26.01.2012 · Liebeserklärungen an den Tennisspieler Roger Federer: Der Zürcher Autor und Journalist Dominique Eigenmann schwärmt ein bisschen zu sehr.
Von Jochen HieberObwohl Roger Federer das Viertelfinale bei den Australian Open am Dienstag, dem 24. Januar, in Melbourne gegen den ob der drückenden Nachmittagshitze zunehmend ermattenden Argentinier Juan Martin Del Potro völlig undramatisch in drei glatten und eleganten Sätzen gewann: Es war ein hochsymbolisches Spiel. Genau zum tausendsten Mal nämlich seit Beginn seiner Profikarriere im Jahr 1998 stand Federer bei einem offiziellen Turnier auf dem Platz.
Und dieser Platz, die Rod-Laver-Arena, gemahnte ihn zugleich an den einzigen der ganz großen Titel, der ihm in seiner singulären Laufbahn noch fehlt. Ihn, den sogenannten Grand Slam, hat bei den Herren zuletzt ebenjener eher schmächtige und inzwischen dreiundsiebzig Jahre alte Australier Rod Laver errungen, zu dessen Ehren die Veranstalter der Offenen Tennismeisterschaften des Landes im Jahr 2000 dann ihren neuen Centre Court benannten.
Grand Slam: Das bedeutet den Titelgewinn bei den vier wichtigsten Turnieren, also in Melbourne, in Paris, in Wimbledon und in New York - und zwar innerhalb einer einzigen, jeweils von Januar bis November währenden Saison. Wie schwer, ja nahezu unmöglich dies angesichts der verschiedenen Böden - Hartplatz, Rasen, roter Sand - und der daraus resultierenden unterschiedlichen Spielweisen geworden ist, belegt der Umstand, dass Lavers letzter Rundum-Triumph inzwischen dreiundvierzig Jahre zurückliegt. 1962, also nochmals sieben Jahre zuvor, hatte er das Kunststück schon einmal vollbracht.
Vieles deutet darauf hin, dass Federer dieser historische Rekord versagt bleibt. In diesem Jahr ist er jedenfalls schon nicht mehr möglich. Denn im tausendundersten Match verlor der dreißigjährige Schweizer am vergangenen Donnerstag das Halbfinale gegen den Spanier Rafael Nadal, der neben dem Schotten Andy Murray der einzige aktuelle Spitzenspieler ist, gegen den Federer eine negative Bilanz aufweist.Vorderhand also bleibt es dabei, dass er mit seinen bisher sechszehn Titeln bei den ganz großen Turnieren unerreicht ist. Und außer ihm hat es auch noch niemand vermocht, dreimal - in den Jahren 2004, 2006 und 2007 - je drei der vier Grand-Slam-Titel zu erobern.
Ob er mit oder ohne einen echten Grand Slam abtreten wird und ob der Rücktritt über kurz oder lang erfolgt, spielt jedoch längst keine Rolle mehr. Bereits jetzt ist Federer die bedeutendste Figur der Tennisgeschichte - und laut der jüngsten Umfrage des New Yorker Reputation Institute lediglich hinter Nelson Mandela, aber noch vor Bill Gates oder dem Dalai Lama auch die geachtetste lebende Persönlichkeit weltweit. Jeder weitere Triumph wird seinen Ruhm nicht mehren, sondern nur noch befestigen können, keine sportliche Niederlage kann ihm noch schaden.
Auch deshalb wächst seit geraumer Zeit die Zahl der Bücher, die sich mit ihm und seiner Karriere beschäftigen und deren Titel Programm sind: "Tennis für die Ewigkeit" etwa lauten sie oder schlicht "Das Tennisgenie". Fünf Jahre liegt mittlerweile auch schon der bisher trefflichste Essay über Federers Spielkunst zurück. Er stammt von dem 2008 aus dem Leben geschiedenen amerikanischen Romancier und Kultautor David Foster Wallace, heißt "Poesie in Bewegung", wurde hierzulande im "Spiegel" veröffentlicht und brachte neben präzisen Beschreibungen der stupenden technischen Variabilität erstmals auch metaphysisches Vokabular, ja "religiöse Erfahrung" ins Spiel, um Federers einzigartige Wirkung auf die Zuschauer annäherungsweise zu schildern und zu deuten.
Vielfach und explizit an Foster Wallace knüpft der Schweizer Journalist Dominique Eigenmann nun in seiner Federer-Hommage an. Der Verfasser ist im Hauptberuf Nachrichtenchef des "Tages-Anzeigers" in Zürich, mithin, sollte man meinen, ein nüchtern abwägender Mensch. Nüchternheit bestimmt seinen leicht lesbaren Aufsatz auch immer dann, wenn es um den durchaus langsamen, letztlich aber unaufhaltsamen Aufstieg des Jungspunds aus Basel geht, wenn "die Ära der absoluten Dominanz" zwischen 2004 und 2008 Revue passiert, wenn schließlich die keineswegs immer erfolgreiche Gegenwehr gegen das Muskel- und Powertennis der jüngeren Garde um Nadal oder den Serben Djokovic zu schildern ist - alles gut geschrieben, nicht selten hübsch formuliert ("der Linkshänder Nadal" als "Federers Nemesis") und richtig eingeordnet, aber eben auch nicht sonderlich überraschend oder gar neu.
Dass Eigenmann mit dem Bekenntnis beginnt, er sei ein "Fan von Roger Federer": je nun, mag sein. Dass jedoch immer und immer wieder von "Liebe" die Rede ist, mutet selbst dann aufdringlich an, wenn man die Ironiezeichen im Geiste gleich mitliest. Vor allem verschließt das einseitige Liebesgeturtel dem Autor so manchen analytischen Zugang ganz. Federer und die Schweiz: Von einem Zürcher Journalisten hätte man mehr erwartet als eine knappe halbe Seite über die "famose Swissness". Der Fan eines Sportlers zu sein, der "nie schwitzt", der "nie verletzt ist" und dem "alles leichtfällt", der also nicht einen Makel hat: Ist das nicht furchtbar langweilig? Devot dem "Apollinischen" seines Helden huldigend, hat Eigenmann darauf nur pure Apologie zur Antwort: "Je mehr er (Federer) gewinnt, desto mehr wollen die Zuschauer, dass er gewinnt." Das mag ja nicht falsch sein, etwas wenig ist es schon.