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Dieter Thomä: Väter : Der Vater hat die Hosen nicht mehr an

  • -Aktualisiert am

Bild: Hanser

Dieter Thomä sieht die Väter als tragische Helden der Moderne. Nach dem Sturz des Patriarchats muss jeder, der seiner Vaterrolle gerecht werden will, scheitern. Im Alltag gibt er ihnen jedoch eine sinnvolle Aufgabe: Die Väter sollen ihre Kinder das Können und das Wollen lehren.

          Ist denn heute, vierzig Jahre, in unserer Zeitrechnung also gerade mal eine Generation, nachdem die 68er den Patriarchen in hohem Bogen aus seinem Familiensitz warfen, die Zeit wirklich schon wieder reif, um der geschassten Autorität ein Eckchen zu kehren? Nicht unbedingt, könnte man meinen, und ein bisschen schmeckt die „moderne Heldengeschichte“, die der zweifache Vater und Philosophieprofessor Dieter Thomä über „Väter“ auftischt, wie guter Wein in nicht mit letzter Gründlichkeit ausgespülten Schläuchen. Doch eins nach dem anderen.

          Worum geht es in Thomäs Bilderbogen der Väterkultur? Zunächst einmal um die Tatsache, dass sich Männer und Frauen (z. B. in Deutschland) spät oder gar nicht, auf jeden Fall aber zu selten zum Elternsein entschließen. Das bringt die bekannten demographischen Schwierigkeiten einer alternden Gesellschaft mit sich. Je weniger selbstverständlich das Leben mit Kindern ist, desto häufiger muss man zweitens konstatieren, dass sich Eltern kein Bild von ihrer jeweiligen Elternrolle machen. Schlecht gerüstet stolpern sie in das Abenteuer Familie.

          Ausweichmanöver im Familienleben

          Es sind dann, nach Thomäs plausibler Diagnose, eher die Männer, die ihr Heil in der Flucht suchen. Wenn sie können, gehen sie tagsüber im sicheren Hafen der Arbeit vor Anker, um erst nach Einbruch der Dunkelheit wieder Familiensegel zu setzen. Ein solches Manöver bringt aber nicht nur den Haussegen in Schieflage (Geschlechterverhältnis), sondern nimmt auch dem Kind die Chance, im „Gesellschaftsspiel der Generationen“ anzukommen, um die „Fackel des Lebens weiterzureichen“, sagt Thomä.

          Die Krankheit, die spätestens seit Alexander Mitscherlichs einflussreicher Studie als „Vaterlosigkeit“ betitelt wird, hat Thomä zufolge eine Geschichte, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht. In Anlehnung an Mitscherlichs These vom „Erlöschen des Vaterbilds“ erklärt er, dass die Vaterlosigkeit „Teil des Programms der Moderne“ sei. Mit Fortschritt und Emanzipation, so scheint es, ist unwillkürlich die Abdankung, Absetzung oder Verwerfung des Vaters verknüpft. Auf der Suche nach einem Schuldigen für die Vatermisere landet Thomä zunächst beim englischen Philosophen John Locke, der mit einer kleinen Streitschrift gegen den Absolutismus („Morbus gallicus“ – ein damals geläufiger Name der Syphilis) das Patriarchat „zur Strecke gebracht“ und durch den Gesellschaftsvertrag ersetzt habe. Das Patriarchat begreift Thomä als umfassende Welt- und Gesellschaftsordnung mit dem göttlichen Vater an der Spitze, dem von ihm autorisierten Monarchen in der Mitte und dem „pater familias“ als Miniaturausgabe des absoluten Herrschers am unteren Ende.

          Der Fall des Monarchen

          In der Französischen Revolution sieht Thomä diesen väterfeindlichen Schachzug auf dramatische Weise vollendet: Nicht der imaginierte Vertrag zwischen Freien und Gleichen soll hier mit der Macht des Vaters brechen, sondern die reale Versammlung der Generalstände beschließt die Enthauptung des Monarchen. Weil sich die Revolutionäre im Namen der Brüderlichkeit aber bald gegenseitig zerfleischen, bringt der inszenierte Vatermord nicht die erhoffte Befreiung, sondern endet im Terror. „Sie ist wie Saturn, der nach und nach die eigenen Kinder verschlingt“, soll der Abgeordnete Vergniaud kurz vor seiner Guillotinierung über die Revolution gesagt haben. Die Revolution scheitert, so kann man Thomäs impressionistischer Deutung einer Reihe von Bildern und Texten der Revolutionszeit entnehmen, weil sie genau wie der „sterile Mechanismus“ des Gesellschaftsvertrags das Band zwischen den Generationen zerreißt.

          Vom Vatermord zur Kinderlosigkeit: Worauf die Zerstörung der Familienbande in letzter Konsequenz hinausläuft, zeige die russische Revolution. Die gegen Tradition und Autorität entfesselte Gewalt habe sich hier ganz buchstäblich gegen die Kinder gekehrt, die entweder in „Arbeitskommunen oder Kinderheimlaboratorien“ gesteckt oder gar nicht erst zur Welt gebracht worden seien. Der vermeintliche Umstand, dass noch im Moskau der dreißiger Jahre drei von vier Schwangerschaften mit einer Abtreibung geendet hätten, legt Thomä der familienfeindlichen Gesetzgebung der frühen Sowjetzeit zur Last: Ehebruch, Abtreibung oder Inzest seien gleichermaßen willkommen gewesen. Alarmiert vom freien Fall der Geburtenrate habe erst Stalin die Eltern wieder zum Austragen und Erziehen ihrer Kinder verpflichtet.

          Der Kapitalismus hat kein Familiengefühl

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