12.10.2008 · Drei Punkte lagen Joachim Kaiser von Anfang an am Herzen. Sie haben seinen Aufstieg zum sogenannten Großkritiker der Musik und Literatur seit den fünfziger Jahren begleitet und ihn dabei nicht verlassen. Drei Punkte sind es, die wiederkehren, wann immer er den Stift ansetzt oder einen Artikel diktiert, wie es so seine Art ist.
Drei Punkte lagen Joachim Kaiser von Anfang an am Herzen. Sie haben seinen Aufstieg zum sogenannten Großkritiker der Musik und Literatur seit den fünfziger Jahren begleitet und ihn dabei nicht verlassen. Drei Punkte sind es, die wiederkehren, wann immer er den Stift ansetzt oder einen Artikel diktiert, wie es so seine Art ist. Man findet sie schon im ersten Absatz seiner Adorno-Besprechung aus den "Frankfurter Heften", mit der Kaiser im Juni 1951 diese bundesrepublikanische Karriere beginnt, und genauso in seinem jüngsten Text aus der "Süddeutschen Zeitung" vom 30. September, einer Schubert-Interpretation. Drei Punkte, in schöner Regelmäßigkeit:
Punkt. Punkt. Punkt.
Hinter diesen drei Punkten, mit denen Joachim Kaiser seit fast sechzig Jahren immer wieder Gedanken in seinen Texten auslaufen lässt, hinter . . . also geht die Welt eigentlich noch weiter, das bleibt aber unausgesprochen. Jenseits der drei Punkte tut sich ein Anspielungsreichtum auf, der offenbar so übergroß, unaussprechlich oder glasklar erscheint, dass man, ganz Humanist, besser davon schweigen sollte und sich seinen Teil dabei denkt. Und deshalb lässt Joachim Kaiser, ein gebürtiger Ostpreuße, vertriebener Tilsiter, nichtassimilierter Münchner und linkshändiger Tischtennisspieler, seine Gedanken und Einsichten oft einfach leiser werden und verwehen, wie im Decrescendo: "Immer noch führen Dirigenten Symphonien auf, die wie Krieg beginnen und wie Jahrmärkte enden und gar nichts weiter sind als schlechte Scherze über das uralte per aspera . . ."
So endet der erste Absatz von "Musik und Katastrophe", Kaisers Rezension zu Adornos "Philosophie der neuen Musik". Vermittelt von einer gemeinsamen Freundin, hatte der Göttinger Musikstudent bei einem Abendessen Walter Maria Guggenheim kennengelernt, den Redakteur der "Frankfurter Hefte", die damals noch hundertfünfzigtausend Leser hatten. Guggenheim klagte, dieser "Wiesengrund" habe ein total kompliziertes Buch geschrieben, an das sich kein Rezensent herantraue. Kaiser aber, zweiundzwanzig Jahre alt, ein "kaum gekämmter Jüngling", wie sich ein Freund erinnert, wagte es und schrieb. Danach riefen sie alle an, der Rundfunk, die Zeitungen, und wünschten sich Beiträge dieses Wunderkinds. Von einem Tag auf den anderen war er etabliert. "Seitdem", erinnert sich Joachim Kaiser in seiner Lebensgeschichte, die jetzt unter dem Titel "Ich bin der letzte Mohikaner" erscheint, "habe ich tatsächlich nie mehr berufliche Schwierigkeiten gehabt."
Das wäre eigentlich ein typischer Satz für Kaisers drei Punkte, weil sich danach in der Tat die Welt für ihn öffnete: Freundschaften mit Dirigenten, Musikern, Schriftstellern und Schauspielern, Aufnahme in die Gruppe 47, eine Professur in Stuttgart, "C 4" natürlich, wie Kaiser immer gleich dazuschreibt. Ein rundherum berühmtes Leben samt dem Donnerruf des Meisterkritikers also, der noch heute dazu führt, dass ihn wildfremde Leute auf dem Fahrrad anhalten und fragen, warum Pollini den dritten Akkord aus Chopins Prélude Opus 28 Nr. 20 in Dur spielt, wo es doch eigentlich in Moll komponiert ist. Diesmal aber spinnt Kaiser den Gedanken über seinen rasanten Aufstieg weiter: "Da haben es die jungen Leute heute auf eine geradezu beklemmende Weise schwerer als wir."
Wer ein halbes Jahrhundert später geboren ist als Joachim Kaiser, der hält so eine Kopfsprungkarriere tatsächlich für schwer wiederholbar. Kaiser macht "Überdruss" dafür verantwortlich, das Fernsehen, neue Medien. Aber es sind wohl eher schrumpfende Märkte bei einem Kanon, der im gleichen Maße wächst, wie er überwunden wird. Allein die endlosen Zeilen, der schiere Platz, über die Kaiser verfügen konnte! Sein Adorno-Aufsatz aus den "Frankfurter Heften" würde weite Teile dieser Literaturausgabe von selbst füllen. "Ich bin der letzte Mohikaner", das auf Gesprächen zwischen Kaiser und seiner Tochter Henriette aufbaut, versammelt noch andere ellenlange Rezensionen. Viele mussten dafür gekürzt werden. Sie behandeln große Beckett-Inszenierungen oder neue Bücher seiner Freunde Walser und Grass, das meiste stammt aus der "Süddeutschen Zeitung", deren Redakteur er am 1. Januar 1959 geworden war. Anekdoten, Auszüge, Gespräche, Zitate: Kaisers Biographie ist eher kompiliert als durchgeschrieben, sie ist mehrhändig, vielstimmig, was zum musikalischen Kaiser passt und das Buch angenehm lesbar macht.
Seit Neujahr 1959 hat sich die Welt verändert, Kaisers Gestirne aber sind die immer gleichen geblieben: "Bach, Händel, Haydn, Beethoven, Schubert, Schumann, Brahms, Mozart und Wagner", so zählt er sie auf. Aus der Literatur kommen Goethe und Shakespeare dazu. Beckett taucht ständig auf, genau wie Adorno, bei dem er, auch eine Folge der Rezension, studiert und Likör getrunken hat, und Uwe Johnson, Marcel Reich-Ranicki. Über seinen Freund Max Frisch wollte Kaiser eine Biographie schreiben, aber die ersten siebzig Seiten des Manuskripts wurden ihm in Madrid aus dem Auto geklaut, Kopien gab es nicht, da ließ er es bleiben.
Was ihm Menschen bedeuten, fragt Henriette Kaiser ihren Vater gegen Ende des Buchs. "Mir wird auch immer klarer", antwortet der, "dass mein Leben in einem beinah gespenstischen Maße aus dem Zusammentreffen mit großen Kunstwerken besteht." Das ist das Leitmotiv des Buchs: Kaiser trifft Schuberts Es-Dur-Klaviertrio Opus 100 noch als Kind in Tilsit. Den "Zauberberg" liest er mit dreizehn, vierzehn Jahren. "Ich höre Mahler seit 1950." So geht das immer weiter, Seite für Seite.
Bittet die Tochter ihn dagegen um seine erste, eben gerade nicht kulturelle Erinnerung, beginnt Kaiser vom ostpreußischen Dorf Milken zu erzählen, wo er am 18. Dezember 1928 geboren wurde - um dann aber nach drei Absätzen doch wieder bei der Kammermusik seines Vaters zu landen. Was Kaiser beschäftigt und prägt, muss offenbar durch eine Art Klangprobe gegangen sein. Einmal schreibt er für die "SZ" über Fußball, Bayern München gegen Schalke 04, schließlich wollte er als Junge Sportreporter werden: Er inszeniert das Spiel quasi neu, aber so etwas Gewöhnliches zu erwähnen wie das Ergebnis vergisst er dabei. 5:1 ging die Partie aus. Drei Punkte haben die Bayern trotzdem von ihm bekommen.
Ende der fünfziger Jahre promoviert sich Kaiser in Tübingen über "Grillparzers dramatischen Stil". Immer wieder, sagt er über die Stücke des Wiener Dichters, "zeigen Gedankenstriche einen seelischen Zwiespalt, ein Zögern, eine Relativierung der Aussage an, stellen sie das Gesagte oder das Folgende in Frage, weisen sie auf Diskontinuität, innere Sprunghaftigkeit, Verwirrung, Erschlaffen hin. Der grillparzersche Dialog kennt kein wichtigeres, aber auch kein vieldeutigeres Signal." Dass Kaiser ausgerechnet über Interpunktion schreibt und seine drei Punkte in der Rhetorik wie ein Gedankenstrich funktionieren können, ist bestimmt kein Zufall. Er legt eben allergrößten Wert auf Textsicherheit, auf Werktreue, er sagt: "Wir kennen den Geist des Faust nicht. Aber wir kennen den Buchstaben." Das ist übrigens Kaisers Einwand gegen Regietheater. Das und ein Zitat des Opernregisseurs Jean-Pierre Ponnelle: "Mozart ist der Chef."
Genie, Triumph, Vollendung, Leiden und Größe der Meister, darum kreist Kaisers Biographie. "Wenn meine Generation abgetreten ist, könnte eine gewisse Form des ästhetischen Reflektierens, als hinge Leben und Tod davon ab, aufhören." Kaiser sagt, dass sich die Kunst wie die Medizin "immer detaillierter auf einzelne Körperteile und Funktionen spezialisiert" hat. So etwas beunruhigt aber nur den, der an eine geschlossene Erzählung glaubt. An Hochkultur. An Gestirne, deren Koordinaten man kennen muss, um zu ihnen aufzuschauen, wann immer man Halt sucht, weil sie unverrückbar sind. Dass man aber auch über Ephemeres, Flüchtiges, Unfertiges ästhetisch reflektieren kann, als hinge Leben und Tod davon ab -
Punkt. Punkt. Punkt.
Den Kunstmediziner Rainald Goetz hätte Kaiser gern zur "Süddeutschen Zeitung" geholt, als der noch keine Bücher geschrieben hat, er kam leider nie zum Vorstellungsgespräch. Christoph Schlingensief findet er auch sympathisch, wollte sich dessen "visuelle Seltsamkeiten" in Bayreuth aber lieber nicht ansehen. Harald Schmidt hat bei Kaiser in Stuttgart studiert. Sein Leben ist gepflastert mit "Zelebritäten", wie Kaiser selbst sagen würde, solche Ausdrücke benutzt er ständig. Wenn er seine Texte diktiert, heißt es, färbte das gelegentlich auf seine jungen Kollegen in den benachbarten Büros ab, die schrieben dann gleich wie er.
Kaisers Stil ist unverkennbar, eine intellektuelle Kraftsprache, klar und entschieden: "Enorm" sagt er oft, und "verrückt", "Donnerwetter, toll, das trifft mich!" oder "fabelhaft virtuos und witzig". Manchmal koppelt er all das auch, "verspielt-flott" steht dann in seinen Rezensionen, "lehrhaft-lebhaft-redselig" oder "herb-neblig-protestantisch". Ein Höhepunkt ist die "Schwachsinns-Insel", ein typischer Satz: "Tiere sind komisch, lenken freilich auch ab." Spricht er von Büchern, sagt er "Sachen", Frischs Sachen, Bachmanns Sachen, eine Art skeptisches Handwerkerunderstatement, Männermarotten. "Das gehört zu Ihren besten Sachen", soll er einmal zu Adorno gesagt haben, eine lustige Frechheit, aber der eitle Adorno hat sich trotzdem gefreut.
Als Kaiser das erste Mal zur Gruppe 47 fuhr, ließ er sich "einen schönen, hellen und recht teuren Fresco-Anzug" machen. Kein Wunder, dass unter all den schreibenden Frontsoldaten gekichert wurde, als er den Mund aufmachte. Es kann aber auch sein ostpreußisch-rollend-baltischer (dieser Stil färbt wirklich ab!) Zungenschlag gewesen sein, der sich langsam legte, aber nie ganz. So wie er die Vertreibung akzeptiert hat, es ihn aber kränkte, als er nach der Wende wieder nach Königsberg und Tilsit fuhr, dort noch die Wolken und den Fluss fand, aber seine Heimat nicht mehr.
"Loriot bewundert mich, und ich bewundere ihn", sagt Kaiser. Er hält sich selbst für einen großen Mann, aber die Kunst, daran lässt er nie einen Zweifel, ist immer noch größer, unerreichbar groß, wie die Sterne eben. Als seine Frau Susanne im vorigen Jahr starb, ging er am Tag nach der Beerdigung im Pool schwimmen und hörte Schuberts "Der Tod und das Mädchen" dabei. "Lieben heißt bereits, etwas Entscheidendes zu verstehen", hat er über die Leidenschaft für die Musik gesagt. Sie ist sein Lebensmittel.
TOBIAS RÜTHER
Henriette Kaiser, Joachim Kaiser: "Ich bin der letzte Mohikaner". Ullstein-Verlag, 320 Seiten, 24,90 Euro