen Gebildeten bestenfalls als antiquiert belächelt, schlimmstenfalls als irrational und obskurantistisch verlästert wird? Der katholische Kirchenhistoriker Roland Kany ist entschieden dieser Meinung, und wer sich durch sein Buch hindurchgearbeitet hat, wird ihm uneingeschränkt zustimmen: "De trinitate" ist ohne Zweifel die einflussreichste Erörterung der Gottesfrage im Abendland, und sie ist es zu Recht.

          In den ersten elf Kapiteln erklärt Kany anhand einer Darstellung der Erforschung von "De trinitate", warum das so ist, und bietet darüber hinaus im fast monographisch angelegten Schlusskapitel eine Neuinterpretation von Augustins Denken über Gott, an der künftige Forschergenerationen nicht mehr vorbeikönnen. Handwerkliche Voraussetzung hierfür ist eine bewundernswerte Belesenheit: Kany demonstriert eindrucksvoll, warum die Kirchengeschichte derzeit (neben der Bibelwissenschaft) zu den international am besten vernetzten Geisteswissenschaften zählt, denn er lässt Literatur in gut einem Dutzend Sprachen Revue passieren. Dies schließt auch und insbesondere die angelsächsische Rezeption ein, die Kany vermutlich besser kennt als sie sich selbst.

          Die geduldigen Tiefenbohrungen des Münchner Patristikers reichen zurück bis 1841, als der Tübinger Dogmatiker Ferdinand Christian Baur den ersten Band seiner "Christlichen Lehre von der Dreieinigkeit und Menschwerdung Gottes in ihrer geschichtlichen Entwicklung" vorlegte, mit dem nach Kany die "moderne Erforschung" von "De trinitate" beginnt. Von dorther schreitet er die einschlägigen Veröffentlichungen der letzten 160 Jahre in immer neuen Durchgängen ab: Arbeiten zu den geistigen Quellen und Einflüssen in Augustins Werk, Würdigungen im Rahmen von Gesamtdarstellungen des Kirchenvaters, philosophische und dogmengeschichtliche Urteile, Stimmen aus der griechischen und der russischen Orthodoxie. Kany wandert über die Höhenzüge der schulbildenden systematischen Entwürfe eines Karl Barth, Karl Rahner, Hans Urs von Balthasar, Jürgen Moltmann und Wolfhart Pannenberg, deren trinitätstheologische Neuaufbrüche er in bewundernswerter Unerschrockenheit dort kritisiert, wo er Augustin missverstanden sieht. Und er watet durch die Niederungen der "Radical Orthodoxy" eines John Milbank und seiner Anhänger, mit deren hochfahrender Ignoranz er begründet kurzen Prozess macht.

          Zu den Ergebnissen dieser Erkundungsreise zählt die doppelte Erkenntnis, dass manche Verhärtungen in den dogmatischen Auseinandersetzungen zwischen der lateinischen Christenheit und den orthodoxen Kirchen auf (beiderseitiger) ungenauer Lektüre Augustins beruhen, dass es aber auch vermehrt "Anzeichen einer subkutanen Rezeption des Textes in Byzanz" gibt, und zwar an Stellen, wo man sie nun wirklich nicht erwartet hätte, wie bei dem als "typisch orthodox" und insofern als östlichen Antipoden Augustins geltenden Gregor Palamas.

          Mit großer schriftstellerischer Brillanz umschifft Kany das methodische Problem jeder Metawissenschaft, dass nämlich die darin eingenommene Position "über den Positionen" sich eigentlich selbst zum Gegenstand werden müsste. Statt in unfruchtbare Selbstreflexion zu verfallen, bietet er - sozusagen auf den Schultern der Gelehrsamkeit vergangener Generationen stehend - im letzten Kapitel eine Lektüre von "De trinitate" an, welche die Parameter traditioneller Auslegungen deutlich erweitert. Kany möchte den sich immer weiter vergrößernden Hiat zwischen theologischer und philosophischer Deutung auflösen, der die jüngste Forschung zum Thema prägt. Es gehe darum, "der charakteristisch antiken Synthese von theologischen und philosophischen Aspekten" Rechnung zu tragen und die Einheit von "De trinitate" zu "rehabilitieren".

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