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Geschichte der Infrastruktur : Unser Leben in Fließräumen

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Nicht alle sind an den Strom angeschlossen

Wenn Angebot und Bedarf divergieren und Infrastrukturen nicht gewohnheitsmäßig gebraucht werden, weil die Vorteile ihrer Nutzung nicht einleuchten, dann veröden Netzwerke so schnell, wie sie aufgebaut wurden. Van Laak verweist mithin auf die Verbindung von Infrastrukturen und Lebensstilen, insbesondere auf die Bezüge zu einem großstädtischen Habitus, der „möglichst gefahrenarme und reibungslose Begegnung, Information oder Fortbewegung“ bevorzugt.

Wenn jedoch bestimmte Wechselwirkungen einsetzen, dann entfalten Infrastrukturen eine gewaltige Eigendynamik, weil eine Entwicklung eine andere notwendig erscheinen lässt. Zu den großen Familienereignissen der Nachkriegszeit zählte etwa die Anschaffung eines Kühlschranks. Nun erschienen Großeinkäufe mit dem Auto naheliegend. Wie viele andere Haushaltsgeräte setzt auch dieses Utensil globale Waren- und Kühlketten voraus, die auf geeigneten Wasser-, Abwasser-, Elektrizitäts-, Verkehrs- und Kommunikationssystemen beruhen. Haushalte koppelten dadurch ihr Essverhalten von regionalen und saisonalen Angeboten ab; innerhalb der Familien konnte man vereinzelt und nach Belieben auf die Vorräte zugreifen, so dass gemeinsame Mahlzeiten fast schon besondere Ereignisse darstellen.

Infrastrukturen machten „neue Kreisläufe des Konsums“ möglich, und umgekehrt legitimierten neue und nun immer stärker individualisierte Konsumbedürfnisse den Ausbau von Infrastrukturen. Beides dirigiert den Alltag ebenso nachhaltig wie untergründig – aber eben nur für einen ganz bestimmten Teil der Welt. Für die 1,3 Milliarden Menschen ohne Strom ist die Bestückung des Kühlschranks ebenso wenig ein Problem wie die Entscheidung, ob der Gas- oder Elektroherd kulinarisch zu bevorzugen sei, für jene 2,6 Milliarden, die ausschließlich mit Holz oder mit Dung kochen.

Der Druck auf die Menschheit steigt

Die Geschichte der Infrastruktur verläuft ohne große Helden, Zäsuren und Jahrestage. In ihrem Zentrum stehen „moderne Durchschnittsmenschen in ihrer wiederkehrenden Bedürfnissphäre“. Die infrastrukturellen Grundlagen ihres Lebens lassen sich nicht aus konsistenten Plänen erklären, sondern resultieren aus „einem Geflecht sehr unterschiedlicher und sehr widersprüchlicher Interessen“. Dirk van Laak verfügt über einen großen Schatz an Anekdoten, zugleich über einen beeindruckenden Weitblick. Er verbindet erhellende und sehr unterhaltsam erzählte Episoden mit einem souveränen Wissen über Strukturen.

Auf der einen Seite führt dies zu einem unaufgeregten Blick auf aktuelle Entwicklungen. Im Reich der Infrastrukturen herrschen nicht die radikalen Innovationen, sondern Modifikationen, Renovierungen, Wiederholungen, Um- und Überbauten, Erweiterungen, Ergänzungen und Nachnutzungen. Weil es um Entwicklungen von langer Dauer geht, liegt vieles „unterhalb der alltäglichen Aufmerksamkeitsschwelle“. Darin besteht zugleich die unbarmherzige Gewalt von Infrastrukturen als „Machtspeichern“. Proteste gegen Verkehrsgroßprojekte wie „Stuttgart 21“ bieten immer auch eine gute Gelegenheit zum symbolischen Widerstand gegen die zunehmende Abhängigkeit von Netzwerken, die das Leben durchwuchern. Dass für den zivilgesellschaftlichen Protest alle vorhandenen Infrastrukturen genutzt werden, versteht sich von selbst.

Im Smartphone schließlich verdichtet sich eine zweihundertjährige Infrastrukturgeschichte. Das Allerweltsgerät sorgt für Unabhängigkeit von räumlichen und sozialen Begrenzungen und gewährt Anschluss an die globalen Daten- und Informationsströme. Zugleich setzt es die Fähigkeit und die Bereitschaft voraus, permanent Entscheidungen zu treffen und die Nutzung ständig neuer digitaler Angebote einzuüben. „In aller Regel“, so van Laaks frustrierender Befund, „wird die Zeit, die wir durch schnellere Wege oder bessere Organisation gewinnen, sogleich wieder für Aktivitäten verausgabt, die zuvor nicht auf der Agenda standen“.

Statt für Selbstverständlichkeit und Verlässlichkeit zu sorgen, steigt der Druck. Wenn Infrastrukturen moderne Gesellschaften auf einen gleichmäßigen, gemeinsamen Takt eingeschworen haben, wird zudem deutlich, was auf dem Spiel steht, sobald das zunehmend differenzierte und diverse digitale Angebot das „Ideal der Gleichbehandlung“ in Frage stellt.

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