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Bücher über den IS : Wie uns das Kalifat immer wieder überlistet

Soldaten der irakischen Armee versuchen, die Stadt Mossul vom „Islamischen Staat“ zurückzuerobern. Bild: dpa

Die Inszenierung Abu Bakr al Bagdadis, die Krise der Levante und die Überheblichkeit des Westens: Bücher von Joby Warrick, Pierre-Jean Luizard und Philippe-Joseph Salazar helfen, den IS zu verstehen.

          Der Kampf um die Rückeroberung Mossuls gestaltet sich schwieriger, als die Kräfte der irakischen Regierung es vorhergesagt hatten. Noch immer haben sich im Westteil der nordirakischen Stadt Kämpfer der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) verschanzt und setzen sich mit allen Mitteln zur Wehr – Scharfschützen, Sprengfallen, Autobomben. Dennoch dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die Herrschaft der Dschihadisten über die einstige Millionenmetropole Geschichte ist. Die Eroberung Mossuls war die Krönung des Siegeszugs gewesen, den der IS im ersten Halbjahr 2014 vollführt hatte. Ganze Landstriche Syriens und des Iraks brachten die militanten Islamisten handstreichartig unter ihre Kontrolle. Für Mossul benötigten sie nur vier Tage.

          Christian Meier

          Redakteur in der Politik.

          Dort spielte sich am 4. Juli 2014, einem Freitag, eine der denkwürdigsten Szenen der jüngeren islamischen Geschichte ab, als der IS-Anführer Abu Bakr al Bagdadi erstmals an die Öffentlichkeit trat und in der Al-Nuri-Moschee die Wiedererrichtung des Kalifats verkündete, mit sich selbst an dessen Spitze. „Euch erwarten Trübsal und große Schlachten“, stimmte er seine Anhänger auf die zu erwartenden Kämpfe ein und fügte an: „Wahrlich, ihr könnt euer Blut nicht an einem besseren Ort vergießen als auf dem Weg, um die Muslime zu befreien, die hinter den Mauern der Götzenbilder gefangen sind. Also greift zu den Waffen und rüstet euch mit Frömmigkeit!“

          Joby Warrick: „Schwarze Flaggen“. Der Aufstieg des IS und die USA.
          Joby Warrick: „Schwarze Flaggen“. Der Aufstieg des IS und die USA. : Bild: Theiss

          Im Gegensatz nicht nur zu der kriegerischen Rhetorik seiner Predigt, sondern auch zu den Bildern der schwarzgewandeten Horden, die raubend und mordend durch die Region zogen, war die Inszenierung von Bagdadis Auftritt nachgerade zurückhaltend – und dennoch bis ins Detail durchdacht. Auf diesen Umstand weisen sowohl Philippe-Joseph Salazar als auch Joby Warrick hin. Warrick lenkt das Augenmerk auf einige der symbolischen Gesten, die Bagdadi in der Moschee vollzog und die an überlieferte Handlungen des Propheten Mohammed erinnerten: das kurze Verharren auf jeder Stufe, als er die Treppe zur Kanzel emporschritt, die Reinigung des Mundes mit einem Zahnholz, bevor er die Predigt begann.

          Salazar nennt Bagdadis Auftritt rundheraus ein „Meisterwerk“. Er vermerkt „würdiges Auftreten und natürliche Haltung“, lobt die sachliche Eloquenz und bedenkt diejenigen, die für Bagdadis Selbstproklamation nur Spott übrig hatten, mit dem Hinweis, dass der Vorgang sich „jenseits der Begrifflichkeit unserer modernen politischen Rhetorik“ vollzog. „Lästern bringt uns nicht weiter, wir müssen uns um Verständnis bemühen.“

          Pierre-Jean Luizard: „Die Falle des Kalifats“
          Pierre-Jean Luizard: „Die Falle des Kalifats“ : Bild: Hamburger Edition

          Wie muss man den Aufstieg des „Islamischen Staates“ und seines Kalifen Ibrahim also verstehen? Drei neue Bücher zum IS wählen drei unterschiedliche Ansätze: den ereignisgeschichtlichen, den politischen und den rhetorischen. Das umfangreichste und am aufwendigsten recherchierte Werk hat der amerikanische Journalist und Autor Joby Warrick verfasst. Sein Buch „Schwarze Flaggen“, das 2016 mit dem Pulitzer-Preis prämiert wurde, erzählt die Geschichte der Terrorgruppe IS, vor allem aber ihre Vorgeschichte. Dass er ursprünglich eine Biographie des jordanischen Terroristen Abu Musab al Zarqawi schreiben wollte, der bis zu seinem Tod durch amerikanische Bomben im Juni 2006 der „Superstar unter den Dschihadisten“ war, sagt Warrick offen. Dementsprechend benötigt er zwei Drittel seines Buchs, bis er bei der Entstehung des IS aus den Ruinen von Zarqawis „Al Qaida im Irak“ angelangt ist.

          Die liefern eine detaillierte, aus mehreren Perspektiven erzählte und mit zahlreichen Spannungsbögen versehene Schilderung von Zarqawis Aufstieg: von dem Kleinkriminellen, der 1989 nach Afghanistan geht und sich radikalisiert und später in einem Gefängnis am Rande der jordanischen Wüste auf den charismatischen Ideologen Abu Muhammad al Maqdisi trifft (der sich später von Zarqawi abwendet), über den Leiter eines Dschihad-Ausbildungslagers im Nordirak von 2001 an, das von den Amerikanern als Beleg für die terroristischen Aktivitäten Saddam Husseins verwendet wird, bis hin zu dem „Scheich der Schlächter“, der im Post-Saddam-Irak fast im Alleingang einen konfessionellen Bürgerkrieg entfesselt.

          Gegengeschaltet sind die Bemühungen jordanischer und amerikanischer Geheimdienstler und Militärs, dem Dschihadisten das Handwerk zu legen. Die Konzeptlosigkeit der Amerikaner im Irak wird dabei ebenso deutlich wie ihre Ohnmacht gegenüber Zarqawis Strategie des forschreitenden Tabubruchs – er erfindet etwa das Filmen von Hinrichtungen –, die schließlich sogar Kritik der Al-Qaida-Führung hervorruft.

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